«Gefährlich für die ganze Welt»

Badran Ciya Kurd gehört zu den einflussreichsten Männern in den kurdischen Siedlungsgebieten Syriens. Er fordert Hilfe – auch von der Schweiz.

«Noch mehr Krieg»: Ein Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens, zu denen viele Kurden gehören, in As Susa an der Grenze zum Irak. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

«Noch mehr Krieg»: Ein Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens, zu denen viele Kurden gehören, in As Susa an der Grenze zum Irak. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

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In den letzten Monaten haben die Demokratischen Kräfte Syriens ­Zehntausende von Kämpfern und Zivilisten des IS interniert, darunter viele Ausländer. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben mehr als 6000 ausländische IS-Terroristen gefangen genommen, unter ihnen viele hochrangige Kommandanten. Dazu kommen etwa 35'000 ausländische Frauen und Kinder. Es sind inzwischen 56 Nationalitäten. Dass so viele Terroristen an einem einzigen Ort konzentriert sind, hat es noch nie ge­geben. Das ist sehr gefährlich, nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Aber gemeinsam mit der Staatenwelt können wir eine Lösung für diese Terroristen finden.

Wie könnte diese Lösung aussehen?
Wir haben viele Länder gebeten, ihre Staatsbürger zurückzunehmen, aber es kamen nur wenige positive Reaktionen. Deshalb wollen wir nun ein internationales Gericht aufbauen. Es wäre nur ­gerecht, die Terroristen in den kurdischen Gebieten abzuurteilen, denn sie haben hier Köpfe abgeschnitten, Frauen versklavt und vergewaltigt. Damit wir ihnen den Prozess machen können, braucht es die Zusammenarbeit zwischen unserer Selbstverwaltung und der Staatenwelt. Wir schaffen das nicht ­allein. Wir brauchen logistische und ­juristische Hilfe von aussen.

Und was soll mit den Frauen und Kindern geschehen?
Die meisten ausländischen Frauen und Kinder des IS haben nicht getötet und keine Waffen getragen. Wenn ihre Herkunftsländer Leute schicken wollen, um ihre Staatsangehörigen zu besuchen, können wir gerne darüber sprechen. Im Moment diskutieren wir in der Selbstverwaltung viel darüber, wie ein internationales Gericht aussehen könnte. Wir finden es aber nicht fair, wenn Länder, die Staatsangehörige in unseren Gefängnissen und Internierungslagern ­haben, sich nicht an diesem Tribunal ­beteiligen. Zu diesen Staaten gehört auch die Schweiz.

Hat Bern die Selbstverwaltung schon angefragt wegen der sechs Schweizer Kinder, die von den DKS interniert sind?
Bis jetzt hatten wir keinen offiziellen Kontakt mit der Schweiz. Wenn sie mit uns reden möchte, kann sie sich gerne an das Büro der Selbstverwaltung für Aussenbeziehungen wenden. Wenn ich die Schweiz richtig verstanden habe, ist sie nicht dagegen, wenn wir ein internationales Gericht zur Aburteilung von IS-Terroristen einrichten.

Die USA wollen ihre in Syrien stationierten Truppen deutlich reduzieren. Was bedeutet das für die Kurden?
Was die Amerikaner tun, ist allein ihre Entscheidung. Für uns wäre es ganz schlecht, wenn sie sofort und ohne ­Koordination mit uns abzögen. Als Präsident Trump noch von einem vollständigen Abzug sprach, dauerte es keine Woche, bis das Regime in Damaskus zu drohen begann, dass es den Nordosten zurückerobern werde. Drohungen kamen auch von der Türkei. Der IS würde ein solches Vakuum sofort ausnützen. Ausserdem sahen sich das Regime und die Russen in der Meinung bestärkt, dass es in Syrien nun keine politische Lösung mehr brauche. Dass sie die DKS militärisch besiegen und die Selbstverwaltung zerstören könnten. Wenn die Länder, die in Syrien Interessen verfolgen – wie die USA, Russland, der Iran, Israel, die Türkei und andere – sich nicht in einem politischen Dialog einigen, wird das für Syrien noch mehr Krieg ­bedeuten.

Gibt es schon Zusagen, dass neben den USA noch andere Staaten Truppen in Ihrem Gebiet stationieren wollen?
Die Amerikaner haben uns gesagt, dass 400 ihrer Soldaten bleiben werden. Die Drohungen des Regimes, der Iraner, der Russen, der Türken und des IS sind ­Washington nicht verborgen geblieben. Seit der Entscheidung, nicht alle Kräfte abzuziehen, hat sich die Situation ­wieder beruhigt. Wir hoffen nun, dass der politische Dialog dadurch wieder ernst genommen wird und mehr Erfolgschancen hat. Ausserdem habe ich erfahren, dass sich die USA, Gross­britannien und Frankreich über die ­Modalitäten einer Schutzzone geeinigt haben, auch wenn sie das noch nicht ­öffentlich gemacht haben.

