«Wir wollen nicht unter die Herrschaft der Taliban zurück»

An den Friedensverhandlungen geben sich die Taliban moderat – doch sie schimpfen gegen Frauenrechtlerinnen. Was kommt auf die Afghaninnen zu?

Hassbild der Islamisten: Frauen demonstrieren in Kabul für ein Gesetz, das Frauen vor Gewalt schützen soll (2013). Foto: AFP

Hassbild der Islamisten: Frauen demonstrieren in Kabul für ein Gesetz, das Frauen vor Gewalt schützen soll (2013). Foto: AFP

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Seit 40 Jahren herrscht in Afghanistan Krieg, die laufenden Friedensverhandlungen erscheinen da wie ein Wunder. Doch viele Afghaninnen können sich darüber nicht recht freuen. «Wir Frauen haben, trotz aller Probleme, so viel erreicht in den letzten 18 Jahren, wir wollen nicht unter die Herrschaft der Taliban zurück», sagt die Parlamentarierin Fawzia Koofi, eine von zwei Frauen, die bei den Verhandlungen diese Woche in Moskau dabei waren. Dort haben über 40 hohe afghanische Politiker, Stammes- und Milizenführer über den Abzug der USA und eine Beteiligung der Taliban an der Macht verhandelt. «Wer in Afghanistan Politik machen will, muss die Freiheitsrechte akzeptieren, auch die Frauenrechte», fordert Koofi.

Sie spricht aus leidvoller Erfahrung. Die Herrschaft der Taliban 1996 bis 2001 war für die Frauen im Land eine düstere Zeit. Sie mussten in der Öffentlichkeit die Burka tragen und durften nur in Begleitung männlicher Verwandter auf die Strasse. Wer allein oder gar mit entblösstem Gesicht erwischt wurde, dem drohten drakonische Strafen wie öffentliches Auspeitschen.

Wer keine männlichen Verwandten mehr hatte, in dem kriegsversehrten Land nicht ungewöhnlich, stand faktisch unter Hausarrest. Frauen durften nicht mehr arbeiten, Mädchen nicht mehr zur Schule. Das Schulsystem brach innert Kürze zusammen, weil alle Lehrerinnen entlassen wurden, sodass auch die Buben keine normale Ausbildung mehr bekamen.

Afghaninnen durften sich nicht mehr von Ärzten behandeln lassen und blieben deshalb oft ohne medizinische Betreuung. Sie durften in der Öffentlichkeit weder reden noch lachen, weil dies angeblich die Männer hätte erregen können. Selbst ihre Schritte durften nicht gehört werden, weshalb hohe Schuhe verboten waren. In Verkehrsmitteln waren separate Plätze für Frauen und Männer vorgesehen. Kritiker sprachen von Geschlechterapartheid.

Taliban wollen neue Verfassung

Dass die Friedensvermittler die Taliban nun an der Macht beteiligen wollen, ist deshalb für viele Frauen mehr als ein Schönheitsfehler. Sie bangen schlicht um ihre Zukunft – und die ihrer Töchter. Den afghanischen Frauen geht es heute zwar noch immer schlecht, so hat das Land etwa die höchste Müttersterblichkeit der Welt. Dennoch hat sich seit der Vertreibung der Taliban durch die US-Truppen 2001 viel zum Positiven verändert. Die Gleichheit von Mann und Frau ist in der Verfassung verbrieft, im Parlament sind dank einer Sperrklausel ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Vor allem in den Städten ist es den Frauen gelungen, sich in Bildung und Business zu emanzipieren, obwohl es Widerstand aus der patriarchalischen Gesellschaft gibt. Die Burka trägt hier niemand mehr.

In den von den Taliban kontrollierten Gebieten, deren Zahl letztes Jahr um zehn Prozent auf über die Hälfte des Territoriums angestiegen ist, ist die Lage schwieriger. Die Frauen müssen sich verhüllen. Mancherorts gehen Mädchen auch dort zur Schule, doch spätestens im Pubertätsalter ist es vorbei mit der Bildung. Viele der Mädchen werden zwangsverheiratet und sind später häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Bei den Verhandlungen in Moskau gaben sich die Taliban moderat. Man werde nicht mehr das gleich harsche System aufziehen wie früher, hiess es. Doch die Islamisten haben in Moskau auch klargemacht, dass Afghanistan ein anderes Land werden muss, wenn es Frieden geben soll: Die Verfassung, die auch die Gleichberechtigung vorschreibt, müsse ersetzt werden, sie sei ein Hindernis zum Frieden, sagte der Chefverhandler der Taliban, Mohammad Abbas Stanekzai. «Sie ist nicht glaubwürdig, weil sie vom Westen kopiert wurde und der afghanischen muslimischen Gesellschaft im Zuge der Okkupation aufgenötigt wurde.»

Eine neue Verfassung müsse den «Prinzipien der islamischen Religion, der nationalen Interessen, der historischen Errungenschaften und der sozialen Gerechtigkeit» folgen. Frauen sollen arbeiten und zur Schule gehen dürfen. Man werde ihnen alle Rechte gewähren, die ihnen «die heilige Religion des Islam» gegeben habe.

Frauen fordern Beteiligung an Verhandlungen

Nach diesen versöhnlichen Worten folgt ein ganzer Sermon von Beschuldigungen an die Adresse «sogenannter Frauenrechtsaktivisten». Milliarden von Dollar seien in das Land gekommen, doch den Frauen gehe es heute nicht besser, eine afghanische Frau werde im Schnitt nur 45 Jahre alt, klagte Stanekzai. Den Grund dafür ortet er nicht bei der Regierung und der eigenen drakonischen Frauenpolitik, sondern bei den Frauenrechtlerinnen, die das ganze Geld in die eigenen Taschen gesteckt und das Land verdorben hätten: «Im Namen der Frauenrechte wurde Unmoral, Schamlosigkeit und eine unislamische Kultur gefördert.»

Prominente Afghaninnen rufen nun dazu auf, die Frauen an den Friedensverhandlungen zu beteiligen. Sie kritisieren dabei auch die Amerikaner: Präsident Donald Trump wolle seine Truppen möglichst schnell aus Afghanistan abziehen und eine Zusage der Taliban erreichen, dass sie den internationalen Terrorismus nicht weiter unterstützen. Dafür sei man bereit, die hart erkämpften Frauenrechte zu opfern. Doch dann, sind die Aktivistinnen überzeugt, sei jedes Friedensabkommen zum Scheitern verurteilt. «Afghanische Frauen wollen auch Frieden», sagt die Parlamentarierin Rahima Jami. «Aber nicht um jeden Preis.»

Erstellt: 07.02.2019, 21:19 Uhr

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