Plötzlich dürfen die Besucher den Bus nicht mehr verlassen

Eine Fahrt durch die zerstörte Reaktoranlage von Fukushima zeigt, dass die Aufräumarbeiten noch lange dauern dürften.

Mit solchen Kleinbussen werden die Besucher von Fukushima durch das Gelände gefahren. Foto: Pierre-Emmanuel Delétrée

Mit solchen Kleinbussen werden die Besucher von Fukushima durch das Gelände gefahren. Foto: Pierre-Emmanuel Delétrée

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Hideki Yagi zeigt auf das wuchtige Gewölbe, das über dem Dach des zerstörten Reaktorblocks 3 im Kernkraftwerk Fukushima I errichtet wurde. «Dort drin steht ein Kran, mit dem wir die verbrauchten Brennstäbe aus dem Abklingbecken bergen», erklärt der Nuklear­ingenieur. Zu seinen Aufgaben gehört es, Experten, Politiker und Journalisten zu Fuss und mit einem Bus durch das Labyrinth aus Baustellen, Industrie­ruinen, 962 Wassertanks und Mülllagern führen. Der «Risiko-Kommunikator», so sein Titel, soll ihnen zeigen, welche ­Fortschritte die Betreiberfirma Tepco seit dem Atomunglück vor acht Jahren gemacht hat. Yagi beklagt sich nicht über seinen Job. «Aber mir wäre nie eingefallen, dass ich einmal im Rückbau arbeite», so der Mittfünfziger.

Derzeit arbeiten 4260 Menschen auf dem Kraftwerksareal. Im ersten Jahr ­waren es bis 8000. Die Panik der ersten Monate, die später in nervöse Anspannung überging, ist einer Alltagsroutine gewichen. Im «seismischen Isolationsgebäude», wie das Hauptquartier heisst, müssen die Arbeiter durch Schleusen, sie werden ärztlich überwacht, jeder trägt ein Dosimeter. Ihnen stehen helle, saubere Garderoben zur Verfügung, Duschen, Ruheräume, Getränkeautomaten und eine Kantine. Tepco versucht, Normalität zu schaffen. Niemand, der hier arbeitet, dürfte sich vorgestellt haben, je die Trümmer einer Atomkatastrophe aufzuräumen. «Aber diese Arbeit ist dringend nötig», seufzt Yagi.

Raus aus dem AKW-Geschäft

Japans Premier Shinzo Abe, der schon vor sieben Jahren behauptete, man habe Fukushima I «im Griff», erhält die Fiktion aufrecht, die Katastrophe sei in 40 Jahren bewältigt. Um den Fortbestand von Japans Atomwirtschaft für den Export zu sichern, will er beweisen, dass sich der Atomunfall bewältigen lasse. Dabei gaben Hitachi und Mitsubishi kürzlich AKW-Projekte in Grossbritannien und in der Türkei wegen der Risiken und Kosten auf. Westinghouse, die Atom-Tochter von Toshiba, Japans drittem AKW-Bauer, ist pleite. Trotz Abes Be­mühen stieg Japan damit de facto aus dem AKW-Geschäft aus.

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9 den Nordosten Japans. Sein seismisches Zentrum lag vor der Sanriku-Küste. Das Seebeben löste einen Tsunami aus, dessen Flutwelle beim AKW 15,5 Meter Höhe erreichte. Wie sehr bereits das Beben das AKW ­beschädigte, vor allem Reaktor 1, ist umstritten. Sicher hat es die für die Reaktorkühlung unerlässliche Stromversorgung unterbrochen. Die Fluten zerstörten dann die Notstromaggregate. Ohne Kühlung schmolzen die Reaktorkerne der Blöcke 1, 2 und 3.

