Ein Büchlein, das die ganze Welt erleuchten sollte

Vor 50 Jahren erschienen die «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong». Die Mao-Bibel prägt China bis heute.

Auf Schlafen und Essen konnte man verzichten – nicht aber darauf, Maos Worte auswendig vortragen zu können. Foto: Getty Images

Auf Schlafen und Essen konnte man verzichten – nicht aber darauf, Maos Worte auswendig vortragen zu können. Foto: Getty Images

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Die Mao-Bibel. Nur im deutschsprachigen Raum wurde das kleine rote Büchlein sogenannt. Im Englischen ist es «the little red book». Und im chinesischen Original sind es die «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong». Dabei trifft es der deutsche Name recht gut. Es gab einen Erlöser. Einen Glauben. Ein heiliges Buch. Und einen blutigen Kreuzzug gegen die angeblich Ungläubigen.

Das Büchlein war so klein, dass man es in der Brusttasche tragen konnte, über dem Herzen. Man las es laut – im Feld, in der Fabrikhalle. Man streckte es sich zum Gruss entgegen. «Dem Volke dienen, Genosse! Ein Pfund Chinakohl, bitte.» Man hielt es den Klassenfeinden ins Gesicht, bevor man sie beschimpfte, bespuckte, zu Boden trat. Man drückte es sich ans Herz, jeden Morgen, wenn man vor der Arbeit in der Volkskommune antrat vor dem Porträt des Vorsitzenden, um die «Instruktionen unseres grossen Führers zu erbitten». Und jeden Abend vor dem Schlafengehen, wenn man an gleicher Stelle «dem Vorsitzenden Mao Bericht erstatten» musste. Man las einander daraus vor.

«Alle Reaktionäre sind Papiertiger», «Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen», «Eine Revolution ist kein Gastmahl». Nein, eine Revolution hatte «ein Gewaltakt» zu sein (Kapitel 2: «Klassen und Klassenkampf»). Man hielt das Büchlein in der Hand, wenn man den «Loyalitätstanz» tanzte, wie das Jung und Alt, Bauern, Arbeiter und Funktionäre im ganzen Land Tag für Tag taten: mit den Füssen das Schriftzeichen «Zhong» («Loyalität») nachtänzelnd, die Hände und Gesicht stets gen Himmel gereckt, aus Respekt vor IHM, auf den Lippen die Liebe für IHN, die «rote Sonne in unserem Herzen».

«Eine geistige Atombombe»

Wei Yamei war zehn Jahre alt damals. Sie erinnert sich auf dem Webportal der «Volkszeitung»: «Wenn Mädchen wie ich damals mit dem Büchlein in der Hand in einen Bus einstiegen und laut riefen: ‹‚Die Worte des Vorsitzenden Mao’ vorzeigen! Alle!› Dann mussten alle ihr ­Exemplar vorzeigen. Wer das nicht konnte, wurde von den anderen kritisiert und nach seiner Klassenherkunft ausgehorcht.» Das Büchlein war wie ein Amulett. Man trug es auch zum Schutz. «Man konnte aufs Schlafen verzichten und aufs Essen – aber nicht darauf, die ‹Worte› alle auswendig vortragen zu können.» Weis Mutter, Tian Xiaoguang, Redaktorin der «Zeitung der Volksbefreiungsarmee», hatte das Buch zusammengestellt. 1964 in einer ersten Version, die an alle Soldaten verteilt wurde. Auf Befehl das Mao-Höflings Lin Biao, damals der Chef der Armee.

Seine Gedanken waren «eine geistige Atombombe von unermesslicher Macht».

Lin Biao war es auch, der das Vorwort zu jener berühmten zweiten Ausgabe schrieb, die am 16. Dezember 1966 erschien und die schliesslich die ganze Welt erleuchten sollte. Genosse Mao, heisst es da, sei «der grösste Marxist-Leninist aller Zeiten», seine Gedanken «eine geistige Atombombe von unermesslicher Macht». Pech nur für China, dass Mao die Bombe über seinem eigenen Volk zündete.

