Eine Entführung wie im Kalten Krieg

Mitten in Berlin werden Trinh Xuan Thanh und seine Geliebte von vietnamesischen Agenten entführt. Nun steht der Ex-Politiker in Hanoi vor Gericht. Ihm droht die Todesstrafe.

Seine Gegner unterschätzt: Trinh Xuan Thanh, Ex-Leiter der staatlichen Öl- und Gasgesellschaft, vor dem Volksgericht in Hanoi. Foto: Vietnam News Agency, AFP

Seine Gegner unterschätzt: Trinh Xuan Thanh, Ex-Leiter der staatlichen Öl- und Gasgesellschaft, vor dem Volksgericht in Hanoi. Foto: Vietnam News Agency, AFP

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Mehrere Zeugen beobachten am Sonntagmorgen, dem 23. Juli, wie zwei Passanten in einen grauen VW-Transporter gezerrt werden. Die Opfer sind ein Mann und eine Frau, sie wehren sich und schreien, werden aber von den Entführern überwältigt. Der graue VW braust davon, einigen Zeugen gelingt es, sich das Nummernschild aufzuschreiben. Tags darauf meldet eine Anwältin einen Mann als vermisst: Seit dem Morgen sei nur seine Mailbox zu erreichen. Der Mann heisse Trinh Xuan Thanh, sei gut 50 Jahre alt. Die Familie des vermissten Herrn Trinh befürchte, er sei Opfer einer politisch motivierten Entführung geworden. Auftraggeber: mutmasslich die vietnamesische Regierung. Gestern hat in der Hauptstadt Hanoi der Korruptionsprozess gegen Trinh begonnen. Ihm droht die Todesstrafe.

In Vietnam regieren Kommunisten, Herr Trinh gehörte selbst zum Regime, ist aber in Ungnade gefallen. Manche sagen, er habe sich schamlos selbst bereichert; andere sagen, die Machthaber missbilligten nur seine politischen Ansichten, denn er gelte als Reformer, als Kapitalist. Nun haben ihn seine Feinde verschleppt, mitten am Tag, mitten in Berlin. Kommunisten gegen Kapitalisten – damit kennt Berlin sich aus. Wo sonst im Kalten Krieg waren sich die Feinde so nah, entführten, ermordeten so viele Spione ihre Gegenspieler? Seit dem Fall der Mauer sind solche Agentengeschichten allerdings Stoff für Museen, und Herr Trinh fühlte sich in Deutschland geborgen. Sie seien davon ausgegangen, sagt seine Frau, «dass wir in Berlin ganz sicher sind». Sie hätten zwar Warnungen erhalten aus der Heimat. Aber ihr Mann habe immer gesagt: Sollten Leute aus Vietnam ihn hier verfolgen, dann würden sie vom deutschen Staat hart bestraft.

Die Häscher kommen ihm durch eine Geliebte auf die Spur.

In den Berliner Ministerien ist man ausser sich, seit man von der Entführung gehört hat. Einen «unakzeptablen Rechtsbruch» nennt sie der Sprecher der deutschen Regierung, die mittlerweile mehrere Diplomaten der Sozialistischen Republik Vietnam ausgewiesen hat. In Vietnam hat man diese vorhersehbare diplomatische Verstimmung offenbar in Kauf genommen, um Trinh zu schnappen. Es schien für die dortigen Machthaber nichts Wichtigeres zu geben, als den Abtrünnigen zurück in seine Heimat zu zwingen. Der hat seine Gegner unterschätzt; dabei wusste Trinh, wie gefährlich sie ihm werden konnten. Deswegen hatte er sich ja davongemacht: Zu Fuss soll er die Grenze nach Laos überquert haben, von dort ging es mit dem Auto nach Thailand, dann weiter mit dem Flugzeug nach Deutschland. In Vietnam war Trinh einer der Grossen der Kommunistischen Partei. Bis 2012 leitete er die staatliche Öl- und Gasgesellschaft, dann war er zweiter Mann an der Spitze der südlichen Provinz Hau ­Giang. Doch 2016 spitzte sich ein Machtkampf in der Partei zu, Trinh und viele seiner Vertrauten verloren ihre Posten oder landeten im Gefängnis. Trinh Xuan Thanh musste durch die Hintertür flüchten wie ein Dieb. Am 20. August 2016 reiste er in Deutschland ein.

