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Ein gefährlicher Nachbar

Der Vulkan Agung spuckt seit Tagen Lava. Die Bauern im Umland haben keine Wahl: Sie müssen sich um ihre Tiere kümmern, die Felder. Um alles, was sie haben.

Der Agung am 27. November: Letztmals brach der Vulkan 1963 aus. Damals starben über 1100 Menschen. Foto: Made Nagi (EPA, Keystone)
Der Agung am 27. November: Letztmals brach der Vulkan 1963 aus. Damals starben über 1100 Menschen. Foto: Made Nagi (EPA, Keystone)

Die Turnhalle ist sicher. Aber Ketut Rais hält es hier nicht lange aus. Wenn er um die Ecke schaut, sieht er den Berg und die Rauchsäule, und dann ist er in Gedanken wieder bei seinem Haus. Was ist mit seinen drei Kühen und dem Kälbchen? Sind die Hühner mit den Küken noch da? Und wie steht es um die Bohnen und seinen Mais, den er gerade auf den Feldern gepflanzt hat?

Der balinesische Bauer ist am Fuss des Vulkans Agung zu Hause, nur wenige Kilometer vom Krater entfernt. Und das bedeutet, dass sein Dorf Sukadana jetzt innerhalb der Evakuierungszone liegt. Die Behörden fürchten einen grossen Ausbruch, in dieser Woche spuckte der Berg schon so viel Qualm und Asche, dass der siebzig Kilometer entfernte Flughafen auf Bali für mehrere Tage geschlossen blieb, Zehntausende Touristen sassen erst einmal fest in ihren Resorts, Yogazentren und Hotels. Lästig, nervig, wer braucht so was schon mitten in den Ferien. Und doch sind diese Leiden gering gegen das, was Bauer Rais und die Balinesen durchmachen, die rund um den Vulkan siedeln.

Bauer Ketut Rais mit seiner Mutter. Foto: Arne Perras
Bauer Ketut Rais mit seiner Mutter. Foto: Arne Perras

Seine Familie hat der 43-Jährige schon in Sicherheit gebracht, seine kleinen Töchter hüpfen jetzt lachend um ihn herum, sie verstehen noch nicht, was hier alles vor sich geht. Aber Rais drückt nachts kein Auge zu. Er lauscht auf jedes Geräusch, er schnuppert, ob die Luft noch rein ist.

In der Gefahrenzone

Es sind Tage quälender Unsicherheit. Und deshalb kann er nicht nur herumsitzen und warten. Seine Tiere brauchen ihn. Und so setzt er sich an diesem Nachmittag auf sein Motorrad und fährt los.

Die Strasse führt am Meer entlang, normalerweise ist sie stark befahren, auch von Touristen. In der Nähe liegt ein Eldorado für Taucher: das Wrack des amerikanischen Kriegsschiffs USS ­Liberty, getroffen von einem japanischen Torpedo im Zweiten Weltkrieg. Es wurde damals noch ans Ufer geschleppt. Doch dann brach 1963 der Agung aus. Und das Schiff rutschte hinab in 30 Meter Tiefe. In Scharen steigen seither die Flaschentaucher am schwarzen Strand von Tulamben ins Meer. Sie tauchen ab in eine bizarre Welt aus versunkenem Stahl, wo sich Korallenfische tummeln, Schildkröten durch das Wrack gleiten und Barrakudas auf Beute lauern. Aber jetzt ist die Strasse verlassen, niemand darf derzeit tauchen in Tulamben, gefährlich nahe am Vulkan.

Video: Höchste Alarmstufe

Die Behörden haben die höchste Alarmstufe ausgerufen. (Video: Tamedia/AFP/Storyful)

Nur ein paar einheimische Motorradfahrer kommen dem Bauern Rais entgegen. Er biegt in eine Seitenstrasse, an der die Behörden einen Schlagbaum errichtet haben. Ein Schild warnt: «Gefahrenzone Vulkan». Und darunter: «Zutritt nur für Behörden». Dennoch ist der Schlagbaum offen, der Staat duldet es, wenn Bauern für kurze Zeit nach ihren Tieren sehen. Für Ketut Rais geht es um seine Existenz. Und dafür riskiert er immer wieder die Fahrt zu seinem Haus.

Die Vögel schweigen

Der Weg wird nun schmal und schlängelt sich den Abhang hoch. Links und rechts liegen Felder unter Palmen und Mangobäumen. In einer Biegung hält der Bauer an und führt links hinauf zu seinem kleinen Haus. Kein Mensch weit und breit. Stille. Nicht einmal das Zwitschern von Vögeln ist zu hören. Geistergärten am Fuss des Vulkans.

Aber dann rührt sich doch plötzlich Leben in Gestalt eines braunen Vierbeiners, er wedelt heftig beim Anblick seines Herrn. Cero, der kleine Hofhund, hält tapfer Wache. Und umkreist den Fremden skeptisch. «Guter Hund», lobt ihn der Bauer. Cero gibt ein Jaulen von sich und sieht nun wieder zufrieden aus. Nun klappert es auch hinter dem Stall, wo die Kühe angepflockt sind. Um die Ecke kommt eine schlanke alte Frau. Es ist Wayan Nisa, die Mutter von Bauer Rais. Sie ist schon etwas früher angekommen und hilft, die Tiere zu füttern.

