Eine Stadt steht unter Schock

Hongkongs Polizei geht mit harter Gewalt gegen Demonstranten vor, die Zahl der Verletzten ist auf mindestens 81 gestiegen.

Polizisten halten Wache nach den Protesten, bei denen sie Tränengas, Gummigeschosse und Schrotmunition eingesetzt haben. Foto: Philip Fong (AFP)

Polizisten halten Wache nach den Protesten, bei denen sie Tränengas, Gummigeschosse und Schrotmunition eingesetzt haben. Foto: Philip Fong (AFP)

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Als sich Rachel auf den Mauervorsprung fallen lässt, zieht die Polizei gerade ihre Einheiten zusammen. Das Blaulicht der Einsatzwagen erleuchtet den Strassenzug. «Sie umzingeln uns», sagt Rachel und blickt dabei kaum auf. Hinter ihr rennt ein Vermummter mit einem Mikrofon in Richtung der Strassensperre, um andere zu warnen. «Macht euch bereit», ruft er. Die Studentin bleibt sitzen. Es ist weit nach ein Uhr nachts. Rachel ist erschöpft.

Die junge Hongkongerin war unter den Zehntausenden Menschen, die am Mittwoch gegen das umstrittene Auslieferungsabkommen demonstriert hatten. Tausende blockierten das Parlament und den Regierungskomplex von Hongkong, um gegen das Gesetz zu protestieren. Es würde Hongkongs Behörden erlauben, seine Bürgerinnen und Bürger auch an Festlandchina auszuliefern, wo es kein unabhängiges Rechtssystem gibt.

Die Bilder der Krawalle haben die chinesische Sonderverwaltungszone binnen Stunden in den Fokus der Weltöffentlichkeit katapultiert. Für Peking sind die Proteste in seiner Sonderverwaltungszone ein Debakel. Die Regierung steht bereits durch den Handelsstreit mit den USA massiv unter Druck. Dieser Streit belastet die heimische Wirtschaft. Eine Einigung scheint nicht in Sicht zu sein.

Peking gibt sich gerne als ein fairer und rationaler Spieler. Aber auch wenn es Hongkonger Einsatzkräfte sind, die in diesen Tagen durch die Stadt marschieren – hinter den prügelnden Polizisten werden viele Pekings hässliche Fratze sehen. Das chinesische System, das global seinen Einfluss ausweitet, das demokratische Systeme unterwandert und Zivilgesellschaften wie in Hongkong zermalmt, um seine eigene Macht zu sichern.

Niemand wäre dann mehr sicher

Am Donnerstag erklärte der chinesische Botschafter in London, dass allein die Hongkonger Regierung hinter der umstrittenen Gesetzesinitiative gestanden habe. Peking scheint aufgrund des internationalen Drucks nun sogar bereit zu sein, die eigens ­eingesetzte Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam abzu­sägen, um Schlimmeres zu verhindern.

Vor der Übergabe der ehemaligen Kronkolonie sicherte China der Stadt nach dem Prinzip «Ein Land, zwei Systeme» für fünfzig Jahre weitreichende rechtsstaatliche Freiheiten zu. Menschen wie die Demonstrantin Rachel fürchten, dass es damit endgültig vorbei sein könnte, wenn sich die Regierung mit dem Auslieferungsabkommen durchsetzt. Kein Aktivist, kein Journalist, kein Anwalt wäre dann mehr sicher, sagen die Kritiker.

Beteiligten droht Haft

Rachel studiert an der Hongkonger Universität. Sie trägt eine Maske, um ihren Hals baumelt eine Schutzbrille gegen das Tränengas. Ihren richtigen Namen will sie aus Angst nicht veröffentlicht wissen. Hongkong ist nach der prodemokratischen Protestbewegung vor fünf Jahren hart gegen Aktivisten vorgegangen. Viele Beteiligte von damals wurden zu Haftstrafen verurteilt. Das könnte nun auch ihr drohen, wenn sie von der Polizei aufgegriffen wird. Gekommen ist sie trotzdem.

Es scheint, als wäre etwas aus dem Gleichgewicht geraten in Hongkong, das einst als Hort der Freiheit galt. Unter den Briten war die ehemalige Kronkolonie zwar auch nur teildemokratisch. London garantierte aber entscheidende rechtsstaatliche Freiheiten, um den Handel in der Hafenstadt zu sichern. Nach der Übergabe 1997 machte Peking zumindest offiziell mit einem ähnlichen Deal weiter. Mindestens bis 2047 sollte die Stadt ihren Sonderstatus behalten.

Die Hongkonger akzeptierten damit, als Teil Chinas betrachtet zu werden. Gleichzeitig profitierte die Finanzmetropole vom wachsenden chinesischen Markt und dem Image als Tor zu Festlandchina. Der Deal hatte von Anfang an Vor- und Nachteile.

Wann die Vorteile für viele Hongkonger aufhörten zu überwiegen, ist schwer zu sagen. Vielleicht fing es 2015 an, als die chinesische Regierung einen schwedischen Verleger aus Thailand entführen liess. Zuvor hatte er einen Verlag in Hongkong geleitet, in dem chinakritische Bücher erschienen. Später tauchte er in Festlandchina auf, wo er im Staatsfernsehen ein erzwungenes Geständnis ablegte – bevor er wieder verschwand.

