In Peking ist das Vergessen Staatsdoktrin

Solange in China Debatten verboten sind, muss das Ausland der Ort sein, an dem Menschen über 1989 sprechen dürfen.

Vor 30 Jahren schlug das kommunistische Regime die Studentenproteste in Peking nieder. Am Tag danach rollen Panzer über die Strasse des Ewigen Friedens. Foto: Reuters

Vor 30 Jahren schlug das kommunistische Regime die Studentenproteste in Peking nieder. Am Tag danach rollen Panzer über die Strasse des Ewigen Friedens. Foto: Reuters

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Jeden Tag morgens um vier Uhr hissen Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens die chinesische Flagge. Die Zeremonie, die erst nach der blutigen Niederschlagung der Proteste im Juni 1989 eingeführt wurde, hat den Platz zu einer neuzeitlichen Pilgerstätte gemacht. Nicht in Erinnerung an die prodemokratischen Demonstranten, sondern zu Ehren der Nation unter Führung der Kommunistischen Partei. Systematisch radiert die KP die Erinnerung an Ereignisse aus, die nicht in ihre eigene Erzählung passen. Dazu gehören auch die Grosse Chinesische Hungersnot mit 36 Millionen Toten, die zehn Jahre Chaos während der Kulturrevolution, die Aufstände in Tibet und Xinjiang und die Proteste an der Mauer der Demokratie 1978. In Peking ist das Vergessen Staatsdoktrin.

Auch wenn das Massaker auf dem Tiananmen vor 30 Jahren keine Rolle mehr in der chinesischen Öffentlichkeit spielt, ist es falsch, zu glauben, die Gesellschaft habe das Geschehene überwunden. Die kollektive Amnesie ist das Ergebnis von gewaltsamer Unterdrückung und Zensur durch den Staat. Jeder Diskurs würde die Legitimität der Partei infrage stellen. Die Proteste waren nicht die Aktion einzelner Widerständler, sondern einer breiten Bewegung von Bürgern in zahlreichen Städten. Sie forderten ein demokratisches China.

Es bleiben die Erinnerungen

Es ist falsch, dass manche ausländische Regierungen und Unternehmen aus wirtschaftlichen Interessen ihr Schweigen zu den Geschehnissen von 1989 damit rechtfertigen, die Geschichte sei für viele Menschen im Land kein Thema mehr. Nach derart traumatisierenden Ereignissen dauert es häufig Jahrzehnte, bis ein Volk sich damit auseinandersetzen kann. Eine Gesellschaft kann sich nur an so viel erinnern, wie sie in der Gegenwart erträgt – und braucht. Die meisten Chinesen verdrängen, um mit dem unerbittlichen Tempo des Wandels mithalten zu können. Viele wollen am Wohlstand teilhaben und die neue Welt mitaufbauen, die um sie herum entsteht. Doch ihr Vergessen ist immer nur ein Schulderlass auf Zeit.

Auch China wird eines Tages eine öffentliche Erinnerungskultur entwickeln müssen. Sie wird von einer Generation erzwungen werden, die das laute Schweigen nicht mehr ertragen kann. Erst wenn die chinesische Gesellschaft es schafft, das Leid der Opfer anzuerkennen und das Geschehene zu einem Teil des nationalen Selbstbilds Chinas werden zu lassen, wird die Nation das Trauma von 1989 überwinden können. Bis dahin bleiben jenen Menschen, die sich nicht fürs Lügen, Relativieren oder Verstellen entschieden haben, nur ihre eigenen Erinnerungen. Sie können sich aber sicher sein: Die Regierung wird eines Tages Rechenschaft ablegen müssen über ihre Taten.

Ein Zeichen ungebrochener Macht

Das fürchtet auch die chinesische Führung. Genau deswegen geht sie gnadenlos mit Kritikern und Opfern ihrer Politik um. Das Land besteht aus Menschen, die Angst machen, und denen, die Angst haben. Die Führung steht dabei nicht immer auf der gleichen Seite.

Die Aufarbeitung der Ereignisse von 1989 ist eine Aufgabe, die niemand der chinesischen Gesellschaft abnehmen kann. Solange aber die Archive verschlossen und Debatten im Land unmöglich bleiben, muss das Ausland der Ort sein, an dem Menschen über 1989 sprechen oder publizieren dürfen – ohne Furcht vor den Übergriffen Chinas.

Es ist gefährlich, wenn ausländische Regierungen und Firmen anfangen, die Ereignisse in China zu relativieren oder zu leugnen. Das Verschweigen durch den Staat ist ein Zeichen für dessen ungebrochene Macht. Diese kann ihm im Land nicht genommen werden. Wer sich aber im Ausland damit gemein macht, ist mitschuldig.

Erstellt: 03.06.2019, 19:33 Uhr

Podiumsdiskussion

China - Faszination, Bedrohung, Chance

China ist eines der dynamischsten Länder der Welt. Es ist eine uralte Kulturnation. Und es macht dem Westen seine globale Vormachtstellung streitig.

Was bedeutet Chinas Aufstieg für die Schweiz, Europa und die USA? Weshalb funktioniert eine kapitalistische Marktwirtschaft in einem kommunistischen Einparteienstaat? Und wie schwierig ist es für jemanden aus Europa, Chinesisch zu lernen?

Über diese und andere Fragen diskutieren:

Barbara Lüthi, langjährige Ostasien-Korrespondentin
des Schweizer Fernsehens und heutige Moderatorin der Sendung «Club».

Clarisse von Wunschheim, Anwältin und Expertin für internationale Handelsstreitigkeiten, mit Schwerpunkt China.

Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter für die Volksrepublik China, Nordkorea und die Mongolei, Kunstsammler, Mäzen und Unternehmer.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger

16. Juni, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich.
Türöffnung: 19.00 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr.
Eintritt: 25 CHF. Mit Carte blanche 15 CHF

Ticketreservierung: www.kaufleuten.ch

Lea Deuber, China-Korrespondentin

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