Erdogans Islamgipfel und der abtrünnige Iran

Nicht alle islamischen Staaten stehen hinter der Entscheidung, Ost-Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas zu erklären. Von dieser Spaltung kann nur ein Land profitieren: Der Iran.

Fototermin in Istanbul: Präsident Erdogan (Mitte) im Kreis der teilnehmenden Staatsvertreter. Foto: AP, Keystone

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Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) ist ein Zusammenschluss von 56 Staaten, in denen der Islam Staatsreligion ist oder Muslime zumindest einen Grossteil der Bevöl­kerung stellen. Sie nimmt für sich in Anspruch, die Interessen von 1,8 Milliarden Muslimen zu vertreten, was den Islam nach dem Christentum zur zweitgrössten Religionsgemeinschaft macht. Gegründet wurde die OIC 1969, um als «gemeinsame Stimme der muslimischen Welt» die Interessen der Muslime zu schützen, im Geiste des internationalen Friedens.

Dutzende Verletzte bei Ausschreitungen: In mehreren muslimischen Ländern fanden Demonstrationen statt.

Genau genommen war die Eroberung Jerusalems im Sechstagekrieg 1967 durch Israel Anlass zur Gründung. Die Al-Aqsa-Moschee, den Felsendom und ganz Jerusalem zu befreien, galt den Gründungsmitgliedern der OIC als vornehmste Pflicht der Gläubigen. Darin wusste sich das saudische Königreich einig mit dem noch vom Schah regierten Persien, obschon dieser anders als die Araber enge Beziehungen zum jüdischen Staat pflegte. Dem sahen sich auch die haschemitische Monarchie in Jordanien unter dem damaligen König Hussein und das Ägypten Gamal Abdel Nassers verpflichtet. Beide Länder schlossen später Friedensabkommen mit Israel, die zu ihrer Zeit äusserst umstritten waren.

Rituelle Rhetorik

Nun richtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Istanbul einen panislamischen Gipfel aus, um gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump zu protestieren, Jerusalem entgegen allen internationalen Gepflogenheiten als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen. Angesichts der Geschichte der OIC wäre ein einhelliger Aufschrei zu erwarten. Doch statt Einigkeit demonstriert die muslimische Welt, wie gespalten sie ist – und dass Jerusalem und die Palästinenserfrage jenseits ritueller Rhetorik ihre zentrale Bedeutung zu guten Teilen eingebüsst haben.

Erdogan will in der Tradition der Osmanen seinen Einfluss bis weit in die arabische Welt ausüben.

Es spricht Bände, dass in Istanbul Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – zwei Führungsmächte der arabisch-sunnitischen Welt – nicht auf höchster Ebene vertreten sind. Sie betrachten das schiitische Regime des Iran mit seinen regionalen Ambitionen als grösste Bedrohung und wollen ihre Allianz mit den USA Trumps nicht brechen. Von ihm erhoffen sie sich, dass er, anders als der am Golf verhasste Vorgänger Barack Obama, dem Iran entschlossen entgegentritt. Israel gilt ihnen als potenzieller Partner. Man ist durch gemeinsame Interessen verbunden.

«Erdogan ist neben Katar der wichtigste Unterstützer der Islamisten.»

Einig steht dieses Duo mit Ägypten und anderen arabischen Staaten gegen den politischen Islam der Muslim­bruderschaft. Monarchen und starke Männer von Riad bis Kairo sehen in ihm eine fundamentale Bedrohung ihrer undemokratischen Herrschaftsmodelle – und Erdogan ist neben Katar der wichtigste Unterstützer der Islamisten. Ihm wird überdies nicht grundlos unterstellt, er wolle in der Tradition der Osmanen Einfluss bis weit in die arabische Welt ausüben und sich als Sultan schamlos und opportunistisch zum weltweiten Führer der Muslime aufschwingen. Gefolgschaft vermag er so nicht zu generieren.

Lachende Dritte sind der Iran und dessen Verbündete wie die Hizbollah. Sie können sich als einzige Retter der Palästinenser aufspielen und die Araber mit Vorwürfen der Doppelzüngigkeit spalten. Die berüchtigte «arabische Strasse» wissen sie auf ihrer Seite. Auch wenn sie längst nicht mehr der furchteinflössende Machtfaktor von einst ist – der Iran unterminiert so die Legitimität der arabisch-sunnitischen Regimes. Es ist nicht unvorstellbar, dass die Hizbollah in einen Krieg gegen Israel zieht. Dass es dabei primär um die Sache der Palästinenser ginge, wäre allerdings eine Lüge. Ein Waffengang würde diese dem ersehnten eigenen Staat nicht einen Millimeter näherbringen.

Erstellt: 13.12.2017, 21:54 Uhr

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