Der Plan ist dreist und effektiv

Berlin ist schon seit DDR-Zeiten die Heimat vieler Vietnamesen. Auch Trinh kennt die Stadt. Er hat sie in den wilden Neunzigerjahren lieben gelernt, damals wurde er hier als Geschäftsmann reich. Es war die Zeit, als Findige das grosse Geld machen konnten, mit Waren aus der Heimat, Asiamärkten, Passdokumenten – und Ruchlose das noch grössere Geld mit Zigarettenschmuggel. Trinh wusste um die Risiken in Berlin: Viele Landsleute, das heisst auch, der vietnamesische Staat hat etliche Augen und Ohren. Ein Jahr lang lebt Trinh nach seiner Flucht ein ruhiges Leben in Berlin, im März 2017 folgt ihm seine Frau. Auch als kommunistischer Kader war Herr Trinh kein Asket: Er isst gern in feinen Restaurants, manchmal gehen er und seine Frau Golf spielen im Berliner Golf Club Gatow e. V. Im Juli fallen ihnen dort mehrere Vietnamesen auf, einer der Männer geht dicht an ihnen vorbei. Trinh sagt zu seiner Frau, das könnten Leute der «Abteilung 2» sein, des Geheimdienstes im vietnamesischen Verteidigungsministerium.

Aber die Häscher kommen ihm dann ganz anders auf die Spur. Auf einem Weg, der schon im Kalten Krieg und überhaupt in der Menschheitsgeschichte so oft funktioniert hat: durch eine Geliebte. Trinh hat noch in seiner Heimat eine Affäre mit einer jungen Frau angefangen, auch nach seiner Flucht nach Berlin soll sie ihn dort mehrmals besucht haben. Der Geheimdienst in Vietnam dürfte von dieser Beziehung gewusst haben. Als die Geliebte, sie ist 26 Jahre alt, im Sommer 2017 die nächste Berlinreise plant, versetzt dies Vietnams Sicherheitsapparat sogleich in hektische Bewegung, es wird eine Entführung geplant, sie wird von hochrangigen Agenten und Diplomaten organisiert. Der Plan ist einerseits dreist und effektiv, andererseits aber in vielen Details nachlässig.

Am 16. Juli, eine Woche vor der Tat, checken drei Vietnamesen im Hotel Berlin, Berlin ein, nahe dem Kurfürstendamm. Zwei Tage später folgt eine zweite Gruppe – sie kommt aus Tschechien, wo ebenfalls viele Vietnamesen leben, und bringt einen BMW X5 mit. Die Täter werden das Auto dafür benutzen, ihre Opfer zu beobachten. Als die Geliebte am 19. Juli am Flughafen Tegel ankommt, steht der BMW schon seit Stunden da. Offenbar wissen die Agenten nicht genau, welchen Flug die Frau gewählt hat. Als die Spione sie entdecken, folgen sie ihrem Taxi und stellen fest, dass sie im Sheraton absteigt. Nun, da sie ihr Opfer im Blick haben, fordern sie Verstärkung an: Aus Tschechien lassen sie den Wagen für die eigentliche Entführung kommen. Er soll schön geräumig sein.

Deutschland liefert niemanden aus, wenn ihm die Todesstrafe droht.

Der Konflikt zwischen Trinh und der vietnamesischen Regierung eskaliert da schon seit einem Jahr. Als die neue Führungsclique 2016 die Macht übernimmt, rechnet sie rasch mit ihren Vorgängern ab, zu denen Trinh gehört. Es läuft ein bisschen wie in China: Korruption und Selbstbedienung an der Staatsspitze sind endemisch; Folgen aber hat das nur für jene, die politisch in Ungnade fallen.

