Enttäuscht Franziskus?

Der Papst befindet sich in Burma auf einer schwierigen Mission.

Grosser Jubel: Papst Franziskus wird am internationalen Flughafen Rangun empfangen. Video: Tamedia/AFP

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Seit Sonntag absolviert Franziskus einen Pastoralbesuch im buddhistischen Burma und anschliessend im islamischen Bangladesh. Der Papst hat schon viele arme und instabile Länder der globalen Peripherie besucht. Doch die zweitlängste seiner bisher 21 Auslandreisen dürfte eine der schwierigsten werden.

Schwierig, weil er das Wort vermeiden soll, das die Weltöffentlichkeit von ihm selbstverständlich erwartet: Rohingya. Die Bischöfe von Burma haben es für die Dauer seiner Reise zum Tabuwort erklärt: «Wir haben ihm gesagt, dass das Wort Rohingya im Land immer noch ein sensibler Punkt ist und daher während der Reise besser nicht benutzt wird.» Der Papst solle von «Muslimen aus der Provinz Rakhine» sprechen.

Wird Franziskus dem bischöflichen Verdikt folgen? Im offiziellen, vom Vatikan erstellten Besuchsprogramm ist die verfolgte muslimische Minderheit überhaupt nicht erwähnt. Rund eine halbe Million Rohingya sind ins Nachbarland Bangladesh geflohen.

Kein Abstecher in die Krisenregion

Weder ist ein Abstecher in die Krisenregion Rakhine noch ein Treffen mit den geflüchteten Rohingya in Bangladesh traktandiert. Erst in letzter Minute gab der Vatikan bekannt, dass bei einem interreligiösen Treffen in Bangladeshs Hauptstadt Dhaka am 1. Dezember auch eine kleine Gruppe Rohingya dabei sein wird.

Einzelne Bischöfe Bangladeshs schlagen beherztere Töne an als ihre Kollegen in Burma. Moses Costa, der Erzbischof von Chittagong, wo sich die geflüchteten Rohingya aufhalten, ist überzeugt, dass Franziskus das Thema während der Visite ansprechen wird: «Ich weiss, dass er nicht ohne ein Wort wieder weggehen kann.» Es sei schlicht nicht vorstellbar, dass der Papst mit seiner Empathie für Minderheiten diese links liegen lasse. Im März hatte er als eine der ersten internationalen Autoritäten die Gewaltexzesse des Militärs in Burma gegen die Rohingya verurteilt und sich wiederholt mit den wegen ihres Glaubens drangsalierten Muslimen solidarisiert.

Die Südasien-Visite verlangt vom Papst einen diplomatischen Balanceakt sondergleichen. Er wird privat Armeegeneral Min Aung Hlaing treffen. Und heute auch De-facto-Regierungs­chefin Aung San Suu Kyi. Zweimal hatte er die Friedensnobelpreisträgerin im Vatikan empfangen – als Zeichen seiner Wertschätzung. Doch gilt diese noch immer und uneingeschränkt? Oder wird er ihr ins Gewissen reden, nachdem sie für die jüngsten Wellen der Gewalt «Terroristen» verantwortlich gemacht und von einem «Eisberg an Falschinformationen» gesprochen hat? Eher nicht.

Franziskus’ Gewährsmann in Burma ist Erzbischof Charles Maung Bo von Rangun. Wegen seiner anwaltschaftlichen Rolle für religiöse Minderheiten hat er ihn 2015 zum Kardinal erhoben. Bo setzt sich vor allem für die von extremistischen Buddhisten und Islamisten bedrängte christliche Minderheit ein, die in Burma nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Nur Lob für Aung San Suu Kyi

Zwar verurteilte Bo die Gewalt der Armee gegen die muslimische Minderheit nach den Angriffen von Rohingya-Rebellen auf Polizeistationen Mitte August. Doch den «globalen Aufschrei» gegen Aung San Suu Kyi hält er für unangebracht. Er verteidigte ihren zögerlichen Umgang mit der Krise in Rakhine und lobte ihren Einsatz für die Demokratie – wie die meisten Christen in Burma. Die katholische Bischofskonferenz in Pakistan hatte Aung San Suu Kyi demgegenüber dezidiert aufgefordert, den Rohnigya endlich mehr Rechte zu gewähren.

Von seinen Prinzipien her müsste Papst Franziskus die Buddhistin ermahnen, ihrer Rolle als Friedensnobelpreisträgerin gerecht zu werden und sich auf die Seite der geschundenen Muslime zu schlagen. Wahrscheinlicher ist, dass er Aung San Suu Kyi ganz allgemein ermutigen wird. Auch für das von ihr mitgetragene Rückführungsprogramm der Rohingya nach Burma. Zugleich aber muss er deutlich genug die Rechte der muslimischen Minderheit einklagen.

Alles andere wäre eine Enttäuschung und würde nicht zu diesem Papst passen.

Erstellt: 27.11.2017, 19:45 Uhr

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