Inselstaat gegen Islamismus

Der IS versucht, in Indonesien Fuss zu fassen. Doch bisher kann sich das grösste muslimische Land gegen die Eindringlinge wehren.

Mitglieder der indonesischen Anti-Terror-Einheit üben in Jakarta den Ernstfall. Foto: Bagus Indahono (Keystone)

Mitglieder der indonesischen Anti-Terror-Einheit üben in Jakarta den Ernstfall. Foto: Bagus Indahono (Keystone)

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Singapur ist noch einmal davongekommen. Eine Terrorzelle auf der nahe gelegenen indonesischen Insel Batam ist aufgeflogen, bevor sie ihren tödlichen Plan ausführen konnte. Die Extremisten, die angeblich vom Islamischen Staat (IS) gesteuert wurden, wollten im August mit einer Rakete das Marina Bay Sands Hotel treffen. Dieses spektakuläre Gebäude gilt als Symbol für den rapiden Aufstieg Singapurs zur Wirtschaftsmetropole. Nun herrscht im Stadtstaat Alarmbereitschaft auf allen Ebenen.

Die mutmasslichen Terroristen wurden zwar von indonesischen Sicherheitskräften festgenommen, ihr Plan wirft jedoch ein Schlaglicht auf die immer vielfältigeren Bedrohungen, auf die die Länder Südostasiens reagieren müssen. Der indonesischen Terrorabwehr kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, da der IS besonders eifrig versucht, Anhänger aus dem Inselstaat zu rekrutieren.

Riesige Netzwerke

In Indonesien leben mehr Muslime als in jedem anderen Land der Welt, und spätestens seit 2002 auf Bali mehr als 200 Menschen bei Anschlägen starben, ist das Problem des islamistischen Terrorismus präsent. Analysten loben, dass Jakartas Anti-Terror-Einheiten ein sehr waches Auge auf die militanten Zellen haben. «Aber das ist nicht genug, um Extremismus in den Griff zu bekommen», sagt der Religionsgelehrte Amin Abdullah, früherer Vorsitzender des islamischen Verbandes Muhammadyah, unter dessen Dach sich etwa 20 Millionen gläubige Muslime sammeln.

Noch grösser ist Nahdlatul Ulama (NU); beide Gruppen bilden riesige Netzwerke, die sich auch um soziale Aufgaben und Erziehung kümmern. Doch wie gehen sie mit den Versuchen des IS um, Anhänger zu rekrutieren? «Wir müssen das auf breiter Front bekämpfen», sagt Abdullah. «Wir haben dafür gesellschaftlich gute Voraussetzungen, weil unsere Formen des Islam traditionell Toleranz und Pluralismus verpflichtet sind. Das ist kulturell stark verankert.»

Die Provinz Aceh hat die Scharia eingeführt

Was Abdullah beschreibt, dient häufig als Beleg für die Kraft gemässigter Strömungen unter den muslimischen Massen in Indonesien. Wenn diese Einschätzungen stimmen, sind das gute Nachrichten für die Welt, dann dürften es Extremisten schwer haben, auf Dauer Fuss zu fassen. Tatsächlich dürfte die Gemengelage aber komplizierter sein, als es das Image vom stets toleranten und friedfertigen indonesischen Islam nahelegt. So hat die Provinz Aceh im Norden Sumatras die Scharia als Rechtsgrundlage eingeführt. Spannungen zwischen religiösen Gruppen entladen sich auch in Indonesien immer wieder in ­Gewalt. Und auch von hier lassen sich junge Leute in den Jihad nach Syrien locken. Von 500 bis 700 Kämpfern war bis 2015 die Rede. Bei einer Gesamtbevölkerung von 250 Millionen und verglichen mit den Tausenden IS-Kämpfern aus Europa gilt dies als relativ kleine Zahl. Vernachlässigen sollte man das Problem aber nicht.

Dass der IS junge Indonesier überhaupt erreicht, liegt vor allem an der Hartnäckigkeit, mit der die Miliz die sozialen Medien nutzt. Einer, der das jeden Tag beobachtet, ist Syafi Ali, Chef der Onlineabteilung von NU. Die Internetstrategie des IS bezeichnet er als ebenso aggressiv wie professionell. «Die senden und werben auf allen Kanälen, machen flotte Videos. Und vieles wird direkt ins Indonesische übersetzt.» Die Behörden könnten manches stoppen, zum Beispiel einzelne Facebook-Accounts, die Hass und Terrorbotschaften verbreiteten. «Aber am nächsten Tag haben sie schon wieder eine neue Seite aufgemacht.» Dennoch lässt sich Ali nicht beirren. 500 Helfer hat er in seinem Team, fast alles Freiwillige. Sie senden täglich eigene Botschaften eines friedfertigen Islam ins Netz, um dem IS-Material etwas entgegenzusetzen.

Arbeit verhindert Terror

«Die Gegenwehr im Internet ist gut, man darf den Radikalen nicht einfach das Feld überlassen», sagt der Politologe Bahtiar Effendi. Er nennt aber auch Schwächen im indonesischen Anti-Terror-Kampf. Was er vermisst, ist eine nationale Strategie, in der Ziele offen benannt werden und die Bevölkerung vom Staat besser aufgeklärt wird. «Wenn wir ehrlich sind, wissen wir doch recht wenig darüber, wer die Terroristen in unserem Land eigentlich sind.» Auch erkennt Effendi keinerlei Einigkeit innerhalb der religiösen Gruppen über die Frage, was genau als radikal eingestuft werden sollte. «Wenn man das aber nicht weiss, wird es schwer, auf breiter Front keimenden Extremismus einzudämmen.»

Eine der effektivsten Anti-Terror-Strategien sieht Effendi in einer soliden Ökonomie, die Arbeitsplätze schafft. «Wenn Sie sich die Vita einzelner Terroristen in unserm Land ansehen, dann fällt auf, dass ihnen fast immer die wirtschaftliche Perspektive fehlte.» Viele zog es nach Syrien, weil ihnen dort ein gutes Einkommen versprochen wurde. «Wer sich zu Hause eine Existenz aufbauen kann, ist für solche falschen Verlockungen viel weniger anfällig.» Im Umkehrschluss gilt aber auch: Wenn die Wirtschaft schwächelt und Jobs wegbrechen, könnte das die Risiken der Radikalisierung selbst in einem Land erhöhen, das stolz auf seine Vielfalt ist.

Erstellt: 18.08.2016, 21:52 Uhr

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