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Was ist das für eine Schutzzone?
Sie soll an der Grenze zur Türkei, aber auf syrischem Territorium eingerichtet werden. Darüber verhandeln die Amerikaner jetzt mit der Türkei. Inzwischen hat Ankara realisiert, dass es den Amerikanern ernst ist, wenn sie sagen, die Türkei dürfe nicht in den kurdischen Siedlungsgebieten einmarschieren. Moskaus Reaktion war es, uns zum Dialog mit dem Assad-Regime zu drängen. Aber dann haben plötzlich Russland und die Türkei intensiv miteinander verhandelt, weshalb dann das Regime den ­weiteren Dialog mit uns ablehnte.

Sie sind von Feinden umgeben. Haben Sie Zusagen, dass die USA Sie beschützen werden?
Wir haben keinen Vertrag mit den Amerikanern, wohl aber mündliche Zusagen. Die Amerikaner wollen auch nach dem Sieg über das Kalifat für eine gewisse Stabilität sorgen.

Der IS wird ja jetzt wieder stärker im Irak und in den Wüstengebieten im Süden Syriens. Gibt es Mächte, die den IS konservieren wollen?
Militärisch ist der IS besiegt, aber es gibt nach wie vor Schläferzellen, die Terroranschläge verüben. Weiter südlich, in der Wüste der Regimezone, hat es immer noch Gruppen von IS-Kämpfern. Wir wissen, dass es verschiedene Länder und Parteien gibt, die den IS für ihre Zwecke benützen wollen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch das Regime solche Absichten hat.

Sie waren Teil der Delegation, die mit Russland verhandelt. Was ist Moskaus Vision für Syrien?
Die Russen haben viele Interessen in ­Syrien, militärischer und wirtschaftlicher Natur. Russland benützt das En­gagement in Syrien, um Einfluss zu ­gewinnen und Stärke gegenüber den ­Amerikanern und der Nato zu demonstrieren. Darum ist es für Moskau im ­Moment nicht so wichtig, Syriens Probleme zu lösen. Weil Russland grosses Interesse an der Türkei hat und im ­Dialog mit Ankara steht, ist auch die ­Lösung der Kurdenfrage aus russischer Sicht nicht vordringlich. Trotzdem benützen die Russen die Forderung nach den Rechten der Kurden manchmal als Druckmittel gegenüber Ankara. Aber das bedeutet nicht, dass sie uns lieben. Es ist einfach ein Spiel, um Russlands ­Interessen zum Durchbruch zu ver­helfen. Das gilt ganz allgemein für die Gross- und Regionalmächte. Sie spielen alle mit der Kurdenfrage.

Was ist wichtiger für das Regime, Russland oder der Iran?
Ideologisch und politisch steht Damaskus dem Iran nahe. Aber wenn es um Militärisches geht, ist Russland wichtiger. Durch seine Rolle in Syrien steigt der Iran zu einer Regionalmacht auf, vergleichbar mit der Türkei oder mit Saudiarabien. Auf der anderen Seite sind die Russen überzeugt, dass Assad ohne ihr Eingreifen im Jahr 2015 den Krieg verloren hätte. Dadurch haben auch die Russen Ansprüche und kommen den Iranern manchmal in die Quere. Moskau und Teheran wollen dem Land nicht nur helfen, sondern es auch ausbeuten. Darüber hinaus hat Russland gute ­Beziehungen mit Israel, das wiederum den Iran aus Syrien zurückdrängen möchte. Deshalb ist Moskau dagegen, dass Damaskus zu eng mit dem Iran ­zusammenarbeitet. Bashar al-Assads Besuch in Teheran Ende Februar hat die Russen sehr verärgert. Danach kam es in Syrien auch zu Zusammenstössen zwischen Kampfverbänden, die von Russland, beziehungsweise vom Iran unterstützt werden.

Stimmt es, dass die Kurdenmiliz YPG und die Frauenverteidigungseinheit YPJ Tausende Kämpfer trainieren, um eine Offensive in Afrin zu starten?
Das stimmt, ist aber nicht neu. Seit unserem Rückzug aus Afrin im März 2018 haben wir Kämpfer trainiert, um die Stadt und das Umland wieder von den Türken und ihren Söldnern zu befreien. Neu ist nur, dass wir den IS militärisch besiegt haben und nun mehr Ressourcen haben, die wir in die Befreiung von Afrin investieren können. Ohne Afrin wird es in Syrien keine politische Lösung geben. Die Befreiung hat für uns strategische Bedeutung. Man braucht ja nur hinzusehen, was dort passiert. In Afrin kommt es zu Massakern und Plünderungen. Die Türken und ihre Söldner versuchen, mit der Ansiedlung von Nicht-Kurden die Demografie von Afrin dauerhaft zu verändern.

Erstellt: 15.04.2019, 09:15 Uhr

Badran Ciya Kurd
Der bis vor kurzem höchste politische Anführer in der kurdischen Enklave Afrin ist heute politischer Berater in den kurdischen ­Siedlungsgebieten in Syrien.

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