Grüne Protestwelle rollt auf Erdogan zu

Nahe der Dardanellen wurden sehr viele Bäume gefällt, um eine Goldmine auszubeuten. Tausende Demonstranten haben sich am historischen Ort versammelt.

Ziviler Widerstand gegen eine Goldmine: Umweltaktivisten protestieren am 5. August nahe der Kleinstadt Kirazli. Foto: Kemal Aslan (Reuters)

Ziviler Widerstand gegen eine Goldmine: Umweltaktivisten protestieren am 5. August nahe der Kleinstadt Kirazli. Foto: Kemal Aslan (Reuters)

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Die türkische Dichterin spricht von den Göttern, den griechischen. «Erzählt euren Kindern, dass Zeus die Trojanischen Kriege von diesen Bergen aus verfolgt hat», schreibt Mine Sögüt. Tarkan, der Popmusiker, warnt: Die Türkei opfere ihre Berge, Seen und Meere, «aus reiner Geldgier». Und der örtliche Bürgermeister sagt: «Es bricht mir das Herz.»

Aus der Luft sieht man nur eine braune Fläche, Hügel an Hügel, baumlos. 195'000 Bäume wurden hier gefällt, sagt die türkische Umweltstiftung Tema, für eine Goldmine. Seit die Luftbilder der ausgeräumten Landschaft unweit des kleinen Ortes Kirazli nahe der Stadt Canakkale in sozialen Medien auftauchten, rollt eine Protestwelle, so schnell und spontan, wie man das lange nicht mehr gesehen hat in der Türkei.

Erinnerung an Gezi

In jedem Fall nicht seit den Tagen von Gezi, als 2013 in Istanbul Hunderttausende protestierten für einen kleinen Park und gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan. Die Proteste wurden von der Polizei niedergeschlagen. Ein paar der damaligen Aktivisten stehen vor Gericht, ihnen drohen lange Haftstrafen. Seit 2013 gab es nur selten grössere Proteste, und wenn, hielten sie nicht lange an.

Ende Juli schlugen ein paar Umweltaktivisten in der Nähe des Minengeländes Zelte auf, sie nannten das «eine Wasser- und Gewissenswache». Am vergangenen Montag versammelten sich dort schon mehrere Tausend Demonstranten. Sie wanderten zum Bauplatz, wo die wenigen Wächter sie durchliessen. Nach ein paar Stunden zogen sie wieder ab. Alles war friedlich, und auch die Zelte in der Nähe blieben stehen.

Es ist ja Sommer, gute Zeit für einen Bergausflug. «Wir hatten Ballons dabei und spielten Gitarre», erzählte der 34-jährige Burak Ciftci, einer der Camper, einer türkischen Journalistin. «Wir haben nicht vor, die Mine anzugreifen, was wir tun, ist ziviler Widerstand», sagte Ciftci.

Das Gelände der Mine bei Kirazli – und einer zweiten in der Nähe, unweit des fast 1000 Meter hohen Berges Agi – wurde von der kanadischen Firma Alamos Gold im Januar 2010 für 90 Millionen Dollar erworben. So heisst es auf der Firmenwebsite. 2017 wurden die ersten Bäume gefällt.

«Warum hat damals keiner protestiert?», fragt Bülent Turan, Abgeordneter der Regierungspartei AKP in der Provinz Canakkale. «Heute nützt das doch keinem Baum mehr.» Turan zweifelt an den Zahlen der Umweltschützer. Allenfalls 13'000 Bäume seien weg, sagt er. Über die Zahlen wird nun heftig gestritten. Experten rechnen vor: Dass auf 200 Hektaren Wald nur 13'000 Bäume gestanden hätten, sei unmöglich. Regierungssprecher Ömer Celik sagt, 14'000 Setzlinge seien schon andernorts für die gefällten 13'000 Bäume gepflanzt worden. Die Türkei sei «sehr achtsam, was die Natur betrifft». Auch die Demonstranten hatten Baumsetzlinge dabei, sie pflanzten sie in die trockene Erde – eine symbolische Aktion.

Der Bürgermeister der Stadt Canakkale, Ülgür Gökhan, unterstützt den Protest. Er gehört der säkularen Oppositionspartei CHP an. Diese zeigt nach erfolgreichen Kommunalwahlen neue Zuversicht. Gökhan sagt, er hoffe weiter auf die Justiz, nur sie könne das Projekt noch stoppen.

Einsatz von Zyanid geplant

Canakkale liegt an den Dardanellen, der Meerenge zwischen Marmarameer und Mittelmeer. Es ist ein historisch bedeutsamer Schauplatz für Heldengeschichten und bittere Niederlagen. Hier fand die Schlacht um Gallipoli statt, eine der blutigsten des Ersten Weltkriegs. Am Ende siegte die osmanische Armee, unter hohen Verlusten. Es ist aber auch die Landschaft von Troja. Nicht nur Heinrich Schliemann glaubte, hier die von Homer beschriebene antike Stadt gefunden zu haben, und grub 1873 den Goldschatz des Priamos aus. Gold scheint mit der Region verbunden zu sein. Auch das nahe Ida-Gebirge spielt in der griechischen Mythologie eine grosse Rolle. Zeus soll von seinem höchsten, 1774 Meter hohen Gipfel die Schlachten des Trojanischen Krieges verfolgt haben.

In der Türkei heisst der Bergzug Kaz Daglari, er wird nun sogar in Istanbul verteidigt. Am Donnerstag tauchten an der Galata-Brücke Plakate auf, die zum «Widerstand» gegen Naturzerstörung in der 400 Kilometer entfernten Bergregion aufriefen. Sie erinnerten auch an ein Staudammprojekt im Südosten, für das die antike Stadt Hasankeyf geopfert wurde. Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu, seit seiner Wahl im Juni die Hoffnung der Opposition, hat auch schon dem kanadischen Botschafter Chris Cooter seine Bedenken gegen die «Naturzerstörung» vorgetragen.

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Die Welle hat inzwischen sogar Ankara erreicht. Präsident Erdogan liess die AKP-Fraktion wissen, er verstehe die ganze Aufregung nicht. Bergbau-Explorationen in der Region seien älter als die AKP. Er habe die Kaz-Berge selbst schon besucht und werde das bald wieder tun. Ausserdem sprach Erdogan von «Manipulationen».

Was damit wohl gemeint war, erläuterte Regierungssprecher Celik nach der Sitzung. Er sagte, zwischen der Mine und den berühmten Bergen, deren Zentrum ein Nationalpark ist, lägen 40 Kilometer. Die Bergbaufirma werde zudem kein hochgiftiges Zyanid benutzen. Auch davor hatten die Umweltaktivisten gewarnt.

Allerdings: John McCluskey, der Chef der kanadischen Firma Alamos, war auch gerade in Ankara. Der Agentur Reuters sagte er dort, man werde doch Zyanid benutzen, aber alle nötigen Vorkehrungen treffen.

Gold ist in der Türkei gewöhnlich sehr beliebt. Bräute werden mit Goldreifen behängt. «Kommt nicht her, wenn ihr Gold liebt», schrieben Demonstranten auf ein Plakat. Ein Aufruf zum Luxusverzicht.

Erstellt: 10.08.2019, 17:08 Uhr

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