Kurz nachdem Trinh ins Ausland verschwunden ist, schreibt ihn die Regierung im September 2016 weltweit zur Fahndung aus. Die Nachricht kommt über Interpol auch nach Deutschland. Trinh soll 142 Millionen Dollar veruntreut haben. Als Chef der staatlichen Ölfirma habe er von Mai bis Dezember 2011 seine Vorstände angewiesen, Geld an Firmen zu überweisen, mit denen er zuvor geheime Absprachen getroffen hatte. In der Sozialistischen Republik steht darauf die Todesstrafe – per Giftspritze. Im November 2016 sprechen Vietnams Behörden auch direkt bei den Deutschen vor. Man wisse, dass Trinh in Berlin sei. Man wisse auch: Deutschland liefert niemanden aus, wenn ihm die Todesstrafe droht. Aber man sei bereit, mit den Deutschen zu verhandeln, also auf die Todesstrafe zu verzichten. Die Deutschen müssen trotzdem nicht lange überlegen. Ihre Antwort ist ein deutliches Nein. Also beschliesst die vietnamesische Regierung, auf eigene Faust zuzuschlagen.

Nur die Sonnenbrille und das iPhone bleiben zurück

Um 10.36 Uhr am 23. Juli verlassen Trinh und die junge Frau das Sheraton, in dem sie die Nacht verbracht haben. Seiner Frau hat Trinh vorgegaukelt, er müsse für einige Tage in einer Asylbewerberunterkunft schlafen, das sei wichtig für seine Anerkennung als politischer Flüchtling. Um 10.47 Uhr gehen bei der Berliner Polizei schon die Notrufe ein, auf dem Asphalt bleiben nur Trinhs Sonnenbrille und ein iPhone 7 zurück. Das Display zeigt eine Blume, Passanten rätseln, ob die Schriftzeichen viet­namesisch sind. Trinh und seine Geliebte werden da bereits davongefahren. Wohin, verraten später GPS-Daten: auf dem schnellsten Weg zur vietnamesischen Botschaft in der Elsenstrasse in Berlin-Treptow. Eine Entführung mitten in Berlin, in Sichtweite des Regierungsviertels, nicht weit entfernt von jenem Ort, an dem die Mauer stand. Man muss dreist sein, um eine solche Operation ausgerechnet hier durchzuziehen. Entführungen sind eine der grösstmöglichen Provokationen zwischen Staaten. Die CIA entführte 2003 einen islamistischen Geistlichen mitten in Mailand, die Sache endete mit 13 Haftbefehlen gegen US-Geheimdienstler.

Wohl kaum ein Land hat mit solchen Entführungen mehr Erfahrungen gemacht als Deutschland. Im Kalten Krieg liess die DDR Hunderte Bürger aus dem Westen verschleppen, sie landeten im Gefängnis, im Gulag oder wurden hingerichtet. Mit einer Entführung ging der Kalte Krieg dann auch zu Ende, nur waren es dieses Mal die Amerikaner: Im bereits souveränen Deutschland verschleppte ein Greiftrupp der US-Luftwaffe 1991 den früheren Unteroffizier James Carney. Er hatte für die Stasi spioniert und sich in den Osten abgesetzt. Nach der Wende schulte er zum U-Bahn-Fahrer um und wurde schliesslich auf offener Strasse gekidnappt.

