Ihre Mission: Nordkorea wehtun, den Tod ihres Sohnes sühnen

Der Amerikaner Otto Warmbier kehrte von einer Reise in die Diktatur als Sterbender zurück. Seine Eltern haben nun den Kampf aufgenommen.

Cindy und Fred Warmbier wollen Nordkorea vor allem dort treffen, wo es dem Staat wehtut: Beim Geld. Foto: Michael Hübner (B.Z.)

Cindy und Fred Warmbier wollen Nordkorea vor allem dort treffen, wo es dem Staat wehtut: Beim Geld. Foto: Michael Hübner (B.Z.)

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Es dauert, bis sich eine leise Stimme meldet. Fred Warmbier beugt sich zur Sprechanlage: «Hier sind Fred und Cindy Warmbier, die Eltern von Otto. Wir wollen den Botschafter sprechen.» Die Sprechanlage knackt, dann wieder die leise Stimme. Der Botschafter habe eine Besprechung, danach Mittagessen. Keine Zeit. Ausserdem sei kein Termin vereinbart worden. «Schicken Sie uns beim nächsten Mal doch bitte eine E-Mail.» Dann ist Stille.

Die Botschaft Nordkoreas ist ein runtergewohnter Plattenbau, ein Vorhang bewegt sich, ein Mann wirft einen Blick nach draussen. Die beiden Amerikaner erkennt er mit Sicherheit. Jeder nordkoreanische Diplomat kennt sie, die Eltern von Otto Warmbier, dem Studenten aus Cincinnati, Ohio, den das nordkoreanische Regime zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilte und erst halb tot ausreisen liess. Sechs Tage nach seiner Rückkehr starb Otto Warmbier.

Einmal den Kalten Krieg sehen, dann wieder zurück.

Fred und Cindy Warmbier sind nach Berlin gekommen, um den Tod ihres Sohnes zu sühnen. An diesem Morgen sind sie mit ihren deutschen Anwälten vom Potsdamer Platz aus herübergelaufen. An einem Tisch in der Kanzlei haben sie zuvor die Geschichte ihres Sohnes erzählt, vor den Fenstern rauscht der morgendliche Verkehr. Fred Warmbier trinkt Cola light, seine Frau Tee. Mal wirken sie ganz ruhig, dann wieder wütend, man spürt ihren grossen Schmerz. Fünf Tage wollte ihr Sohn in Nordkorea bleiben. Silvester an einem der unwirtlichsten Orte der Welt feiern, den Jahreswechsel 2015/16 in Pyong­yang. Einmal den Kalten Krieg sehen, dann wieder zurück.

Wer als Tourist nach Nordkorea fahren möchte, muss sich einer Reisegruppe anschliessen. Otto Warmbier entschied sich für Young Pioneer Tours mit Sitz in China. «Spass, Nervenkitzel und Abenteuer zu einem günstigen Preis», stand auf der Website. Noch heute wirbt die Firma mit Reisen «an Orte, von denen dich deine Mutter lieber fernhalten möchte». Tschernobyl, Tschetschenien, Eritrea, Somalia. Das Unternehmen habe damals auch damit geworben, dass noch kein Amerikaner festgenommen worden sei, sagt Fred Warmbier.

Wachen mit Kalaschnikows

Sie waren zu zehnt, untergebracht im Hotel Yanggakdo, einem Betonkoloss, den Anfang der Neunzigerjahre französische Architekten auf eine Insel im Taedong-Fluss gebaut haben. Kein Gast des Hotels kann das Hotel verlassen. An den Brücken stehen Wachen mit Kalaschnikows. Im Keller ist ein Casino untergebracht, es wird von gelangweilten Chinesen betrieben, die hier ebenfalls kaserniert sind. Die Hotelbar ist ein verwinkeltes Labyrinth von Tischen. Es gibt selbst gebrautes Bier, indonesische Limonade und nordkoreanischen Schnaps mit eingelegter Schlange.

