Fast, als wäre nichts gewesen

Die Revolution von 1917 brachte Russland einen gewaltigen Umbruch und forderte Millionen Opfer. Doch gewandelt hat sich letztlich erschreckend wenig.

Russische Soldaten marschieren im Oktober 1917 mit einem «Kommunismus»-Banner in Richtung des Kreml in Moskau. Foto: Russian State Documentary Film and Photo Archive (AP)

Russische Soldaten marschieren im Oktober 1917 mit einem «Kommunismus»-Banner in Richtung des Kreml in Moskau. Foto: Russian State Documentary Film and Photo Archive (AP)

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Kommt man in Moskau auf den Roten Platz, ist der Anblick atemberaubend: zur Linken die lange Front des Nobelkaufhauses GUM, 1893 erbaut, ein Prunkbau mit Bogenfenstern und Türmen; beleuchtet sieht es aus wie ein Märchenschloss. Man kann sich plastisch vorstellen, wie die Reichen und Schönen hier zur Zarenzeit ihre Schnäppchen machten. Am Ende des Platzes dann die kunstvolle Basilius-­Kathedrale mit ihren bunten Zwiebel­türmen, der Inbegriff Russlands sozusagen. Rechts schliesslich der Kreml: die sonderbar kühlen, aber eleganten Gebäude in Gelb und Weiss mit den grünen Dächern, davor die rote Mauer, die den einstigen Zarensitz umschliesst. Und dann das Lenin-Mausoleum, ein häss­licher Klotz. Nicht so gross, wie die Propagandabilder es einem weismachen wollen – eine missratene kleine Pyramide eher, auf der die Sowjetoberen dem Volk einst milde lächelnd zuwinkten. Und darin liegt seit 1924 der Chef dieser roten Revolution, die das Land 1917 überrollte.

Was macht Lenin noch hier?

Was macht er eigentlich noch hier, fragt man sich unwillkürlich? 100 Jahre danach? Was hat der Revolutionär in diesem gänzlich neuen, anderen Russland noch zu suchen, das mit Parteiherrschaft, Sozialismus, Arbeiter- und Bauernstaat und der Weltrevolution so absolut gar nichts mehr zu tun hat? Natürlich hat es seinen Grund, dass er hier noch liegt, die Lenin-Statuen noch immer das ganze Land überziehen. Denn sie stammen nur in den Augen des Westens aus einer anderen Welt. Für die meisten Russen sind Zarismus, Kom­munismus und modernes Russland eins – irgendwie. Dass Lenin Chef dieser Revolution wurde, dass diese Revolution überhaupt stattfand, war keineswegs unausweichlich, wie die Bolschewiki das darstellten. Sie hätte im Gegenteil leicht verhindert werden können. Wenn die Zaren nicht hoffnungslos in einer anderen Welt gelebt hätten, wenn man rechtzeitig Reformen eingeleitet hätte, wenn man sich nicht einen Deut um das Wohl der Menschen gekümmert hätte.

Bildstrecke – Lenin-Statuen im ganzen Land

Alexander II. hielt Russlands Schicksal in den Händen, der Befreierzar, wie er genannt wurde. Er hatte die russischen Bauern 1861 aus der Leibeigenschaft befreit, rund 100 Jahre später als in Westeuropa. Alexander II. sah ein, dass er nicht länger der Stellvertreter Gottes auf Erden war, und dachte über eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Englands nach.

Doch eine Bombe anarchistischer Extremisten tötete den Herrscher Russlands 1881 und pulverisierte seine Reformpläne. Seine Nachfolger erholten sich nie von dem Schock, und die vernichtende Spirale drehte sich von nun an immer schneller: Die brutale Repression des Regimes erzeugte noch mehr Terror und Aufstände, die Verzweiflung der Bauern wuchs, weil sie zwar frei waren, aber kein Land hatten – die Soldaten waren des Krieges müde und wollten nur noch nach Hause.

Der Grad der Verzweiflung stieg

Doch den Zaren war das egal. Sie schickten Todesschwadronen aus, liessen auf friedliche Demonstranten schiessen, glaubten, die Situation in den Griff zu bekommen, wenn sie nur genug Härte zeigten. So wie immer eben. Doch das Land hatte sich verändert, der Grad der Verzweiflung stieg und brachte schliesslich die Februarrevolution von 1917, den eigentlichen, echten Volksaufstand. Doch es war niemand da, der die freiheitlichen Ideale der Februarrevolution bündeln und umsetzen konnte – oder wollte.

