Indien wählt: Modi oder Gandhi?

Rund 900 Millionen Inderinnen und Inder haben die Wahl – zwischen dem Premier und einer Frau mit klingendem Namen.

Die Volksnahe: Priyanka Gandhi (im violetten Sari) winkt am 5. April bei einer Wahlveranstaltung in Ghaziabad ihren Anhängern zu.

Die Volksnahe: Priyanka Gandhi (im violetten Sari) winkt am 5. April bei einer Wahlveranstaltung in Ghaziabad ihren Anhängern zu. Bild: Rajat Gupta/Keystone

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Trommler ziehen die Strasse entlang, dumpfe Schläge hallen über den Asphalt. Frauen in festlichen Saris säumen den Wegrand, ein zahnloser Greis humpelt über die Fahrbahn, er schwenkt die Fahne der Kongresspartei. So gross ist das Gedränge in der Mittagshitze von Ahmeti, dass der weisse Toyota mit den verdunkelten Scheiben und dem Schild «Party Car No 1» nur im Schritttempo vorwärtsrollt.

Dutzende Männer laufen schreiend neben dem Auto her, sie schubsen und drängeln, um möglichst nahe heranzukommen. Dann hält der Wagen plötzlich, eine hochgewachsene Frau im blauen Sari steigt aus, schmales Gesicht, wache Augen, kurzes, welliges Haar. Bodyguards mit Sonnenbrillen schirmen sie ab, sie hebt die Hand und winkt. «Lang lebe Priyanka Gandhi», brüllen die Fans in der Menge. Ein paar Sekunden später ist sie wieder in den Wagen abgetaucht, der Konvoi rollt weiter, und die Leute kreischen, als wären sie gerade Zeugen einer Erscheinung geworden.

Wird diese Frau den hindu-nationalistischen Premier Narendra Modi das Fürchten lehren? Wahlkampf in Indien, Stimmung wie im Karneval. Ahmeti ist die Hochburg des Gandhi-Clans, seit der Unabhängigkeit hat diese Dynastie die Politik des Subkontinents dominiert, bevor sie 2014 vernichtend durch den Aufsteiger Modi geschlagen wurde. Nun will die Kongresspartei die Macht zurückerobern. Und dafür schickt sie nicht nur Rahul Gandhi als Kandidaten für den Premier ins Rennen. Auch Schwester Priyanka mischt nun im Wahlkampf mit. Diese Frau ist weitaus charismatischer als ihr Bruder, weshalb sie als der gefährlichere Gegner für die Hindu-Nationalisten gilt.

Modi gegen alle anderen

Modis Macht wird erst ins Wanken geraten, wenn es dem Kongress gelingt, neue Popularität zu gewinnen und ein breites Bündnis gegen den Amtsinhaber zu schmieden. In Indien nennen sie dieses Modell: Modi gegen alle anderen. Es ist das einzig denkbare Szenario, das seinen Gegnern den Sieg sichern könnte. Dafür muss die Kongresspartei bei den kommenden Wahlen in Indien nicht zwingend stärkste Kraft werden, aber doch deutlich besser abschneiden als vor fünf Jahren.

Sicher ist nur, dass es Modi nicht mehr so leicht haben wird wie 2014, als er der Kongresspartei die schlimmste Niederlage ihrer Geschichte zufügte und sich den Nimbus eines Unbesiegbaren erwarb. Dieser Ruf hat sich nach fünf Jahren im Amt stark abgeschliffen, der Premier hat Fehler gemacht, viele Versprechen nicht eingelöst, seine Partei hat bei regionalen Wahlen Verluste erlitten. Und nun muss es Modi auch noch mit der Strahlkraft einer Priyanka Gandhi aufnehmen.