Mit harter Gewalt gegen die Demonstranten

Vielleicht begann es vor Monaten, als Hongkongs Regierung das Visum eines britischen Korrespondenten nicht mehr verlängerte, der eine Diskussionsveranstaltung mit dem Vertreter einer Splitterpartei organisierte, die sich für die Unabhängigkeit Hongkongs einsetzt. Die Presse in Hongkong steht seit langem unter Druck. Viele der Zeitungen sind von prochinesischen Unternehmern aufgekauft worden. Freie Medien werden gegängelt und bedroht. Die De-facto-Ausweisung des Briten war trotzdem ein Novum.

Vielleicht war es aber auch erst am vergangenen Sonntag, als eine Million Menschen auf die Strasse gingen, um für ihre Freiheit zu kämpfen. Und ihre Regierungschefin sie erneut übergehen wollte – eine Million Menschen, jeder siebte Bürger der Stadt. Sicher ist: Als die Studenten 2014 für Wochen die Innenstadt Hongkongs blockierten, ging es ihnen um den Status quo, um mehr demokratische Mitbestimmung, um freie Wahlen. Das ist dieses Mal anders.

Studierenden wie Rachel geht es nicht um neue Freiheiten – sie wollen Hongkong retten. Und damit meinen sie, was davon noch übrig ist. Festlandchina mit seinen Überwachungskameras und der Internetzensur ist für sie ein fremder, ein toxischer Ort, der schleichend ihre Stadt vergiftet. «In China verhindert die Regierung Widerstand, noch bevor er in den Köpfen der Menschen entstehen kann», sagt sie mit Abscheu in der Stimme. Niemals solle Hongkong, ihre Heimat, so werden.

Als sie am Mittwochmorgen mit Kommilitonen zu den Demonstranten aufbrach, ahnte sie nicht, was sie in den nächsten Stunden erleben würde. 150 Tränengaspatronen, Gummigeschosse und sogenannte Beanbags, eine Schrotmunition, die den Getroffenen nicht töten soll, schoss die Polizei auf die Demonstranten. Ein Team von Sanitätern, das in der Nacht zu Donnerstag in der Nähe des Regierungsviertels unterwegs ist, berichtet von schweren Verletzungen.

Grossdemo am Sonntag

Einer der jungen Sanitäter weint. «Ich bin so enttäuscht über das, was heute passiert ist», sagt er. In einem improvisierten Lager haben sie unter Regenschirmen Nachschub gestapelt: Mullbinden, Kochsalzlösungen, Wasser. Sie haben den Tag über durch das Gas kurzzeitig erblindete Demonstranten versorgt, Schürfwunden und Gehirnerschütterungen.

Viele der Protestierenden haben Schocks erlitten – mitten im Viertel Admiralty. Dort, wo sonst Banker arbeiten und Stars beim Shoppen abgelichtet werden. Unter den Demonstranten sind auch viele Schüler. Teilweise Kinder, 14 und 15 Jahre alt. Drei Tage nach den schweren Krawallen versuchen die Menschen in der Stadt immer noch zu verstehen, was passiert ist. Die Zahl der Verletzten ist seit Mittwoch auf mindestens 81 Menschen gestiegen, 22 davon Polizisten.

Trotz des Widerstands ist bisher nicht klar, ob die Hongkonger Regierungschefin an dem Gesetz festhalten wird. Noch hofft Carrie Lam, dass das Parlament das Abkommen absegnet. Eine Gruppe ehemaliger hoher Regierungsbeamter forderte in einem Brief am Freitag die Regierungschefin auf, nicht eine Konfrontation zu erzwingen, indem sie das Gesetzgebungsverfahren weiter vorantreibt. Ein hoher Beamter bezeichnet ihre Weigerung, einzulenken, als «Wahnsinn». Für den Sonntag sind wieder Proteste angesagt. Auf der Ankündigung dazu heisst es: «Hongkong ist nicht China – noch nicht.»

Erstellt: 14.06.2019, 19:47 Uhr

Podiumsdiskussion

China - Faszination, Chance, Bedrohung

China ist eines der dynamischsten Länder der Welt. Es ist eine uralte Kulturnation. Und es macht dem Westen seine globale Vormachtstellung streitig.

Was bedeutet Chinas Aufstieg für die Schweiz, Europa und die USA? Weshalb funktioniert eine kapitalistische Marktwirtschaft in einem kommunistischen Einparteienstaat? Und wie schwierig ist es für jemanden aus Europa, Chinesisch zu lernen?

Über diese und andere Fragen diskutieren:

Barbara Lüthi, langjährige Ostasien-Korrespondentin
des Schweizer Fernsehens und heutige Moderatorin der Sendung «Club».

Clarisse von Wunschheim, Anwältin und Expertin für internationale Handelsstreitigkeiten, mit Schwerpunkt China.

Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter für die Volksrepublik China, Nordkorea und die Mongolei, Kunstsammler, Mäzen und Unternehmer.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger

16. Juni, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich.
Türöffnung: 19.00 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr.
Eintritt: 25 CHF. Mit Carte blanche 15 CHF

Ticketreservierung:www.kaufleuten.ch

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