Grüne Energie für China

Peking hat in der Klimapolitik umgedacht. Doch kein Land stösst mehr Treibhausgase aus als China.

Alt trifft neu: Landwirtschaft, mit Solarenergie betrieben. Foto: Michael Hall (Getty Images)

Alt trifft neu: Landwirtschaft, mit Solarenergie betrieben. Foto: Michael Hall (Getty Images)

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Der Klimawandel – ein böser Schwindel, der dem eigenen Land schaden soll? Denkt Donald Trump. Dachte früher aber auch China, so lange ist das noch nicht her. Peking 2010: Die Klimaschutzpläne der internationalen Gemeinschaft seien «eine Verschwörung der entwickelten Nationen» gegen die Entwicklungsländer. So stand das damals in einem internen Bericht des chinesischen Umweltministeriums.

Der Unterschied heute: Donald Trump leugnet den Klimawandel weiterhin. China hingegen hat eine Kehrtwende von 180 Grad vollzogen. Noch bei der UNO-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen war China der grosse Bremser. Heute gibt es auf der internationalen Bühne den Musterknaben. Und zwar mit besonderer Lust, seit Donald Trump US-Präsident ist. Die USA und Donald Trump danken ab als globale Führungsmacht, China wittert das Vakuum.

Ein erstes mächtiges Signal war die Rede von Partei- und Staatschef Xi Jinping beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar dieses Jahres. Dort fand Xi nicht nur leidenschaftliche Worte zur Verteidigung des Freihandels, er bekannte sich auch ohne Wenn und Aber zum Klimaschutz und zum «hart errungenen» Pariser Abkommen: «Wir tragen hier Verantwortung für künftige Generationen», sagte Xi.

Ein einziger Widerspruch

Aber ebenso wie beim Freihandel sind auch beim Klimaschutz Chinas wohlklingende Worte nur das eine. Das andere sind seine Taten – und die oft noch immer sehr grosse Kluft zwischen Wort und Tat. China ist, auch was den Klimaschutz angeht, ein einziger wandelnder Widerspruch, und alle die, die das Land schon zum neuen globalen Anführer beim Kampf gegen den Klimawandel ausrufen, täten gut daran, noch einmal genau hinzusehen. Da ist viel Licht. Da ist aber auch mindestens so viel Schatten. China verbraucht noch immer so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen. Seit mehr als einem Jahrzehnt schon stösst kein Land mehr Treibhausgase aus als China – im Moment sind es doppelt so viel wie in den USA.

Die Optimisten verweisen auf erstaunliche Entwicklungen im Land. China ist längst Weltrekordhalter in der Installation regenerativer Energien. Im letzten Jahr allein investierte das Land fast 88 Milliarden US-Dollar in saubere Energien, die Hälfte mehr als die USA –und bis zum Jahr 2020 sollen insgesamt 361 Milliarden Dollar fliessen. Das Ziel ist die Schaffung von 13 Millionen neuen Jobs in dem Sektor und bis 2030 ein Anteil nichtfossilen Brennstoffen am Energiemix von 20 Prozent. Da ist neben Wind- und Wasserkraft und Solarenergie auch die Atomkraft dabei.

Mut macht vielen Klimaschützern dieser Trend: Der Kohleverbrauch in China stagniert seit längerem, seit ungefähr drei Jahren geht er gar leicht zurück. Das ist deshalb wichtig, weil Chinas Abhängigkeit von schmutziger Kohle der Grund Nummer eins ist für seinen Treibhausgasausstoss. Das Land hatte sich ursprünglich darauf verpflichtet, den Höhepunkt an Kohlendioxidemissionen spätestens 2030 zu erreichen – und danach Jahr für Jahr sauberer zu werden. Dieses Ziel scheint nun früher erreichbar, vielleicht sogar schon 2025.

Die Wirtschaft lahmt

Skeptiker warnen allerdings vor verfrühter Freude. Der Grund für den Rückgang der Emissionen ist mehr im Erlahmen der Wirtschaft zu suchen als im aktiven Klimaschutz. Gleichzeitig boomt nicht nur die grüne Energie, es kommen Jahr für Jahr auch nagelneue Kohlekraftwerke dazu. Noch 2015 genehmigten die Planer neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 55 Gigawatt. Kohleförderung und Kohlekraftwerkskapazitäten sollen bis mindestens 2020 noch steigen, so steht es im aktuellen Fünfjahresplan. Der wahre Test für die Entschlossenheit der chinesischen Führung zum Klimaschutz steht dann erst an, wenn die Wirtschaft wieder anzieht.

Sauberkeit predigen und Schmutz produzieren – vor allem als Exporteur muss China sich diesen Vorwurf gefallen lassen. China ist im Moment die grösste Treibkraft hinter dem Bau neuer Kohlekraftwerke weltweit. Kein Staat exportiert Ausrüstung und Finanzierung neuer Kohlekraftwerke in diesem Massstab, die meisten sind Projekte in Entwicklungsländern, aber China baut auch in Europa, in Bosnien-Herzegowina.

Viele dieser Kraftwerke laufen mit veralteter Technologie und sind entsprechende Dreckschleudern. Im September letzten Jahres waren chinesische Firmen weltweit an fast 80 solcher Projekte beteiligt. Pakistan zum Beispiel gewinnt im Moment nur ein Tausendstel seiner Energie aus Kohle, mit chinesischer Hilfe soll es nun im Jahr 2020 fast ein Viertel sein.

Auch China kommt zuerst

Es gibt also gute Gründe, China noch nicht zum Anführer des globalen Klimaschutzes auszurufen. Nicht der unwichtigste mag der hier sein: Vielen in China selbst ist sichtlich bange vor der Aussicht. Ein Leitartikel der Pekinger «Global Times» im März machte dies deutlich. Egal wie sehr Peking sich anstrenge, hiess es da, es werde «nicht in der Lage sein, sich all die Verantwortung auf­zubürden, vor der Washington sich drückt.» China werde noch lange das grösste Entwicklungsland der Welt bleiben, schrieb die Zeitung: «Wie kann man von ihm verlangen, Raum für die eigene Entwicklung zu opfern für all die reichen westlichen Nationen?»

Erstellt: 02.06.2017, 20:25 Uhr

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