In China ist die Wandzeitung zurück

An der Peking-Universität mobilisieren Studenten gegen sexuelle Belästigung. Die kommunistischen Zensoren stehen im Dauereinsatz.

«Wovor habt ihr Angst?»: Aushang an der Universität. Foto: @shawnwzhang (Twitter)

«Wovor habt ihr Angst?»: Aushang an der Universität. Foto: @shawnwzhang (Twitter)

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Organisierter Protest, offene Briefe, Studenten, die von Lehrern und Beamten Rechenschaft verlangen – an Chinas Universitäten geschieht gerade Bemerkenswertes. Allen voran an der Peking-Universität, das ist die beste und berühmteste Hochschule des Landes. Hier hängten in der Nacht auf Dienstag anonyme Aktivisten sogar handgeschriebene Wandzeitungen auf – so etwas hatte es zuletzt im Jahr 1989 gegeben, als die Demokratiebewegung vom Platz des Himmlischen Friedens am Ende mit einem Massaker ausgelöscht wurde. Die Studenten sind zornig. Sie kämpfen gegen sexuelle Belästigung, sie haben Chinas ganz eigene Version der weltweiten #MeToo-Bewegung geschaffen, und sie fühlen sich von den Behörden ignoriert und schikaniert.

Chinas Zensoren hatten am Dienstag Grosskampftag. In den 24 Stunden zuvor war es zu einer Eskalation gekommen, die für viele Nutzer in Chinas sozialen Medien das einzige Thema war: Eine Studentin, die von den Universitätsbehörden Transparenz gefordert hatte in einem lange zurückliegenden Vergewaltigungsfall, war de facto unter Hausarrest gestellt worden.

«Ich habe meine Freiheit verloren», schrieb Yue Xin im Messagingdienst Wechat, wo sie einen langen Brief über das rabiate Vorgehen der Universität veröffentlichte. Der Brief fachte den Ärger an, auch wenn die Zensoren ihn wieder und wieder löschten. Auch von der Wandzeitung auf dem Campus der Peking-Universität kursierten im Netz Fotos. Sie war von Unterstützern Yue Xins geschrieben worden. «Wir bewundern Yue Xins Mut und ihr Rückgrat», stand da. «Und wir fragen die Verwaltung der Peking-Universität: Wovor habt ihr Angst?» Am Dienstagabend veröffentlichte das Parteiblatt «Volkszeitung» gar noch einen beschwichtigenden Kommentar zu den Vorfällen, ein Zeichen der Nervosität der Partei.

Die Studentin Yue Xin hatte gemeinsam mit Kommilitonen vor ein paar Wochen von der Universitätsverwaltung Auskunft verlangt über den Fall einer möglichen Vergewaltigung, die vor 20 Jahren passiert sein soll. Unter Verdacht steht ein ehemaliger Professor der Universität, dessen Studentin Gao Yan 1998 sich das Leben nahm. Der Fall war damals untersucht worden, ohne allerdings grössere Konsequenzen für den Professor zu haben.

Chinas Zensur- und Sicherheitsapparat hat von Anfang an versucht, ein Überschwappen der #MeToo-Bewegung nach China zu unterbinden. Der Suizid von Gao Yan vor 20 Jahren allerdings wurde in den letzten Wochen zu einem Kristallisationspunkt für Feministinnen landesweit.

Auch Mutter eingeschüchtert

Auch die Verwaltung der Peking-Universität hatte in einer offiziellen Erklärung Besserung bei Belästigungsanzeigen gelobt. Einer Reihe von Studenten, darunter Yue Xin, war das allerdings nicht genug. Sie verlangten am 9. April Einsicht in die Dokumente des Falles. In ihrem offenen Brief beschreibt Yue Xin, wie die Verwaltung ihr daraufhin drohte, sie gefährde ihren Abschluss. Sie erzählt, wie am Montag kurz nach Mitternacht ihre Tutorin ihr Zimmer im Studentenwohnheim stürmte, im Schlepptau ihre völlig verängstigte Mutter, die sie mit nach Hause nehmen sollte. Vorher aber verlangte die Tutorin von ihr, sie solle auf Computer und Handy alles löschen, was mit dem Fall zu tun habe. Die Universität hatte offensichtlich auch die Mutter eingeschüchtert. «Mir brach das Herz, zu sehen, wie sie heulte, wie sie sich selbst ohrfeigte, wie sie vor mir kniete und mich anflehte und sogar mit Suizid drohte», schreibt Yue Xin.

Einer zwei Jahre alten Studie der staatlichen Familienplanungskommission zufolge hat in China ein Drittel aller Studentinnen schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. Der Zorn der noch nicht gelöschten Internetkommentare richtet sich gegen einen Apparat, der die Belästiger schützt und diejenigen schikaniert, die Aufklärung verlangen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2018, 20:02 Uhr

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