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Gewalt und Not in Kirgisien

Offiziell rund 140 Tote, vielleicht auch über 700, brennende Häuser, eine hilflose Armee - nun hofft die Übergangsregierung in Kirgisien auf die Hilfe Russlands.

Die Grenzen nach Usbekistan sind geschlossen: Flüchtlinge wollen Kirgisien verlassen.
Die Grenzen nach Usbekistan sind geschlossen: Flüchtlinge wollen Kirgisien verlassen.

Russische Soldaten sollen die schwersten Unruhen seit 20 Jahren beenden. Um der Lage im Hochgebirgsland an der Grenze zu China Herr zu werden, hatte Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa Kremlchef Dmitri Medwedew wiederholt schriftlich und telefonisch um militärischen Beistand gebeten. Mit eigenen Kräften sei das nicht mehr zu schaffen, sagte Otunbajewa.

Zunächst hatte Präsident Medwedew sich gegen die Entsendung russischer Friedenssoldaten ausgesprochen. Am Montag sprach er dann aber von einer «unzumutbaren» Situation in der früheren Sowjetrepublik. «Menschen sterben, es wird weiter Blut vergossen, und es gibt massenhafte ethnische Unruhen.

Das ist extrem gefährlich für die Region. Deshalb muss alles getan werden für eine Ende dieser Handlungen», sagte er nach Angaben der Agentur Interfax.

Russen wollen Mithilfe

Die Russen wollen diese Aufgaben aber nicht alleine erledigen. Es sei nun nötig, dass die Staatschefs der 1992 gegründeten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) die vorgeschlagenen Massnahmen entscheiden, sagte Medwedew.

Der russische Sicherheitsrats-Chef Nikolai Patruschew hatte zuvor gesagt, dass die OVKS einen Anti-Krisen-Plan ausgearbeitet habe. Ziel sei, die Zusammenstösse zwischen Kirgisen und Usbeken in Jalalabad und Osch zu beenden.

Dem Militärbündnis gehören auch Usbekistan, Weissrussland, Armenien, Kasachstan und Tadschikistan an. Bei ähnlich schweren Zusammenstössen in Kirgisien hatten zuletzt sowjetische Einheiten vor 20 Jahren für Ordnung gesorgt.

Die Zahl der Toten der jüngsten Unruhen stieg seit Donnerstag nach offiziellen Angaben auf rund 140, die usbekische Minderheit sprach von über 700 Todesopfern. Mindestens 1600 Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) rechnet damit, dass es noch mehr Tote gegeben hat als die von den Behörden genannten Zahlen.

100'000 Menschen brauchen Nothilfe

Etwa 100'000 Usbeken mussten aus ihren Häusern fliehen. Mindestens 100'000 Menschen brauchten im kommenden Monat Hilfe, erklärte das IKRK. Die Anzahl Flüchtlinge bezifferte die Genfer Organisation auf etwa 80'000. Dem IKRK gelang es am Sonntag nach Angaben vom Montag, ein Flugzeug mit medizinischem Material und Leichensäcken nach Osch zu fliegen.

Weitere Hilfsflüge, unter anderem mit Nahrungsmitteln, sollen folgen. Auch das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) kündigte in Genf an, erste Hilfslieferungen seinen unterwegs.

Grenze geschlossen

Angesichts des Ansturms von Flüchtlingen schloss Usbekistan am Montag die gemeinsame Grenze. Die Regierung erklärte, sie könne keine weiteren Flüchtlinge mehr unterbringen und bat um internationale Hilfe.

Während die kirgisische Regierung von ersten Stabilisierungserfolgen sprach, berichteten Augenzeugen weiter von Plünderungen, Brandschatzungen und Schüssen. Das Militär teilte mit, dass mehrere Heckenschützen in Tarnuniformen sowie Provokateure festgenommen worden seien.

Sie sollen durch gezielte Morde unter Kirgisen und Usbeken die beiden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgebracht haben. Flüchtlinge beschuldigten die Armee jedoch, sie nicht geschützt sondern im Gegenteil an der Jagd auf sie teilgenommen zu haben.

Bakijew-Sohn festgenommen

Kirgisien droht zwei Monate nach dem Sturz des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew im Chaos zu versinken. Die Interimsregierung vermutet dessen Familienclan hinter den Krawallen.

Bakijew wies die Vorwürfe in seinem weissrussischen Exil zurück. Wegen des Volksaufstandes im April, bei dem 87 Menschen getötet wurden, sind er und Angehörige international zur Fahndung ausgeschrieben. Der kirgisische Geheimdienst bestätigte am Abend, dass Bakijews Sohn Maxim, der die Wirtschaft des Landes kontrolliert hatte, in Grossbritannien festgenommen wurde.

SDA/mt

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