Und dann kam der Oktober 1917. Nach westlicher Zeitrechnung war es der 7. 11., als es zur Katastrophe kam. Zwar gab es keinen filmreifen Sturm auf den Zarenpalast, wie ihn die bolschewistische Geschichtsschreibung in bunten Farben malt. Es fiel kein Schuss, es war einfach nur ein unspektakulärer Putsch: Die Bolschewiki übernahmen in Petersburg über Nacht die Macht. Viele Bürger der Stadt lasen es am nächsten Tag mit Erstaunen in der Zeitung, dass eine Gruppe Revolutionäre, die keinen breiten Rückhalt in der Bevölkerung hatte, die Herrschaft im Land übernahm. Schliesslich begann der Bürgerkrieg, der bis 1921 dauerte. Mindestens 8 Millionen Menschen kostete er das Leben. Die meisten waren Zivilisten, sie starben nicht im Kampf, sondern wurden von den Weissen oder den Roten willkürlich dahingemetzelt. Schliesslich kippten die Bauern auf die Seite der Revolution, weil sie Angst hatten, dass sie das Land, das sie sich genommen hatten, wieder zurückgeben müssten, wenn die alte Ordnung zurückkehren würde. Dass sie einige Jahre später von den Bolschewisten selber blutig enteignet wurden, ist eine böse Ironie des Schicksals.

Sozialismus, Kommunismus, Atheismus – konnte der Unterschied grösser sein zur gottgegebenen, autokratischen Zarenherrschaft? Doch bald stellte sich heraus, dass es durchaus Gemeinsamkeiten gab. Um Lenin wurde ein Führerkult geschaffen, regiert wurde das Land nicht von der grossen Kommunistischen Partei und den Arbeitern, sondern von einem kleinen Kreis von Berufsrevolutionären. Und einmal mehr spielten die Menschen in dem Konzept keine Rolle: Alles musste dem grossen Ziel der Weltrevolution, der grossen Sowjetunion untergeordnet werden – was zählte da schon ein Menschenleben?

Ein immer gewaltigerer Repressionsapparat wurde aufgebaut und führte direkt in den grossen Terror Stalins. Um die Sache ging es da längst nicht mehr. Stalin hatte seine Tötungsmaschine auf Blindflug geschaltet und für jede Region im Vornherein festgelegt, wie viele Menschen zu Arbeitslager, wie viele zum Tod verurteilt werden sollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, für den der Staat das Volk dann doch brauchte und deshalb zeitweise verschonte, ging es weiter mit dem Töten. Nun wurden die zurückkehrenden Soldaten und Offiziere in die Lager gesteckt, weil man befürchtete, sie schleppten westliches Gedankengut nach Russland ein – eine tödliche Krankheit in den Augen Stalins.

Repressionen bis zum Schluss

Mit seinem Tod liess die Brutalität nach, auch wenn die Repressionen dem System bis zum Schluss erhalten blieben. Die letzten Sowjetführer waren so alt und krank, dass es kaum noch dazu reichte, den Status quo zu verwalten. Das Land siechte vor sich hin, doch die Menschen genossen einen ganz bescheidenen Wohlstand und den Umstand, dass die Angst kleiner wurde. Michail Gorbatschow, der letzte Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, wollte das Arbeiterparadies retten, doch das Riesenreich zerbrach ihm unter den Händen. 1991 stürzte die einst mächtige Sowjetunion praktisch sang- und klanglos in sich zusammen. Und die einmalige Chance tat sich auf, das neue Russland auf einen anderen, besseren Weg zu bringen. Doch daraus wurde nichts.

Der erste Präsident Russlands, Boris Jelzin, bezeichnete sich gerne als Demokraten, das war damals gerade so Mode. Doch er hat alles darangesetzt, sogar mit Panzern auf sein Parlament geschossen, um eine auf ihn zugeschittene Präsidialverfassung durchzuboxen. Seither gilt wieder, dass ein Mann mit einem kleinen Kreis Auserwählter das Land regiert und den Reichtum der Nation abschöpft. Sie stammten teilweise aus dem alten sowjetischen Zirkel der Mächtigen. Hinzu kamen schlaue und skrupellose Neuaufsteiger, viele von ihnen aus der alten kommunistischen Jugendor­ganisation Komsomol. So beispielsweise Michail Chodorkowski. Er riss sich für einen Apfel und ein Ei einen Ölkonzern unter den Nagel, machte innert Kürze ein Vermögen von 15 Milliarden Dollar und wurde zum reichsten Mann Russlands. Die einfachen Menschen hingegen verloren alles, zwei Finanzkrisen frassen auch die letzten Reserven auf. Alte Leute verkauften auf der Strasse Plastiksäcke für ein paar Kopeken. Das Land versank in Armut und Chaos. Es galt das gnadenlose Recht des Stärkeren.