Der grosse Denker Mao, dessen Politik während des Grossen Sprungs nach vorn (1958–1961) 30 bis 40 Millionen Chinesen das Leben kostete: Sie verreckten vor Hunger, weil sie oder ihre lokalen Kader an Maos Ideen geglaubt hatten. Der Grosse Vorsitzende Mao, den die eigenen Genossen wegen dieses Irrsinns Schritt für Schritt beiseite drängten. Der grosse Steuermann Mao, der sich die Macht mit einem noch irrsinnigeren Schachzug wieder holte: mit der Kulturrevolution (1966–1976), in der er seine Jünger, die Jugend des Landes vor allem, auf die eigenen Genossen hetzte. Als die 1966er-Ausgabe erschien, war die Grosse Proletarische Kulturrevolution noch kein halbes Jahr alt. Sie verwüstete Chinas Seele. Schüler schlugen ihre Lehrer tot, Männer schickten ihre Ehefrauen ins Arbeitslager und Söhne ihre Mütter in den Tod. Und sie alle schwenkten dabei die Mao-Bibel.

Die Jungen, die Rotgardisten, waren Mao, dem Messias, in blindem Glauben ergeben. «China Pictorial», eine der vier noch erlaubten Zeitschriften, berichtete 1969 von den «Wundern des Vorsitzenden Mao»: «Unter Anleitung der grossen Mao-Zedong-Ideen behandelte das Mao­Zedong-Ideen-Ärzteteam der VBA-Einheit 3125 insgesamt 105 Schüler der Taubstummenschule in Fuhsien in Liaoning, woraufhin alle von ihnen ihr Gehör und ihre Sprache wiederfanden. Jetzt können sie alle «Lang lebe der Vorsitzende Mao!» rufen und die «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong» rezitieren.

Mao, der Atheist und Religionsfeind, hat längst Einzug gehalten in die Götterwelt der Volksreligion.

Keiner weiss, wie viel gedruckt wurden. Schätzungen gehen in die Milliarden. Hunderte von Druckereien wurden eigens für die Mao-Bibel gebaut. Im Land wurden der Plastik (für den Umschlag) und das Papier knapp. Als nach dem Ende der Kulturrevolution 1977 zum ersten Mal wieder Hochschulaufnahmeprüfungen stattfanden, wurde aus den Mao-Bibel-Druckereien Papier abgezweigt, damit die Prüfungsaufgaben gedruckt werden konnten. Heute findet man die Mao-Bibel nur noch in den Händen von Nostalgikern. Aber Maos Porträt hängt noch immer am Tor des Himmlischen Friedens, sein Bild ziert die Banknoten des Landes, und der neue starke Mann, Parteichef Xi Jinping, hat jede Kritik an Mao sowie die Aufarbeitung seiner Verbrechen zum Tabu erklärt.

«Der Osten ist rot»

Mao, der Atheist, der Mann, der seinem Volk einst Religion und Aberglauben austreiben wollte, hat derweil längst selbst Einzug gehalten in die Götterwelt der Volksreligion. Die Zeitung «Global Times» berichtete von einem Dorf in Gansu, in dem die Bauern unter Anleitung daoistischer Priesters und unter Absingen der revolutionären Hymne «Der Osten ist rot» dem Dorftempel eine Mao-Statue weihten. Es gibt viele Tempel, wo der Gott Mao nun neben dem Jadegott seinen Platz gefunden hat. Auch Maos Geburtsort Shaoshan ist längst nicht mehr nur ein revolutionärer Wallfahrtsort, er ist das Lourdes des Mao-Kults: Pilger bringen den Mao-Statuen dort Opfer, beten an ihrem Fuss für die Geburt eines Jungen oder für die Heilung des kranken Vaters. Die Partei missbilligt das, aber sie hat einst den Boden dafür bereitet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2016, 21:21 Uhr

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