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Mitten in Tokio pflanzt ein Bauer Rettich

Landwirt Shigeo Yoshida bewirtschaftet das gleiche Stück Land in der 18. Generation, umgeben von Wohntürmen. Die städtische Landwirtschaft blüht – auch in anderen Grossstädten.

Der Winterrettich ist ein unverzichtbarer Bestandteil der japanischen Küche. Frisch geerntete Exemplare sind zum Trocknen aufgehängt. Foto: Buddhika Weerasinghe (Getty Images)
Der Winterrettich ist ein unverzichtbarer Bestandteil der japanischen Küche. Frisch geerntete Exemplare sind zum Trocknen aufgehängt. Foto: Buddhika Weerasinghe (Getty Images)

Auf dem Feld von Bauer Yoshida hat sich das bunte Volk der Teilnehmenden in Position gebracht. Aber bevor der Wettbewerb im Rettichziehen beginnen kann, haben der Bürgermeister und andere Honoratioren ihren Einsatz auf der kleinen Bühne vor den Ackerfurchen. Grussworte, eines nach dem anderen.

Es dauert ein bisschen, ehe jeder der Herren seiner Freude Ausdruck verliehen hat über diesen Traditionswettbewerb im Besonderen und die japanische Landwirtschaft im Allgemeinen. Dafür ist der Vortrag zur Regelkunde kurz. Denn auch wenn hier nicht irgendein Gemüse aus der Erde geholt werden soll, sondern der Nerima-Daikon, eine grosse, der Legende nach besonders schwer zu erntende Version des Gartenrettichs Raphanus sativus – die Vorgaben sind klar: Wer binnen eineinhalb Minuten die meisten Rettiche zieht, gewinnt. Wer den Rettich mit der lustigsten Form vorlegt, gewinnt einen Sonderpreis.

Bald darauf schrillt eine Trillerpfeife zum Start. Unter den wachsamen Augen des Kampfgerichts beugen sich Männer und Frauen über das Grün, ernten, was sie ernten können. Über der Szene liegt der bewegte Frieden eines Dorffests auf dem Land.

Ein weltweiter Trend

Allerdings feiert hier kein Dorf und kein Landvolk. Das Feld des Bauern Shigeo Yoshida liegt zwischen Wohnblocks und Strassen. Es ist ein sonniger Samstagvormittag in Nerima, einem Stadtteil im Westen Tokios.

Es vollzieht sich eine Auflehnung in den Städten dieser Welt. Dort, wo die Landwirtschaft angeblich für immer unter Asphalt begraben liegt, bäumt sie sich auf im Sinne eines neuen grünen Zeitgeists, der die grauen Wirtschaftswelten nicht mehr sich selbst überlassen will. Urban Agriculture, Landwirtschaft in der Stadt, ist ein Trend.

Nach vielen Jahrhunderten, in denen die Städte rücksichtslos über sich hinausgewachsen sind und einen Acker nach dem anderen geschluckt haben, erobern Bürgerinnen und Bürger nun kleine Parzellen zurück oder bearbeiten übrig gebliebene Grünflächen.

Wolkenkratzer vs. Grünland

In Tokio gibt es diese Bewegung auch. Und das ist ein starkes Zeichen, denn auf den ersten Blick ist Tokio mit seinen starren Wolkenkratzer-Wäldern, seiner dichten, meist gartenlosen Bebauung und seinen verschlungenen Verkehrsadern vor allem ein anschauliches Beispiel für die konsequente Verdrängung von Grünland. 38,5 Millionen Menschen leben in Tokios Hauptstadtregion. Wenn man vom Hauptbahnhof mit dem Zug durch Richtung Südwesten fährt, erlebt man, dass die Gegend von einem einzigen mächtigen Häuserteppich bedeckt ist.