151 Auftritte in 51 Tagen, das ist Narendra Modis Plan. Foto: Keystone

Andererseits: Modi tut nun wieder das, was er am besten kann: Reden zu den Massen, so wie vor wenigen Tagen auf einem Feld in Meerut, es war der Auftakt seiner Wahlkampftour. 151 Auftritte in 51 Tagen, das ist sein Plan. Kreuz und quer tourt er mit dem Helikopter durchs Land, morgens mittags, abends, nichts als Reden.

Modi spricht vor allem über eines und einen: Modi. 2014 hat er sich noch als Teeverkäufer in Szene gesetzt, damit konnte er die Botschaft verbreiten, dass man es auch in Indien von unten ganz nach oben schaffen kann. 2019 hat er sein Label geändert, jetzt nennt er sich «Chowkidar», das bedeutet «Wächter». So bezeichnet er sich auch in Meerut, alle können den Premier live im Fernsehen verfolgen. Sie sehen Modi in weisser Kurta und brauner Jacke vor dem Mikrofon, er ist weniger locker als sonst, seine Stimme klingt angespannt, manchmal gar zornig, wenn er über die Opposition herzieht.

Wie immer spricht Modi langsam und wortgewaltig, setzt geschickt seine Pausen, nutzt die Arme für kraftvolle Gesten. Öfters als sonst klopft er sich mit der Linken auf die Brust, alle sollen hören, was er, Modi, als seine grössten Leistungen betrachtet. Er zählt sie nacheinander auf, Bankkonten für die Armen, Krankenversicherungen, Farmerhilfen, Zuschüsse für Eigenheime, Toiletten. «Ich habe das alles gemacht», ruft Modi, «der Wächter war das.»

Modi weiss, dass er noch immer als Mann verehrt wird, der nichts in die eigene Tasche stopft.

Das politische Feld teilt er in zwei Lager. Auf der einen Seite Modi, der mit seinen Getreuen dafür sorgt, dass das neue Indien, das er einst ausrief, gedeihen kann. Auf der anderen Seite jene Politiker, die keinen Plan hätten, die nichts geschaffen hätten und vor allem korrupt seien. Keine Rede ohne Anspielung auf den Schmutz in der Politik; Modi weiss, dass er von vielen einfachen Leuten noch immer als Mann verehrt wird, der sich – so weit man weiss – nichts in die eigene Tasche stopft, hinter dem keine gierige Familie steht, die Geld abgreifen will. Er pflegt es sorgsam, das Bild des selbstlosen Premiers. «Ich habe nichts», sagt er. «Ihr seid mein Kapital», ruft er in die Menge. Das kommt immer noch an.

Das Bild vom Wächter hat Modi wohl gewählt, weil es gut in die aufgeladenen Zeiten passt, in denen Indien und Pakistan zuletzt beinahe Krieg gegeneinander geführt hätten. Nach dem islamistischen Terror in Kashmir gingen auf beiden Seiten die Emotionen hoch, und Modi versucht, diese Gefühle im Wahlkampf wachzuhalten, er lobt die indischen Märtyrer, womit er die Soldaten meint, die in Kashmir durch die Terrorattacke im Februar starben.

Modi spricht stolz über seinen Vergeltungsschlag, er attackiert die Zweifler im eigenen Land, er behauptet süffisant, sie führten einen Wettbewerb um die Freundschaft Pakistans. Und dann donnert er: «Braucht unser Land indische Helden oder pakistanische Helden?» So betankt der Premier mit den aussenpolitischen Spannungen seine Auftritte, offenbar in der Hoffnung, dass ihm dies die nötigen Stimmen für eine zweite Amtszeit sichert.

Das Charisma einer Gandhi

Und Priyanka Gandhi? Mit Modi hat sie gemein, dass sie vom Charisma getragen wird, nur dass sie das auf ganz andere Art macht. Priyanka berühre die Herzen, sagen ihre Anhänger, sie schafft Nähe zu jenen, die sich abgehängt und frustriert fühlen, und sie trifft dabei einen einfühlsamen Ton. Priyanka verkörpert damit immer mehr den Kontrast zum Kraftprotz-Premier, wenn sie das Elend der Farmer und die grassierende Arbeitslosigkeit anprangert; sie versucht, Modi zu entzaubern, sie klingt dabei aber nicht bösartig oder diffamierend.