Auf den Reisen von Young Pioneer Tours wurde immer wieder ordentlich gebechert, erzählen Teilnehmer. Eine der gängigen Mutproben war es dann, die berüchtigte fünfte Etage des Yanggakdo aufzusuchen. Hier sitzt die Verwaltung des Hotels. Und die Staatssicherheit. An den Wänden hängen Propaganda-Plakate. Der Lift hält nicht im fünften Stock, man muss die Treppe nehmen.

Am Neujahrsmorgen 2016 betrat Otto Warmbier diese Mitarbeiterebene. Ob es tatsächlich das fünfte Stockwerk war, ist unklar. Klar ist hingegen: Es war 1.57 Uhr Ortszeit, als eine Überwachungskamera festhielt, wie er eines der Plakate von der Wand nahm. «Wir bewaffnen uns stark mit dem Patriotismus von Kim Jong-il», stand darauf auf Koreanisch, ein wuchtiges Stück Propaganda, viel zu schwer, um es mitzunehmen.

Da war Otto Warmbier noch gesund: Er wird 2016 in die Haft abgeführt.Foto: Kyodo

Am Tag darauf verhafteten nordkoreanische Grenzer Otto Warmbier am Flughafen von Pyongyang. Die Reisegruppe flog ohne ihn zurück. «Es gab ein kleines Problem mit Otto», schrieb die Reiseleiterin von Young Pioneer Tours. Wenig später versicherte sie: «Wir erwarten, dass es bald behoben sein wird, aber bitte habt etwas Geduld.»

Was für eine Fehleinschätzung. Den Eltern in Ohio erzählen sie Ähnliches: Abwarten. Ruhe. Keine Interviews. Kein Lärm. Fred und Cindy Warmbier hielten sich daran. Auch damit müssen sie jetzt leben. Am 22. Januar verbreitete Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA die Meldung, dass «der amerikanische Staatsbürger Otto Freerick Warmbier» verhaftet worden sei, da er versucht habe, «im Auftrag der amerikanischen Regierung die Einheit des Landes zu zerstören». Cindy und Fred Warmbier schwiegen weiter.

Ende Februar organisierte das Regime eine Pressekonferenz in Pyong­yang. In einem Land, in dem es sonst nie Pressekonferenzen gibt. Mit tränenerstickter Stimme gestand Otto Warmbier, das Banner von der Wand genommen zu haben. «Ich bitte euch um Verzeihung. Bitte! Ich habe den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen», sagte er. Er trug ein beiges Leinenjackett, darunter ein gestreiftes Hemd, die Krawatte offenbar hastig gebunden.

Zwei Wochen später verurteilte der Oberste Gerichtshof Nordkoreas Otto Warmbier wegen «feindlicher Handlungen gegen den Staat» zu 15 Jahren Arbeitslager. Aufnahmen des Staatsfernsehens zeigen, wie Otto Warmbier abgeführt wird, gefesselt mit Handschellen, den Blick gesenkt. Es sind die letzten Bilder, die ihn gesund und lebendig zeigen. 15 Monate hören die Eltern nichts von ihrem Sohn. Keine «Megafondiplomatie», raten die Beamten in Washington. «Die US-Regierung hat unseren Sohn die ganze Zeit im Stich gelassen», sagt Cindy Warmbier heute.

«Leider nicht mehr aufgewacht»

Am 6. Juni 2017 erhielt der Sonderbeauftragte für Nordkorea im amerikanischen Aussenministerium eine Nachricht. Otto Warmbier liege im Wachkoma. Er habe, heisst es, kurz nach dem Prozess eine Lebensmittelvergiftung erlitten. Man habe ihm daraufhin ein Schlafmittel gegeben, leider sei er seitdem nicht mehr aufgewacht.

