Eine Ikone verliert ihren Glanz

Die Haltung der burmesischen Nobelpreisträgerin Suu Kyi gegenüber den muslimischen Rohingya ist zynisch.

Der eskalierende Konflikt um muslimische Rohingya nähren Zweifel, ob die Lady das Land reformieren und befrieden kann. Bild: Reuters/Soe Zeya Tun

Der eskalierende Konflikt um muslimische Rohingya nähren Zweifel, ob die Lady das Land reformieren und befrieden kann. Bild: Reuters/Soe Zeya Tun

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Wenn Menschen andere Menschen als gute Helden idealisieren, erschaffen sie Ikonen. Sie verehren diese Männer und Frauen wie lebende Denkmäler, weil sie deren Hartnäckigkeit, Mut oder Unbestechlichkeit bewundern. Die jüngere Geschichte hat mehrere solche Lichtgestalten hervorgebracht, ­Mahatma Gandhi und Nelson Mandela waren die grössten. Ihr Nimbus ist nützlich für Gesellschaften in Not, Ikonen stiften Hoffnung. Geknechtete Völker brauchen sie, um aufzustehen gegen Unterdrückung und Diktatur. Doch solange sie leben, kämpfen diese Superhelden mit einer schweren Last. Was geschieht, wenn sie plötzlich umstellt sind von Problemen, die sie nicht gleichzeitig lösen können? Wenn sich Hürden so hoch türmen, dass sie nicht mehr vorankommen? Ausgebremst und lahmgelegt, verblasst ihre Strahlkraft. Die Realität kratzt am zu makellosen Bild. Gut möglich, dass die Welt gerade Zeuge einer solchen Entzauberung wird.

Schauplatz Burma: Dort hat die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi 2015 die Wahlen gewonnen, mit ihr sollte eine neue Epoche beginnen. Die Lady, wie sie genannt wird, wollte die Massen aus der Armut heben und Rebellionen der Minderheiten beenden. Jetzt aber dringen andere Meldungen in die Welt. Gewalt entflammt, die muslimische Minderheit wird drangsaliert, Terror keimt. Dabei verkörperte die asketische Burmesin einst den Kampf für Menschenrechte und Freiheit. Alle Welt verehrte sie, als sie unter Hausarrest stand, weggesperrt von Generälen, die das Volk knechteten und das Land plünderten. Damals war sie Ikone. Und jetzt? Einstige Verehrer sind irritiert. Sie rätseln, ob das Vorbild noch Vorbild ist. Verschleppte Reformen und der eskalierende Konflikt um muslimische Rohingya nähren Zweifel, ob die Lady das Land reformieren und befrieden kann.

Das Militär hat viel von seiner Macht bewahrt

An den Ikonen Mandela und Gandhi ist nicht mehr zu rütteln, sie haben sich als Idealbilder verselbstständigt. Der eine hat die britischen Imperialisten zermürbt, der andere über die Apartheid triumphiert. Die Lady aber muss ihre Mission noch erfüllen.

Von Aufbruch ist wenig zu spüren. Das Militär hat viel von seiner Macht bewahrt, durch einen Verfassungstrick verweigern die Generäle Suu Kyi das Präsidentenamt. Zurückgeworfen auf den Posten einer Staatsrätin, hat sie eine strategische Entscheidung getroffen: Statt Konfrontation sucht sie Ausgleich mit dem Militär.

Ob das auf lange Sicht klug oder ein fataler Fehler war, wird sich zeigen. In jedem Fall ist sie in die Rolle der Realpolitikerin geschlüpft. Und im Ringen um die Macht hat das Bild der Ikone Kratzer bekommen. Denn sie schliesst Kompromisse mit Kräften, die Menschenrechte immer noch häufiger verletzen als achten. Ist sie zu schwach, um das Militär zu bändigen? Es ist komplizierter. Die Lady hat durch ihren Rückhalt im Volk durchaus Gewicht. Doch warum nutzt sie es nicht mehr zum Schutz jener Rechte und Ideale, für die sie früher kämpfte? Am Schicksal der Rohingya wird ihr Zögern deutlich. Deren Not redete die Lady klein. Nun aber eskaliert die Krise, und es wird immer schwieriger, die Gewaltspirale zurückzudrehen. Radikalisierte Rohingya prallen auf das Militär, dem grausame Exzesse gegen Zivilisten angelastet werden. Doch Suu Kyi verbreitet die Botschaft, dass es bestmöglichen Schutz für alle gebe. Wer daran denkt, dass dort gerade mehr als 100'000 Menschen um ihr Leben laufen, kann das nur als zynisch empfinden.

Macht vor Menschenrechten

Die Lady folgt einem populistischen Reflex. Die Rohingya werden von vielen im Land abgelehnt. Wer sich für sie einsetzt, macht sich unbeliebt. Suu Kyi will ihre Popularität unter der dominierenden Ethnie der Burmesen nicht verspielen. So gesehen kommt das Machtkalkül jetzt vor den Menschenrechten. Die Rohingya, die nicht als Staatsbürger anerkannt werden, haben in Burma keinen Anwalt.

Die Folgen: Rohingya radikalisieren sich und rebellieren. Dies geschieht in einer Zeit, da es der Lady auch nicht gelingt, andere aufständische Gruppen zu befrieden. Ethnische Minderheiten sind misstrauisch, sie glauben, die Friedensnobelpreisträgerin marschiere mit dem Militär. Als Vorkämpferin für Menschenrechte sehen sie nicht mehr viele. So verblasst die einstige Ikone, die Realpolitik fordert Tribut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 20:09 Uhr

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