In der Grabkammer der selbst ernannten Sonnen

In Nordkorea herrscht seit 70 Jahren eine absurde Familiendiktatur – eine Reportage aus dem heiligsten Ort des säkularen Gottesstaates.

Hier scheinen auch bei Regen die Sonnen: Das Mausoleum von Kim Il-sung und Kim Jong-il. Foto: iStock

Hier scheinen auch bei Regen die Sonnen: Das Mausoleum von Kim Il-sung und Kim Jong-il. Foto: iStock

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Auf dem Weg zum Allerheiligsten hängt der beissende Geruch von Urin im Raum. Weil im Eingangsbereich des Mausoleums einer die Tür zur Herrentoilette hat offen stehen lassen, müssen die Besucher zehn Minuten in schlechter Luft ausharren. So lange dauert es, bis die gut 100 Namen auf der Liste abgehakt sind, nur wer angemeldet ist, darf hinein. Tief ergriffen wartet die Gruppe, der Gestank scheint niemanden zu stören. Die Männer tragen gedeckte Anzüge, die Frauen, was sie im Süden den «Hanbok» und hier im Norden «Joseon-ot» nennen, die traditionelle koreanische Tracht – in Rosa und Hellblau. Mit Bussen hat man sie hergekarrt, für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie in Pyongyang sind; lediglich die Treuesten der Treuen dürfen in die Hauptstadt reisen, nur ganz wenige werden in den Palast der Sonnen gelassen.

Jedes Kind in Nordkorea weiss: Die Sonne gibt es genau dreimal. Eine Sonne strahlt am Himmel, die beiden anderen Sonnen ruhen in den Glassärgen im Mausoleum, bedeckt mit roten Fahnen: Kim Il-sung, der Staatsgründer, und Kim Jong-il, sein Sohn.

An Kim Il-sungs Geburtstag, dem 15. April, feiern die Nordkoreaner den Tag der Sonne. Und Kim Jong-il nennen sie «die Sonne des 21. Jahrhunderts». Seit er vor sechseinhalb Jahren gestorben ist und zu seinem einbalsamierten Vater gelegt wurde, wird das Mausoleum Sonnenpalast genannt – früher war es der Dienstsitz des Präsidenten. Nach dem Tod Kim Il-sungs liess sein Sohn die Verfassung ändern. Nordkorea ist seitdem das einzige Land der Welt, in dem ein Toter Staatspräsident ist.

Vorbild Stalin

Ein Land wie Nordkorea, das gibt es kein zweites Mal. Nirgendwo sonst hat sich ein so absurder Führerkult etablieren und so lange halten können. Im Unterschied zu totalitären Systemen wie dem Stalinismus oder dem Maoismus ist es in Nordkorea gelungen, den Führungsanspruch der Familie Kim in die dritte Generation zu tragen: Seit beinahe 70 Jahren beherrschen die Kims das Land. Und das total.

Inzwischen steht Enkel Kim Jong-un an der Spitze. Wer Nordkorea fassen möchte, muss das Land wohl als säkularen Gottesstaat betrachten. Mit Mythen, Wundern und der Spiritualität, wie sie sonst nur grosse Religionen vermitteln.

Im Zentrum stehen drei Männer mit auffällig dichtem dunklem Haar, straff zurückgekämmt zu Turmfrisuren: Grossvater, Vater und Sohn, die nordkoreanische Trinität. Vorbild für Gründervater Kim Il-sung war Sowjetdiktator Josef Stalin und dessen Personenkult. Überall liess er Statuen und Wandgemälde von sich errichten, selbst gestählte Ostblockdiplomaten erschreckte das Ausmass.

Seit den Sechzigerjahren folgt Nordkorea der «Juche»-Idee. Der Marxismus wurde entkernt, übrig blieb eine Ideologie, in deren Zentrum nur die Führer stehen. Sie entscheiden immer richtig, sie sind unfehlbar. Die einfachen Bürger können das grosse Ganze, das Wohl Koreas, nicht überblicken, Kritik und Widerspruch sind Ausdruck eigener Fehlbarkeit. So lernt es jeder Nordkoreaner. Den Kindern bläut man das bereits mit sechs Monaten ein, wenn sie verpflichtend in die erzieherische Obhut des Staates gegeben werden. In der Schule geht die Gehirnwäsche weiter.

Die wichtigsten Fächer sind nicht Mathematik oder Biologie, sondern die «revolutionären Aktivitäten des Grossen Führers Generalissimo Kim Il-sung», die «revolutionäre Geschichte des Grossen Führers General Kim Jong-il» und schliesslich die «revolutionäre Geschichte der antijapanischen Heldin Mutter Kim Jong-suk»; die Ehefrau Kim Il-sungs soll im eisigen koreanischen Winter am Paektusan, dem höchsten Gipfel, am 16. Februar 1942 Kim Jong-il geboren haben, den Sohn des Staatsgründers. Ein besonders heller Stern sei zu sehen gewesen, überall im Land seien Kraniche aufgestiegen. In Wahrheit ist Kim Jong-il 1941 in der UdSSR zur Welt gekommen.