Vietnams Diplomaten mischen mit

Die Regierung in Hanoi erklärt die ganze Sache natürlich für völlig harmlos: Gleich nach Trinhs Entführung lässt sie über Staatsmedien verbreiten, Trinh sei freiwillig in seine Heimat zurückgereist, um sich der Justiz zu stellen. Davon kann keine Rede sein. Vielmehr ist er das Ziel einer staatlichen Kommandoaktion geworden. Die Täter sind schnell und effizient, und Geheimdienstler oder Diplomaten der vietnamesischen Botschaft in Berlin mischen mit. Minuten nach der Entführung etwa checken die drei Vietnamesen, die Trinhs Freundin beschattet haben, aus ihrem Hotel aus. Einer von ihnen räumt für alle die Zimmer. Gebucht hatten sie für länger, aber jetzt soll es schnell gehen.

Ein paar Hundert Meter weiter bricht ein weiterer Vietnamese seinen Aufenthalt ab, im Hotel Sylter Hof am Kurfürstendamm. Das Zimmer hat der Erste Sekretär der vietnamesischen Botschaft für ihn gebucht, der Vertreter des Geheimdienstes in Berlin. Der vietnamesische Gast selbst hat sich beim Einchecken im Hintergrund gehalten. In die Gästebögen liess er zwei andere Herren ihre Namen eintragen – bevor sie das Hotel gleich wieder verliessen. Zwischendurch empfing er einen hohen Gast aus Hanoi: den Vizechef der vietnamesischen Staatssicherheit, Duong Minh Hung. War der nur zufällig zu Besuch in der Stadt der Spione?

Auf einer Trage nach Hanoi?

Fünf Stunden lang, darauf deuten die GPS-Daten hin, bleibt der Entführungswagen auf dem Gelände der vietnamesischen Botschaft stehen. Eine Mitarbeiterin der Botschaft ruft bei einem Reisebüro an. Sie bucht drei Tickets für einen Flug nach Hanoi noch am selben Abend, mit einer chinesischen Linie. Für wen? Erstens für Trinhs Geliebte, zweitens für einen Mitarbeiter der Botschaft, der laut diplomatischer Akkreditierung mit «Verwaltungsangelegenheiten» betraut ist, und drittens für einen Vietnamesen, dessen Name hier zum ersten Mal auftaucht. Ist das der Namenlose aus dem Hotel Sylter Hof, der auf diese Weise Deutschland wieder verlässt? Um 19.40 Uhr hebt die Maschine in Tegel ab, Trinhs Freundin wird über Peking via Seoul nach Hanoi gebracht. Die ganze Zeit über sitzt der Botschaftsmann neben ihr. Der rätselhafte Begleiter behält sie aus der Sitzreihe dahinter im Blick.

Unklar ist, mit welchem Flug Trinh Xuan Thanh in seine Heimat gebracht wird. Angeblich geht die Reise über Moskau; Trinh soll im Flugzeug zugedeckt auf einer Trage gelegen haben. Am 3. August 2017 führt ihn das Regime wie eine erlegte Beute im Fernsehen vor, versehen mit der Lüge, er sei aus Scham zurückgekehrt.

In den Berliner Ministerien grübelt man, wie es weitergehen soll. Es gibt kein Regelwerk dafür, wie man auf Provokationen wie die der vietnamesischen Regierung antwortet. Einige in der Regierung und in der deutschen Spionageabwehr wollten ein möglichst klares Signal senden: Sie befürchten, dass auch andere Länder Oppositionelle, Abweichler, echte oder vermeintliche Straftäter, die Zuflucht in Deutschland suchen, hier entführen könnten. Manche trauen dies etwa der türkischen Regierung zu, einige der angeblichen Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches haben Zuflucht in Deutschland gesucht.

Inzwischen ist die demonstrative diplomatische Empörung der Deutschen einer stilleren Taktik gewichen. Das Auswärtige Amt spricht kaum noch über den Fall, zumindest nicht öffentlich. Trinh soll seiner Familie einen Brief aus dem Gefängnis geschrieben haben. Er bat seine Eltern, ruhig zu bleiben. Er bat seine Kinder, stark zu sein. Seiner Frau, die noch immer in Berlin lebt, riet er, nicht alleine auf die Strasse zu gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 20:50 Uhr

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