Japan hofft auf baldiges Ende des Streits mit Russland um vier Inseln

Der japanische Premier Shinzo Abe verspricht hochtrabend einen Friedensvertrag mit Moskau.

Shinzo Abe (l.) und Wladimir Putin haben sich bereits 24 Mal getroffen. Beim 25. Treffen könnten die Südkurilen ein Thema sein. Foto: Keystone

Shinzo Abe (l.) und Wladimir Putin haben sich bereits 24 Mal getroffen. Beim 25. Treffen könnten die Südkurilen ein Thema sein. Foto: Keystone

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Vor seinem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin heute Dienstag in Moskau hat Japans Premier Shinzo Abe die Erwartungen hochgetrieben. Im Kabinett sagte der Premier, er werde für einen baldigen Friedensvertrag mit Russland «alles tun». Am Grab seines Vaters, des früheren Aussenministers Shintaro Abe, hatte er kürzlich geschworen, er werde den seit dem Zweiten Weltkrieg schwelenden Konflikt mit Russland lösen.

Vater Abe hatte kurz vor seinem Tod 1991 den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow gebeten, er möge Japan die Südkurilen zurückgeben. Der Kreml nahm das als Affront. Offenbar meine Abe weiterhin, Moskau müsse Japan die vier Inseln Iturup, Kunashir, Shikotan und das Archipel Habomai zurückgeben, die Moskau seit dem Zweiten Weltkrieg kontrolliert.

Lawrows Frage

Der russische Aussenminister Sergei Lawrow stellte klar, Moskau verhandle nicht über die Südkurilen. Japan müsse endlich «den Ausgang des Zweiten Weltkriegs anerkennen». Er fragte: «Warum ist Japan das einzige Land der Welt, das die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs nicht in ihrer Gänze akzeptieren kann?» Dabei beruft Lawrow sich auf die Konferenz von Jalta 1945 und den Vertrag von San Francisco 1952. Letzteren hat Moskau zwar nicht unterzeichnet, aber es erkennt ihn implizit an. Darin steht klar, Japan verzichte auf die Kurilen, die vulkanische Inselkette von Kamtschatka bis nach Hokkaido.

Tokio behauptet hingegen, die vier südlichsten Inseln gehörten nicht zu den Kurilen. Es beruft sich dabei auf einen Vertrag von 1875 zwischen Russland und Japan. Zudem habe Russland die Inseln nach Japans Kapitulation im August 1945 völkerrechtswidrig besetzt. Bis vor einigen Jahren wollte Tokio erst über einen Frieden verhandeln, wenn Moskau alle vier Inseln zurückgegeben hat. Zeitweise meinte man in Tokio sogar, den Russen nach dem Kollaps der Sowjetunion die Inseln abkaufen zu können. Später reduzierte Tokio seine Forderung inoffiziell auf die Formel «2 plus x». Moskau solle Japan das kleine Shikotan und das winzige Archipel Habomai überlassen und in irgendeiner Form Tokios Anspruch auf die beiden grossen Inseln Iturup und Kunashir anerkennen, ohne sie sofort zurückgeben zu müssen. Zu einem solchen Kompromiss schien Moskau lange bereit zu sein. Heute nicht mehr.

Infografik: Streit um die Südkurilen Grafik vergrössern

Die Formel «2 plus x» hat eine historische Wurzel. In der Erklärung von Moskau, mit der Japan und die Sowjetunion 1956 ihre Beziehungen normalisierten, versprach der damalige sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow den Japanern Shikotan und Habomai, sobald ein Friedensvertrag unterzeichnet sei. Von Kunashir und Iturup war damals kaum die Rede. 1956 wurde im japanischen Parlament explizit gesagt, Japan könne die Inseln nicht glaubwürdig für sich beanspruchen.

Doch 1956 wackelte die kommunistische Macht in Polen; in jenem Herbst überfiel die Sowjetunion Ungarn. Der Kalte Krieg erreichte seinen ersten Höhepunkt. Da wollte Washington es nicht zulassen, dass Tokio sich mit Moskau versöhnte. Also warnte US-Aussenminister John Foster Dulles seinen japanischen Kollegen Mamoru Shigemitsu, wenn Tokio auf die Forderung auf alle vier Inseln verzichte, könne es nicht erwarten, dass die USA Japan das damals noch besetzte Okinawa zurückgebe. Damit sabotierte Dulles einen Frieden zwischen Moskau und Tokio. 1972 erhielt Tokio Okinawa zurück. Dafür hat es seither die Souveränität über Iturup und Kunashir reklamiert.

Ton abgemildert

In ihren bisher 24 Treffen haben Abe und Putin diese Kernfrage stets vermieden. Shinzo Abe ­milderte seinen Ton ab, er redet viel von Wirtschaftszusammenarbeit. Selbst die von Tokio finanzierten Heimweh-Aktivisten auf Hokkaido fordern nicht mehr, die vier Inseln müssten zurückgeholt werden, sondern sie beschwören eine gute Nachbarschaft mit Russland.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.01.2019, 06:13 Uhr

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