Am 13. Juni lässt das nordkoreanische Regime Otto Warmbier aus «humanitären Gründen» frei. An Bord eines Krankenflugzeugs landet er in den USA. «Wir hörten sehr laute, fast animalische Schreie», sagt Cindy Warmbier. Es waren die Schreie ihres Sohnes. Sein Kopf war rasiert, in der Nase steckte eine Magensonde. «Er zitterte heftig und machte diese Heulgeräusche wie eine Kuh oder eine Art Tier. Er war verstörend», sagt Fred Warmbier. «Als wir im Krankenhaus ankamen, sagten die Ärzte: Otto ist blind und taub.» Am 19. Juni 2017 stirbt Otto Warmbier. Er ist 22 Jahre alt.

«Die US-Regierung hat unseren Sohn im Stich gelassen.»Cindy Warmbier, Mutter von Otto Warmbier

«Sie haben ihn getötet», sagt Cindy Warmbier in Berlin. Dann machen sie sich auf den Weg zur Botschaft Nordkoreas. Für Politik haben sie und ihr Mann sich früher nie interessiert, Cindy Warmbier ist 60 Jahre alt, ihr Mann ein Jahr jünger. Von Nordkorea wussten sie früher so gut wie nichts. Seit Ottos Tod aber hat das Kim-Regime zwei neue Feinde. «Wir ziehen Nordkorea zur Rechenschaft, deshalb sind wir hier», sagt Cindy Warmbier. Sie wollen das Regime dort treffen, wo es ihm am meisten wehtut – beim Geld.

Im April 2018 verklagten sie die nordkoreanische Regierung wegen «brutaler Folter und Mordes». Acht Monate später verurteilte ein Bundesgericht in Washington die Demokratische Volksrepublik Korea zu einem Schadenersatz in Höhe von 500 Millionen Dollar. Die Warmbiers und ihre Anwälte probieren überall auf der Welt das Geld aufzutreiben. Aber es geht ihnen vor allem darum, Nordkorea zu schädigen. Deshalb versuchen sie jetzt auch in Berlin, es dem Regime so schwer wie möglich zu machen. Es geht um das City Hostel.

Seit Ende der Sechzigerjahre residiert Nordkorea auf einem 6000 Quadratmeter grossen Areal zwischen Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie. Zu DDR-Zeiten lebten hier 30 Diplomaten Nordkoreas. Heute sind sie nur noch eine Handvoll.

Nordkoreas verbotene Geschäfte

Nach der Wende begannen die Nordkoreaner damit, Teile ihrer Botschaft unterzuvermieten. 2004 übernahm ein Hotelier das frühere Verwaltungsgebäude der Botschaft und liess den fünfstöckigen Betonkasten zu einem Hostel umbauen. 450 Betten in mehr als 100 Zimmern. Mieteinnahmen in Höhe von 40'000 Euro monatlich – steuerfrei, denn Abgaben zahlten die Nordkoreaner lange Zeit nicht. Seit drei Jahren verbietet eine Resolution des UNO-Sicherheitsrates solche Geschäfte, in Deutschland wurde eigens das Gesetz geändert, um diesen Rechtsbruch zu beenden. Das Hostel ist aber weiterhin geöffnet.

Im August war Cindy Warmbier schon einmal im City Hostel, jetzt will auch ihr Mann unbedingt einmal rein. Sie fassen sich an den Händen und steigen gemeinsam die Stufen zur Réception hinauf. Es wirkt fast wie eine Reise in ein feindliches Land. Drinnen wischt eine Putzfrau den Aufenthaltsraum. Am Ende eines langen Korridors liegt der verschlossene Hinterausgang, durch die Glastür sieht man den Hinterhof, die Fenster und Balkone der Botschaft. Näher können die Warmbiers Nordkorea nicht kommen.

Womöglich könnte es bald ein Gerichtsverfahren geben. «Das Hostel muss geschlossen werden, das ist eine Frage des Rechts,» sagt Fred Warmbier. «Otto bekam kein Recht.»

Erstellt: 15.11.2019, 11:31 Uhr

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