Der Stadtbauer Shigeo Yoshida steht im Trubel des Rettich-Preiserntens und lächelt. Er ist ein klein gewachsener, drahtiger Mann. Seinen kräftigen Händen sieht man an, dass sie regelmässig auf dem Feld arbeiten. Er trägt die signalgrüne Veranstalterjacke mit einer Stoffrose am Revers, die ihn als Mitglied des Landwirtschaftskomitees des Tokioter Stadtteils Nerima auszeichnet.

Der Stadt-Bauer Shigeo Yoshida. Foto: Thomas Hahn
Der Stadt-Bauer Shigeo Yoshida. Foto: Thomas Hahn

Es ist ein besonderer Tag für ihn, denn dieses Jahr gehört das traditionelle Daikon-Ziehen auf seinem Feld zum Programm des Weltgipfels für städtische Landwirtschaft. Kolleginnen und Kollegen aus fünf Ländern sind angereist, Fernsehteams sind da. Nerimas Landwirtschaft bekommt eine Bühne. Ausserdem ist der Rettich in diesem Jahr besonders gut gewachsen trotz Sommerhitze und diversen Taifunen, was Shigeo Yoshida (61) in seiner bescheidenen Art auf eine Mischung aus Glück und Geschick im Umgang mit den Pflanzen zurückführt.

Es gibt in Nerima kaum Bedarf an Integration von Randgruppen, keine dramatische soziale Kluft.

Seine Familie ist eine von etwa 470, die in Nerima Felder besitzen, bestellen und mit ihrer Ernte am örtlichen Lebensmittelhandel teilhaben. «Ich bin ungefähr die 18. Generation», sagt Shigeo Yoshida.

Er übernahm das Familiengeschäft vor 30 Jahren nach dem Studium und frühen Jahren in einer örtlichen Eventagentur. Auf 9000 Quadratmeter Land baut er nicht nur Rettich an, sondern auch Blumenkohl, Kohl und Karotten.

Shigeo Yoshida ist einer der grösseren Bauern in Nerima und auch einer der Antreiber eines Aufschwungs – der allerdings einen etwas anderen Ausgangspunkt hatte als die diversen landwirtschaftlichen Erfolgsprojekte in westlichen Grossstädten wie New York, London oder Zürich.

Unjapanischer Widerstand

In den grossen Städten des Westens trotzen Grünlandfreunde dem bebauten Gebiet Hinterhöfe ab, legen Felder an, wo vorher keine waren, oder nutzen Häuserdächer. Die Felder von Nerima dagegen waren schon da, als Tokio noch Edo hiess. Aber ihre Besitzer mussten sie mit Beharrlichkeit und Mut gegen die Übergriffe der Industriegesellschaft verteidigen. Sie wären im japanischen Nachkriegsboom verloren gegangen, wenn es nicht einen ganz unjapanischen Widerstand gegeben hätte gegen die Tendenz, fast jeden Flecken Erde zum Wohngebiet für die damals wachsende Bevölkerung umzubauen.

Der Bezirk kann sich damit abheben vom grossen, teilweise todschicken Rest Tokios und eine andere Art von Zukunftsdenken präsentieren, das ausnahmsweise mal nichts mit Robotern, Hochgeschwindigkeitsinternet und futuristischer Architektur zu tun hat. Sondern mit einem neuen Bewusstsein für den Wert von Grund und Boden, nachhaltiger Lebensmittelproduktion und Abkehr von der Turboverstädterung.

Das grüne Bekenntnis soll Nerima attraktiv für junge Familien machen und auch das Profil als Wirtschaftsstandort schärfen. Bürgermeister Akio Maekawa sagt: «Ich würde die Landwirtschaft gerne als Tourismusressource nutzen.»

«Die Bauern haben sich damals gewehrt.»

Hisashi Tezuka

Aber wie gesagt, ein Selbstläufer war die Entwicklung nicht. Hisashi Tezuka sitzt im Bürgerhaus von Nerima, dem Schauplatz des Weltgipfels, den er federführend organisiert hat. Im grossen Saal läuft die Vorstellung der internationalen Projekte mit anschliessender Podiumsdiskussion. Und Tezuka richtet den Blick erst mal weit zurück bis in die Edo-Zeit zwischen 1603 und 1868.

