Ikone der Opposition

Nach Jahren im Gefängnis wurde Anwar Ibrahim begnadigt.

Er ist den Trubel nicht mehr gewohnt, nach Jahren der Gefangenschaft: Anwar Ibrahim. Foto: AP Photo/Vincent Thian

Er ist den Trubel nicht mehr gewohnt, nach Jahren der Gefangenschaft: Anwar Ibrahim. Foto: AP Photo/Vincent Thian

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Irgendwann hielt Anwar Ibrahim das Kreischen der Menge nicht mehr aus, der 70-Jährige legte den Zeigefinger an die Lippen, um seine Anhänger zu besänftigen. Er ist den Trubel nicht mehr gewohnt, nach Jahren der Gefangenschaft. «Das ist unser Mandela-Moment», rief eine begeisterte Anhängerin in Kuala Lumpur. Anwar Ibrahim, die Ikone der malaysischen Opposition, ist frei.

Anwar soll eine neue Ära begründen und Malaysia aus dem Morast der Korruption ziehen. Die Wähler haben die Machenschaften im politischen Establishment satt, deshalb wählten sie am 15. Mai das Bündnis der Opposition. Anwars Partei ist darin die stärkste Kraft, viele wünschen sich, dass er rasch die Macht übernimmt. Doch das dürfte nicht so bald geschehen. Zwar ist Anwar durch die Gnade des Königs nun freigekommen, doch braucht er einen Parlamentssitz, um Premier zu werden. Und den muss er sich in einer Nachwahl erobern.

Ausserdem hängt jetzt viel von jenem Mann ab, der Anwars politisches Schicksal seit mehr als 20 Jahren massgeblich bestimmt: Mahathir Mohamad, Ex-Premier und seit dem Wahlsieg erneut Regierungschef. Der unverwüstlich wirkende Machtmensch lenkt nach 15 Jahren Pause noch einmal sein Land. Der 92-Jährige und Anwar, sie sind nun – wieder – Verbündete.

Der neue Premier scheint nicht in Eile zu sein, den Stab an Anwar zu übergeben.

So hatte es auch mal angefangen mit den beiden, damals, in den 90er-Jahren. Mahathir, der 1981 die Regierung übernommen hatte und Malaysias Aufschwung organisierte, förderte den jungen, begabten Anwar – bald machte er ihn gar zum Vize. Ein dynamisches Gespann war das. Aber es war nur von kurzer Dauer. Schliesslich war es sein früherer Mentor, der Anwar Ende 1999 ins Gefängnis verfrachtete.

Dem politischen Aufsteiger Anwar wurden Sodomievorwürfe zum Verhängnis, homosexuelle Handlungen sind in Malaysia strafbar. Anwar war dem Premier zu ehrgeizig geworden. So begann Anwars Justizmartyrium, dreimal kam er seither ins Gefängnis, alles in allem verbrachte er mehr als elf Jahre hinter Gitter. Anwar und seine Familie haben schlimm gelitten in den Jahren der Haft, der Vater hat seine Kinder kaum aufwachsen sehen, Ehefrau Wan Azizah rückte immer stärker in die Politik, die Ärztin ist inzwischen auch Vizepremier im Kabinett Mahathir.

Mahathir hatte den Gefangenen erstmals 2016 wiedergesehen, damals näherten sie sich wieder an. Aber der neue Premier scheint nicht in Eile zu sein, den Stab an Anwar zu übergeben. Er könne noch ein, zwei Jahre im Amt bleiben, sagt er. Jetzt treibt er erst einmal voran, was die Opposition im Wahlkampf versprach. Die Bürger sollen erfahren, was mit den 4,5 Milliarden Dollar geschehen ist, die unter der Regierung von Najib Razak aus dem Staatsfonds 1MDB verschwanden – auch über Schweizer Banken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 19:59 Uhr

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