In der Nähe der Reaktoren 1 und 2 steigt die Strahlung auf das 40-Fache: 81,7 Mikro-Sievert pro Stunde: Ein Tepco-Mitarbeiter misst die Strahlung. Foto: Pierre-Emmanuel Delétrée

Tepco war bis dahin ein hoch angesehenes Unternehmen. Damals wusste noch niemand, dass die Tepco-Spitze anderthalb Jahre zuvor in einer internen Studie vor einem Tsunami dieser Höhe gewarnt worden war. Die Reaktoren 1 bis 4 standen elf Meter über dem Wasserspiegel. Trotz Warnung reagierte die Tepco-Spitze nicht, sie liess nicht einmal die Notstromaggregate auf eine höhere Ebene bringen. Industrie und Politik hatten die Kernenergie in Japan stets als absolut sicher beschworen, ­obwohl es schon früher zu schweren Störfällen gekommen war. Im Juli 2007 schrammte Tepco nach dem Chuetsu-Erdbeben im AKW Kashiwazaki-Kariwa nur mit Glück an einem Atomunfall vorbei. Dennoch glaubten selbst die Tepco-Leute ihr Mantra von der absoluten ­Sicherheit. Es gab deshalb auch keine Notfallpläne, sie hätten ja die Bevölkerung aufgeschreckt.

Tepco wollte strahlende Ruine sich selbst überlassen

Wenige Stunden nach dem Beben am 11. März 2011 begann der Kern von Reaktor 1 zu schmelzen. Die Reaktoren 2 und 3 folgten. Messungen der US­-Armee registrierten Isotope in der Luft, die von einer Kernschmelze stammen mussten. Gleichwohl behauptete die Regierung monatelang, es habe keine Kernschmelze gegeben. Ausländische Medien, die ihr widersprachen, beschuldigte sie, «schädliche Gerüchte» zu streuen.

Am zweiten, vierten und fünften Tag kam es in den Blöcken 1, 3 und 4 zu ­Wasserstoffexplosionen. Die Dächer flogen weg, radioaktive Iod- und Cäsium-Isotope traten in grossen Mengen ungehindert aus. Diese radioaktive Wolke verseuchte die ganze Region, vor allem nordwestlich des Meilers. Tepco war ­völlig überfordert. Am fünften Tag wollten deren Bosse in Tokio ihre Leute vom havarierten AKW abziehen und die strahlende Ruine sich selbst überlassen, wie sich der damalige Premier Naoto Kan später erinnerte. Die Tepco-Bosse bestreiten das, gegen drei von ihnen läuft derzeit ein Gerichtsverfahren.

50 Mann blieben zurück

Vor Ort ignorierte Kraftwerkschef Masao Yoshida die Anweisung aus Tokio und blieb mit 50 Mann zurück, um die Katastrophe zu bekämpfen. Diese ­«Fukushima-50», wie die Gruppe bald genannt wurde, dürfte Japan gerettet haben. Eine in jenen Wochen im Auftrag der Regierung erstellte geheime Studie legte fest, unter welchen Umständen die 38 Millionen Menschen im Grossraum Tokio evakuiert werden müssten. Wenn Tepco die Anlage sich selbst überlassen hätte, wäre es wohl so weit gekommen. Yoshida starb zwei Jahre später an Speiseröhrenkrebs. Welcher Strahlendosis er ausgesetzt war, wollen die Behörden nicht sagen, das würde seine Privatsphäre verletzen, sagen sie.


Video: Die ersten Bilder aus dem Reaktor

Vier Jahre nach der Katastrophe, im Frühling 2015, filmte ein Roboter das Innere der havarierten Anlage in Fukushima. Video: Facebook/TEPCO


Die gespenstische Sightseeingtour durchs Kraftwerksgelände führt erst an den 962 Wassertanks vorbei, in denen mehr als 1,1 Millionen Kubikmeter verseuchtes Kühl- und Grundwasser lagern. Es wird mit der ALPS-Methode (Advanced Liquid Processing System) dekontaminiert. Die Betreiberfirma Tepco sagt, nur das schwach strahlende Tritium könne damit nicht isoliert werden, aber es sei ungefährlich.

Umweltorganisationen widersprechen; auch Strontium, Ruthenium, ­Rhodium, Tellurium und Kobalt könnten im «dekontaminierten» Wasser nachgewiesen werden. Bisher sagte niemand, was mit dem Wasser geschehen soll. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es irgendwann ins Meer abgelassen ­werden wird. Einen anderen Ausweg gebe es nicht.