Diesem Kult entspricht das, was den Besuchern der Krypta abverlangt wird. Bevor sie den Innenraum mit den Glassärgen betreten dürfen, müssen sie über Bürsten laufen und über ein Desinfektionskissen waten, von oben pfeift eine Luftdusche. Fotoapparate oder Handys sind verboten. Über endlose Rollbänder gleiten die Gäste dahin, die Klimaanlage ist auf 19 Grad eingestellt. Die Gäste gleiten vorbei an Bildern der Sonnen der Nation, links Kim Il-sung in goldenem Rahmen, als junger Revolutionär, rechts Kim Jong-il kurz vor seinem Tod, auf dem Bild zeigt er auf pralle Fleischwürste.

Video: Ein Land feiert seinen Gründer

Wichtigster Feiertag: Am 15. April feierte Nordkorea den 106. Geburtstag seines Gründers Kim Il Sung. Video: Reuters

Im ersten Stock des Mausoleums liegt Kim Il-sung, wie aus Wachs gegossen, der Sarg in rubinrotes Licht getaucht. Dreimal muss jeder Besucher sich verbeugen, die Frauen schluchzen. Einen Saal weiter haben sie Kim Il-sungs Eisenbahnwagen ausgestellt: Plüschig, mit Rüschen und japanischer Stereoanlage, so liess es sich reisen in den Achtzigern. Einen Stock tiefer ruht Kim Jong-il, auch er wächsern und gelb. Angeblich ist er in seinem Zug gestorben, das Herz. Den Waggon haben sie ins Mausoleum gebracht, auf dem Schreibtisch ein Apple-Laptop, daneben Papiere. Die letzte Anordnung, die er unterzeichnete: zu Neujahr Fisch für alle. Die Plateaustiefel, die er so gerne trug, stehen in der Ecke.

Kein Internet

Seit Kim Jong-ils Tod Ende 2011 herrscht sein jüngster Sohn Kim Jong-un, geboren 1983 oder 1984, eine offizielle Biografie gibt es nicht. Einige Jahre ist er höchstwahrscheinlich bei Bern in einem Internat gewesen, im Herbst 2010 wurde er zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt und zum General befördert. Inzwischen ist er Marschall.

In den ersten Jahren festigte der neue Herrscher seine Macht. Seitdem gilt ein neuer Deal in Nordkorea: Wer zur Elite gehört und wer zu viel weiss, darf reich werden. Loyalität gegen Geld. Für seine Entourage hat er einen Reitclub eröffnet, ein Delfinarium mit Salzwasserpipeline zum Meer bauen lassen, ein Fitnesscenter und mehrere Rummelplätze. Die Neureichen telefonieren mit Smartphones, gehen ins Kino, ihre Kinder fahren auf Rollerblades durch Pyongyang. Die einzige Einschränkung: Auch die Elite hat keinen Zugriff auf das Internet.

Dafür sehen die Supermärkte in Pyongyang inzwischen so aus wie überall: endlose Regalreihen, mit Chips, Kosmetika und Schokoriegeln, Spirituosenecken und Tiefkühlabteilungen mit Rindfleisch und Huhn. Dass man bei so viel Normalität in Nordkorea ist, zeigt sich nur an den Porträts von Kim Jong-il und Kim Il-sung, die am Eingang hängen.

Flugabwehrkanone gegen Verräter

Mit Gegnern und Konkurrenten geht Kim indes schonungslos um. 2013 liess er seinen Onkel Jang Song-thaek hinrichten. Kim Jong-un hatte angeordnet, dass von Verrätern «nicht ein einziges Atom übrig bleiben» dürfe, die Waffe der Wahl zur Hinrichtung ist seitdem eine Flugabwehrkanone.

Inzwischen ist Kim Jong-un fast allmächtig. Wie Grossvater und Vater gibt er jeden zweiten Tag «Vorortanweisungen». Mit seinem Stab taucht er in einer Fabrik oder auf einer Baustelle auf. Jedes Wort, das er spricht, wird von Blöckchen haltenden Höflingen notiert, eine eigene Behörde wacht über die Umsetzung der Anweisungen. Wenn Kim seine Neujahrsansprache hält, gehen sämtliche Ministerien für Wochen in Klausur und brüten über dem Text, um ihn korrekt zu erfüllen. Alle wichtigen Kim-Texte müssen die Nordkoreaner auswendig lernen; abends sieht man in Pyongyang Menschen unter Strassenlaternen stehen, die die Texte lesen, weil zu Hause ständig der Strom ausfällt.

Stühle, auf denen Kim Jong-un einmal sass, werden mit einem kleinen Täfelchen versehen, darauf sitzen darf keiner mehr. Über jeder Tür, die er durchschritten hat, wird ein Messingschild angebracht, es zeigt zwei Jahreszeiten: Nordkorea hat nämlich seinen eigenen Kalender. 1912, das Geburtsjahr des Präsidenten Kim Il-sung, ist das neue Jahr eins. Statt 2018 leben die Menschen in ihrer eigenen Welt, im Jahr 107 des Juche-Kalenders.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 08:30 Uhr

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