Richtung Norden liegt der Ozean, und wer nach Süden blickt, hat den Agung direkt vor Augen, einen mächtigen Kegel mit gezacktem Kraterrand. Aus dem Innern sieht man Rauch aufsteigen, er formt dicke Haufen, die in die Höhe drängen. Allerdings ist die Rauchsäule an diesem Nachmittag eher dünn. Sie sieht nicht sehr bedrohlich aus. «Fast so, als wollte er gleich wieder einschlafen», sagt Rais und stösst dabei ein gequältes Lachen hervor. Der Bauer weiss, wie schnell sich alles ändern kann. «Vor drei Tagen hat er plötzlich ein lautes Grollen von sich gegeben. Es war, als donnerte ein Hubschrauber über uns hinweg. Da bin ich gleich aufs Motorrad und ab.» Er macht ihm Angst, dieser Berg. So unberechenbar, so tückisch.

Die Grossmutter hat sich gesetzt und sagt: «So hat es damals auch angefangen.» Damals, 1963, war sie ein junges Mädchen und hatte keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Irgendwann spuckte der Vulkan so viel Asche und auch Brocken von Gestein, dass sie die Angst packte. Sie floh, zu Fuss. «Früher hatten die Behörden noch keinen richtigen Plan», sagt sie. Und kaum jemand schien mit dem Schlimmsten zu rechnen. Doch beim Ausbruch kam es zur Katastrophe, mehr als 1100 Menschen starben. Glühend heisse Gesteinswolken, auch pyroklastische Ströme genannt, rasten den Südostabhang hinunter und töteten allein im Dorf Sebudi Hunderte Bewohner. Weil der Agung als heiliger Berg gilt, hatten die Leute dort ausgeharrt und die Götter noch mit Musik und Gebeten beschworen, bevor sie in den Glutwolken starben.

Seltsame Beobachtungen

Seither hat sich der Katastrophenschutz in Indonesien enorm verbessert, schon in diesem Herbst waren die Dörfer für längere Zeit evakuiert worden, auch Bauer Rais mit der Familie musste einen Monat lang im Camp übernachten, so wie er es jetzt wieder tut. Aber es ist schwer auszuhalten, wenn man jede Minute um seinen Besitz bangt. «Das Haus, die Felder und die Tiere sind doch alles, was wir haben.»

Rias ist ein bedächtiger und freundlicher Mann. Aber auch sehr angespannt. Er schält jetzt Mangos und erzählt: «Die Nachbarn weiter oben haben seltsame Dinge beobachtet.» Vor gut einer Woche, kurz bevor der Berg riesige Aschewolken in den Himmel spie und rote Glut am Krater leuchtete, sahen die Bauern auf einmal die Tiere des Waldes fliehen. «Rehe, Affen, sogar Schlangen, alle kamen den Abhang hinunter», sagt der Bauer. Da wusste er: Hier kann er nicht mehr übernachten.

Bildstrecke: Vulkanausbruch auf Bali

Versuchen mit einer Zeremonie den Vulkan zu beruhigen: Hindus auf Bali beten. (26. November 2017)
Versuchen mit einer Zeremonie den Vulkan zu beruhigen: Hindus auf Bali beten. (26. November 2017)
Sonny Tumbelaka, AFP
Zweithöchste Alarmstufe: Der Mount Agung bleibt aktiv. (26. November 2017)
Zweithöchste Alarmstufe: Der Mount Agung bleibt aktiv. (26. November 2017)
Firdia Lisnawati, Keystone
Rettungskräfte helfen Bewohnern eines Dorfes, die evakuiert werden. (22. September 2017)
Rettungskräfte helfen Bewohnern eines Dorfes, die evakuiert werden. (22. September 2017)
Firdia Lisnawati, AFP
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Rais bangt um seine Ernte. In drei Monaten hofft er, seinen Mais zu ernten, er betet jeden Tag dafür, dass der Berg doch wieder einschlafen möge. Aber wer weiss das schon bei diesen Gewalten der Natur. Experten sagen, dass die Lage immer noch brandgefährlich ist für 100'000 Balinesen, deren Häuser innerhalb der Evakuierungszone mit einem Radius von zehn Kilometern liegen. Noch immer aber gibt es Leute, die Anweisungen der Behörden ignorieren, sie weigern sich zu gehen, sie schlafen am Fusse des Vulkans. «Sie waren nicht dabei 1963», sagt die Oma. «Sie haben das alles nicht erlebt.»

Der Bauer und seine Mutter wollen wieder los. Ihr Hund Cero kennt das schon. Er kriecht zu seinem Herrn und lässt sich die Ohren kraulen. Zeit für den Abschied. «Cero, pass gut auf», sagt der Bauer. Der Hund spitzt die Ohren, er läuft noch mit hinunter zur Strasse. Dann macht er abrupt halt und setzt sich auf die Hinterfüsse, ohne jeden Laut. Cero kennt sein Revier, das er nun wieder ganz alleine bewacht.

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