Nerima war damals so etwas wie die Vorratskammer der Hauptstadt Edo, ­berühmt für seine enormen Rettiche. Bis in die 1950er-Jahre hinein bestand Nerima vor allem aus Farmland. Aber Tokio wuchs, und 1968 erklärte ein ­neues Gesetz alle 23 Bezirke Tokios ­zum Stadtentwicklungsgebiet für mehr Wohnraum. «Die Bauern haben sich damals gewehrt», sagt Hisashi Tezuka, «sie wollten ihre alten Familienbetriebe nicht aufgeben.»

Tokios Westen entwickelte sich langsamer als der Rest der Präfektur. Nerimas Bauern hatten mehr Zeit, sich klar zu werden, dass sie sich vom sogenannten Fortschritt nicht wegfegen lassen wollten. Sie veranstalteten Protestparaden mit ihren Traktoren vor dem Nationalparlament. Mit Erfolg. Hisashi Tezuka lächelt. «Bauern aus Nerima scheinen einen stärkeren Willen zu besitzen als andere, wenn es darum geht, ihr Farmland zu behaupten», sagt er.

Gesunde Sturheit

Ihre gesunde Sturheit hat den Bauern dann auch später geholfen. Denn vor allem in den Jahren des Booms galt die Landwirtschaft in Tokio als etwas, das nicht in die Stadt gehörte. Die Nachbarn störte der Geruch des Dungs und die Nähe zum Pflanzenschutzgift.

Die Bauern überlegten, wie sie ihr Gewerbe beliebter machen könnten. Sie liessen sich auf die Wünsche der Leute ein, erweiterten ihre Produktpalette, bauten also mehr Sorten an, eröffneten Strassenstände, stellten Verkaufsautomaten mit Gemüse der Saison auf. Heute sind die Bauern in Nerima so etwas wie Lokalhelden des Alltags.

«Faszinierend», sagt Liz Neumark, Ernährungspionierin aus New York City. Ihren Vortrag im Bürgersaal hat sie vorhin damit eröffnet, dass sie in Richtung Nerima gesagt hat: «Ich habe viel von Ihnen gelernt.» Jetzt denkt sie laut darüber nach, was genau sie eigentlich von Nerima gelernt hat. Stadtlandwirtschaft in New York ist ganz anders als in Tokio. Sie ist eher wie in London und Toronto, ein Projekt für die Integration von Randgruppen in der Vielfaltsgesellschaft, Umweltschutz und gesunde Alternativen zur Billigburger-Kultur.

Was der Boden hergibt

In Nerima sieht Liz Neumark eine auf Ertrag ausgerichtete Hochleistungslandwirtschaft, die ihre Tradition gegen andere wirtschaftliche Interessen verteidigt hat. Sie denkt wohl an das dicht bebaute Daikonfeld des Bauern Yoshida, an die viele Chemie, die nach den Regeln der konventionellen Pflanzenaufzucht vermutlich in dieses Gemüse geflossen ist.

An der jeweiligen Art der Stadtlandwirtschaft sieht man die Unterschiede zwischen Tokio und den grossen Metropolen des Westens. Es gibt in Nerima keine Vielfaltsgesellschaft, kaum Bedarf an Integration von Randgruppen, keine dramatischen sozialen Unterschiede. Stattdessen japanische Ordnung, eine ohnehin schon ziemlich gesunde Essenskultur und eher wenig Umweltbewusstsein.

Hier kann man Felder noch ohne politischen Anspruch beackern und rausholen, was der Boden hergibt. Wobei Shigeo Yoshida bezeugen kann, dass gerade die Landwirtschaft in den versiegelten Räumen der Stadt Rücksicht nehmen muss.

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