Über eine Million Menschen trotzen Peking

Neues Protest-Wochenende in Hongkong: Im strömenden Regen zogen Demonstranten durch die Metropole.

Trotz Regen und Warnung aus China: Das Video zeigt in Zeitraffer, wie sich der Protest friedlich durch die Metropole schiebt. Video: Tamedia

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Allen Drohungen aus Peking zum Trotz sind in Hongkong wieder mehr als eine Million Anhänger der Demokratiebewegung auf die Strasse gegangen. Bei der zentralen Kundgebung in der ehemaligen britischen Kolonie war der Victoria-Park am Sonntag bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Proteste sollen weitergehen.

Die Menschen liessen sich auch von heftigem Regen nicht davon abbringen, lautstark Freiheit und Demokratie zu verlangen. Bis zum späten Abend (Ortszeit) blieb alles friedlich.

Die Demonstranten haben sich im Victoria Park versammelt. (18. August 2019) Foto: Kyle Lam/AFP

Zu der Kundgebung hatte das Bündnis Civil Human Rights Front aufgerufen, das mit früheren Protesten bereits Pläne der prochinesischen Stadtregierung für ein Auslieferungsgesetz gestoppt hatte. Inzwischen richtet sich der Protest zunehmend gegen Peking direkt. Hongkong gehört seit dem Abzug der Briten 1997 wieder zu China. Als Sonderverwaltungszone hat es eigentlich noch bis 2047 umfangreiche Sonderrechte garantiert. Viele fürchten nun darum.

Die Demonstration galt als Gradmesser, welchen Rückhalt die Bewegung in der 7,5 Millionen-Einwohner-Stadt noch hat. Vergangenes Woche war sie wegen Prügelszenen auf Hongkongs Flughafen, wo Demonstranten auf einen chinesischen Reporter losgingen, in die Kritik geraten. Dem Aufruf folgten nach Schätzungen von dpa-Reportern deutlich mehr als eine Million Menschen. Die Veranstalter selbst sprachen von mehr als 1,7 Millionen. Von der Polizei gab es zunächst keine Zahlen.

Die Menschen zogen friedlich durch die Metropole. (18. August 2019) Foto: Kyle Lam/AFP

Rund um den Park war die Innenstadt auf mehreren Kilometern völlig dicht. Trotz eines offiziellen Verbots marschierten auch am späten Abend noch Zehntausende friedlich durch die Strassen. Die Polizei schritt jedoch nicht ein. Für den 31. August kündigte das Bündnis am Abend eine neue Grosskundgebung an. «Heute war noch nicht das Ende», hiess es am in einem Appell. Aus Peking gab es keinerlei offizielle Reaktion.

Zuvor hatten Redner die Menge immer wieder aufgerufen, ruhig zu bleiben. Eine der Organisatorinnen, Bonnie Leung, sagte: «Wir hoffen, dass wir der Welt zeigen können, dass Hongkongs Bevölkerung völlig friedlich sein kann.» Als ein mächtiger Regen begann, spannten die Demonstranten ihre Schirme auf und blieben stehen. Nach Hause ging wegen des Regens niemand.

In den vergangenen Tagen hatte Peking eine massive Drohkulisse aufgebaut. Angesichts von Truppenbewegungen nahe Hongkong gibt es international Sorge vor einem militärischen Eingreifen wie 1989 bei der blutigen Niederschlagung der Proteste in Peking. Staatspräsident Xi Jinping hat sich zur Entwicklung in Hongkong noch nicht geäussert. Am 1. Oktober will die Volksrepublik ihr 70-jähriges Bestehen feiern.

Video: China warnt die Demonstranten mit Bildern von Panzern

Chinesische Truppen haben an einer Übung in einem Sportstadion in der Stadt Shenzhen an der Grenze zu Hongkong teilgenommen. Video: AFP/Tamedia

Die Demonstrationen dauern nun schon mehr als zweieinhalb Monate. Die Kritik richtete sich anfangs insbesondere gegen Hongkongs prochinesische Regierungschefin Carrie Lam. Am Sonntag waren Plakate zu sehen, die sie mit Hitler-Bärtchen zeigten. Weitere Forderungen sind freie Wahlen und eine unabhängige Untersuchung von Polizeigewalt bei früheren Demonstrationen. Aus der Menge wurden aber auch Rufe nach Unabhängigkeit laut.

Aus Angst vor Krawallen blieben viele Geschäfte geschlossen. Marsch und Kundgebung verliefen jedoch friedlich. In einem Park versammelten sich am Samstag auch mehrere Tausend prochinesische Gegendemonstranten. Die Polizei sprach sogar von mehr als 100 000 Teilnehmern. Daran gibt es jedoch grosse Zweifel.

Vor allem die jüngeren Hongkonger beteiligen sich an den Demonstrationen. (16. August 2019) Foto: Anthony Kwan/AFP

Die Europäische Union mahnte beide Seiten zum Dialog. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini sagte: «Es ist entscheidend, dass Zurückhaltung geübt, Gewalt abgelehnt, und dringende Schritte zur Deeskalation der Situation unternommen werden.» Aus der Protestbewegung gibt es auch Stimmen, die vom Westen verlangen, mehr für die Sicherung von demokratischen Grundrechten in Hongkong zu tun. (sda)

Erstellt: 18.08.2019, 15:28 Uhr

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