280 Millionen Franken teure Eismauer

Immer wieder passiert der Bus Messstationen, die die Strahlung anzeigen. Dabei fällt auf, wie gross die Unterschiede sind. Beim Hauptquartier beträgt die Strahlung an diesem regnerischen Tag 2,17 Mikro-Sievert pro Stunde, etwa der Strahlung auf einem Langstreckenflug. Auf 96 Prozent des AKW-Geländes konnte sie so weit reduziert werden, dass man zum Gesundheitsschutz nur noch eine Atemmaske und Handschuhe braucht.

Zur Sicherheit erhält trotzdem jeder der inzwischen jährlich 10000 Besucher ein Dosimeter. In der Nähe der Reaktoren 1 und 2 steigt die Strahlung auf das 40-Fache: 81,7 Mikro-Sievert pro Stunde. Die Besucher dürfen den Bus nicht verlassen. Im Reaktorblock 2 wurden mit Robotersonden bis 530 Sievert gemessen, das wäre in kurzer Zeit tödlich.

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Vor Reaktor 4 zeigt Yagi die 280 Millionen Franken teure Eismauer. Mit ­dickem Eis ummantelte Rohre führen 30 Meter in die Tiefe, bilden eine 1500 Meter lange Untergrundbarriere um die vier havarierten Reaktoren. Durch die 1571 Rohre strömt eine auf minus 30 Grad gekühlte Calciumchlorid-Lösung. Sie vereist die Erde auf einer Breite von 1,5 Metern. Damit soll verhindert werden, dass Grundwasser sich mit kontaminiertem Kühlwasser mischt. Zu Beginn drangen bis 810 Tonnen Grundwasser pro Tag in die Reaktorkeller ein. Sie wurden verseucht und mussten aufgefangen werden. Mit der Eismauer konnte diese Wassermenge auf 90 Tonnen pro Tag verringert werden.

«Wir haben uns geschämt»

Am Block 1 werden derweil acht Jahre nach dem Unfall noch Trümmer weggeräumt. Im Block 2, wo die Strahlung am stärksten ist, weil es keine Explosion gab, die das Reaktorgebäude geknackt hätte, ist es kürzlich erstmals gelungen, mit einem Roboter den Schmelztiegel des Kerns zu erreichen. Der Rückbau von Fukushima I hat erst begonnen.

«Wir entwickeln jetzt Geräte, mit denen wir die geschmolzenen Reaktorkerne bergen können», sagt Yagi. Damit wolle man im Jahr 2022 beginnen. Er räumt jedoch ein: «Es war zu optimistisch, zu sagen, das Unglück sei in 30 bis 40 Jahren bewältigt. Es gibt noch keinen konkreten Zeitplan.» Zum Abschied ­erzählt er: «Wir haben uns geschämt, als das Unglück passierte. Bis zu einem gewissen Grad fühlen das viele bis ­heute.» Aber für seine Arbeit müsse er die Gefühle unterdrücken.

Verlassene Dörfer

Die Fahrt vom Kraftwerk zurück nach Süden führt durch die evakuierten Gemeinden Futaba und Okuma, an einem zerstörten und zugewachsenen «Super Home Center» vorbei, einer verlassenen Klinik, verwüsteten Toyota- und Honda-Vertretungen, einer geplünderten Idemitsu-Tankstelle und verfallenen Wohnhäusern. Die Haupstrasse ist offen, an den Nebenstrassen stehen ­Wachen, die die Sonderbewilligungen kontrollieren.

Weiter südlich, in Tomioka und Nahara, ist der Evakuierungsbefehl aufgehoben, aber Menschen sieht man kaum. Auf vielen Dächern liegen blaue Planen gegen den Regen, die Erdbebenschäden wurden nicht repariert, die Häuser sind nicht bewohnt. Und überall Lager mit riesigen schwarzen Plastiksäcken, in die verstrahlte Erde gepackt worden ist. Einer Umfrage zufolge wollen mehr als die Hälfte der Evakuierten nicht zurück.

Gebete zum 8. Jahrestag: Besucher gedenken der Opfer der Fukushima-Katastrophe vor dem AKW-Gebiet. Foto: Keystone

Erstellt: 11.03.2019, 11:49 Uhr

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