Wohin Priyanka auch kommt, überall sind nun Scheinwerfer auf sie gerichtet, ein Leben, das sie bislang scheute. Das liegt auch an der traumatischen Geschichte ihrer Familie, sie hat ihren Vater und ihre Grossmutter bei Attentaten verloren. Beide waren indische Premiers, die Morde haben die Familie gezeichnet, der Name Gandhi ist seither mit einem Opfermythos verknüpft, dem sich die Familie nicht entziehen kann. In der Kongresspartei weiss man aber auch, dass gerade dieser Mythos sehr zum Ansehen und zur Bewunderung der Gandhis beiträgt.

Priyanka erinnert an die legendäre Grossmutter, Indira Gandhi.

An einem Abend Ende März stellt sich Priyanka Gandhi im Hof einer Schule den Fragen von Journalisten. Man möchte von ihr wissen, ob sie sich nun tatsächlich als Vollzeitpolitikerin versteht? «Ja natürlich», sagt Priyanka Gandhi, «das ist offenkundig.» Die Zeiten, in denen sie sich herausgehalten hat, sie sind nun offenbar vorbei.

Älteren Wählern vermittelt sie ein Déjà-vu-Erlebnis, Priyankas Gesicht und ihre Gesten erinnern viele an die legendäre Grossmutter, Indira Gandhi, die erste Frau, die den Subkontinent führte. Eine durchsetzungsstarke Politikerin, die allerdings auch eine Zeit lang mit Notstandsgesetzen regierte und schliesslich von ihren Bodyguards ermordet wurde.

Die Schonzeit für Priyanka Gandhi könnte bald enden. Foto: Keystone

Junge Inder haben das nicht mehr erlebt, dennoch vermag Priyanka auch sie auf eine Weise zu begeistern, wie es die verkrustete Kongresspartei lange nicht erlebt hat. Nur eine Schwäche könnte ihr noch zusetzen. Priyanka Gandhi ist mit dem Unternehmer Robert Vadra verheiratet, einem Mann, der im Verdacht steht, in zwielichtige Immobiliengeschäfte verwickelt zu sein. Er ist eine offene Flanke, und niemand weiss, wie sehr ihr dies noch schaden kann.

Modi vermeidet es bislang, Priyanka Gandhi offen zu attackieren, aber die Schonzeit könnte nun bald zu Ende gehen, da die Gandhis mit dem Geschwisterpaar Rahul und Priyanka wieder Willen zur Macht zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2019, 19:16 Uhr

Die grösste Wahl der Welt

Morgen Donnerstag, 11. April, geht es los: Bis 19. Mai werden die Inderinnen und Inder in mehreren Phasen die Lok Sabha, das Unterhaus des Parlaments, neu wählen. Dieses bestimmt dann den künftigen Premierminister.

Alle fünf Jahre ist das der grösste demokratische Kraftakt, den die Welt kennt. 900 Millionen Menschen sind stimmberechtigt. Das sind mehr als die gesamte Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Russland und Japan zusammengenommen haben. In den 543 Wahlkreisen treten Tausende Kandidaten an. Einige der 1,1 Millionen elektronischen Wahlmaschinen müssen durch den Dschungel oder das Gebirge transportiert werden. Regierungschef Narendra Modi bezeichnet die Wahl mit gutem Grund als «Demokratie-Festival».

Die Auszählung der Stimmen ist erst für den 23. Mai geplant. Parallel zur nationalen Wahl finden Wahlen zu mehreren Parlamenten in den Bundesstaaten statt – so in Andhra Pradesh, Arunachal Pradesh, Sikkim und Odisha. Verlässliche Prognosen über den möglichen Wahl­ausgang gibt es nicht. (red)

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