Als Jelzin 1999 abtrat, präsentierte er einen Nachfolger, die Absegnung an der Urne war eher als Formsache gedacht. Wladimir Putin wurde an die Macht gehievt, um Jelzin und der herrschenden Klasse den Besitzstand zu sichern. Doch es kam anders. Der junge Geheimdienstmann baute seinen eigenen Machtzirkel auf und holte seine alten Bekannten aus den Sicherheitsorganen in den Kreml. Als er stark genug war, nahm er die Oligarchen an die Kandare: Sie durften weiter Geschäfte machen, aber keine Politik. Wer die neuen Spielregeln nicht anerkannte, verlor Vermögen oder sogar die Freiheit. So erging es Chodorkowski, der zehn Jahre in einem Straflager sass. Ebenso disziplinierte Putin die Gou­verneure, die sich zum Teil wie selbstherrliche Lokalfürsten gebärdeten, und er übernahm die Kontrolle über das staatliche Fernsehen, das in der Hand der Oligarchen war und nach deren Pfeife tanzte.

Jede Kritik am System wird als Versuch diffamiert, in Russland neue blutige Unruhen anzuzetteln.

Demokratische Feinheiten blieben bei diesem Reinemachen auf der Strecke. Doch den Russen war es herzlich egal, für sie zählte nur, dass Putin damit den freien Fall des Landes stoppte, schrittweise wieder Ruhe und Ordnung einkehrten und man den russischen Präsidenten in der Welt wenigstens nicht mehr als Trunkenbold verlachte. Und dank hoher Ölpreise ging es sogar wirtschaftlich etwas aufwärts. Damit hatte sich das Fenster der Möglichkeiten für Russland noch einmal einen Spalt breit geöffnet, doch Wladimir Putin knallte es endgültig zu. Statt das Vertrauen der Menschen für einen Schritt in eine neue Zukunft zu nutzen, macht er sich zum Verwalter des Status quo. Er führte die gelenkte Demokratie ein, brachte seine Leute in der Öl- und Gaswirtschaft in Stellung und sagte der Welt immer öfter, dass Russland wieder ein Faktor sei, mit dem man rechnen müsse. Dieser Kurs gipfelte in der Annexion der Krim, mit der er sogar noch etwas vom Glanz der verflossenen Weltmacht zurückholte.

Die Botschaft der russischen Führung zum Jubiläumstag lautet Versöhnung. In Anbetracht der enormen Umbrüche und des furchtbaren Elends, das die Revo­lution Russland gebracht hat, ist das keine schlechte Devise. Doch hinter dem hehren Wort versteckt sich noch etwas anderes: Jede Kritik am bestehenden System wird als Bedrohung des inneren Friedens diffamiert, als Versuch, in Russland neue, blutige Unruhen anzuzetteln.

Sogar die Kritik an Stalin versteht Putin als Attacke auf Russland. Es gebe keine Rechtfertigung für diese Verbrechen, sagte der russische Präsident letzte Woche, als er zum Gedenken an die Opfer des Stalinismus in Moskau eine «Mauer der Trauer» einweihte. Doch er forderte nicht eine Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern Vergessen. «Ich hoffe, dass das als Schlussstrich unter die dramatischen Ereignisse wahrgenommen wird, die unser Land und das Volk gespalten haben.» Unter Versöhnung versteht der Kreml, der Opfer ein bisschen zu gedenken und die Täter nicht anzutasten. Nur so ist es möglich, dass Lenin bis heute in seinem Mausoleum liegt.

Erstellt: 06.11.2017, 21:48 Uhr

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Die Machtübernahme erfolgte gemäss dieser Zeitrechnung in der Nacht zum 25. Oktober. Dies entspricht im gregorianischen Kalender dem heutigen 7. November. Ein Jahr nach der Revolution hat Lenin seinem Land dann die Einführung des gregorianischen Kalenders verordnet, wie er in Europa bereits seit 1582 in Gebrauch war. Dies war ein Zeichen der Modernisierung, aber auch ein gezielter Schlag gegen die orthodoxe Kirche Russlands. Denn den neuen Kalender, der die alte Zeitrechnung nach Julius Cäsar ersetzte, hatte Ende des 16. Jahrhunderts Papst Gregor XIII. erlassen.

Die orthodoxe Kirche weigerte sich, diesen päpstlichen Kalender anzuerkennen. Kirchliche Feiertage werden in Russland bis heute nach dem alten julianischen Kalender berechnet. Weihnachten etwa wird am 7. Januar gefeiert, Neujahr am 14. Januar. (za)

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