Jeden Tag kommen 230'000 Menschen hinzu

Im Jahr 2100 werden 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Sie alle wollen essen, wohnen und ein gutes Leben führen. Wie soll das gehen?

Es wird enger auf unserem Planeten: Warten auf die U-Bahn in Sao Paulo. (Reuters/Nacho Doce)

Es wird enger auf unserem Planeten: Warten auf die U-Bahn in Sao Paulo. (Reuters/Nacho Doce)

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Von einem historischen Moment war die Rede, in Kairo werde über die Zukunft der Menschheit verhandelt, sagte UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali an die Delegierten aus 179 Ländern gerichtet. Neun Tage zog sich das Ringen hin, dann stand ein Aktionsplan «zur Eindämmung des rapiden Bevölkerungswachstums». Die Staaten riefen sich selbst dazu auf, die Lebensbedingungen für Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern, Familienplanung zu fördern und Frauen mehr Rechte einzuräumen. Das war 1994.

Manche der Reden von Kairo könnte man heute erneut halten, ohne dass es auffiele. «Frauen müssen selbst bestimmen können, wie viele Kinder sie bekommen», sagte am Dienstag zum Beispiel der deutsche Entwicklungsminister. «Und das heisst Gleichberechtigung der Frau.» Auf der Nachfolgekonferenz in Kenias Hauptstadt Nairobi beraten seit gestern erneut Delegierte über das Bevölkerungswachstum.

Afrika und Asien legen zu

In den 25 Jahren seit der Konferenz von Kairo hat sich einiges getan. Frauen bekommen deutlich weniger Nachwuchs, 1994 waren es im globalen Durchschnitt etwa 2,8 Kinder, heute sind es knapp 2,5. In vielen Ländern ist diese sogenannte Fruchtbarkeitsrate drastisch zurückgegangen, darunter in Staaten, in denen man es eher nicht vermutet hätte, etwa in Marokko (2,2 Kinder pro Frau) oder Bangladesh (2,1). Viel mehr Frauen haben Zugang zu Ärzten und zu Verhütungsmitteln.

Die Trendwende aber ist nicht geschafft, sie ist nicht einmal in Sichtweite. Nach wie vor wächst die Menschheit rasant. Jeden Tag kommen fast 230'000 Menschen hinzu, das entspricht etwa der Bevölkerung einer Stadt von der Grösse Genfs. Jedes Jahr sind es 82 Millionen Menschen. Und sie alle wollen essen, wohnen, mobil sein, ein gutes Leben führen.

Derzeit leben weltweit laut den Vereinten Nationen geschätzt 7,7 Milliarden Menschen, 2030 erwarten die UNO-Experten 8,5 Milliarden, 2100 schliesslich 10,9 Milliarden. Erst um die Jahrhundertwende erwartet die UNO ein Ende des Wachstums. Dass es bis dahin noch Jahrzehnte dauern dürfte, liegt vor allem daran, dass es schon so viele junge Menschen gibt. Setzt sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte fort, so werden sie pro Paar zwar weniger Kinder bekommen als heute – aber es wird eben viel mehr Paare geben, die überhaupt Kinder bekommen können.

Auch 25 Jahre nach Kairo kommt es allein in den Entwicklungsländern zu 89 Millionen ungewollten Schwangerschaften pro Jahr. Womit man wieder bei den Rechten der Frauen wäre. Am stärksten dürfte der Zuwachs im Afrika südlich der Sahara ausfallen, allein hier erwarten die UNO-Experten im Jahr 2050 gut eine Milliarde Menschen mehr als heute. Auch in Asien wächst die Menschheit weiter, während die Kurven auf den anderen Kontinenten bereits sinken. Insgesamt aber geht es weiter nach oben.

«Demografische Dividende»

Was ist daran so bedenklich? Viele junge Menschen können gut sein für die Entwicklung eines Landes. Denn sinkt erst einmal die Geburtenrate, so erhöht sich der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter. Sie können nun das Wirtschaftswachstum antreiben, Wohlstand und Staatseinnahmen mehren. Wissenschaftler sprechen von einer «demografischen Dividende». Die aber gelingt bei weitem nicht überall.

Viele Forscher, Entwicklungshelfer und Politiker betonen deshalb Nachteile und Risiken des rasanten Wachstums. Da ist zunächst einmal das viele Leid, das ungewollte Schwangerschaften hervorbringen, insbesondere bei Teenagern. Mütter sterben bei stümperhaften Abtreibungen, bei der Geburt, werden von der Familie oder der Dorfgemeinschaft verstossen, erleiden bleibende Gesundheitsschäden.

Die wachsende Zahl der Menschen kann für ein Land auch zum Entwicklungshemmnis werden, zur demografischen Bürde statt Dividende. Das droht insbesondere, wenn der Staat mit den vielen Neubürgern überfordert ist, wenn er nicht genug Schulen, Krankenstationen und Verkehrswege bereitstellen kann, um all den Menschen eine Perspektive zu bieten für würdige Arbeit und mehr Selbstbestimmung. Ohne bessere Bildung gibt es keine Entwicklung. Schon jetzt aber fehlen in Afrikas Schulen Millionen Lehrer. Und ohne wenigstens eine grundlegende Schulbildung bleiben die Geburtenraten hoch. Das sagt jede Statistik. Wenn Mädchen nur ein paar Jahre länger die Klassen besuchen, bekommen sie deutlich weniger Kinder. Bildung gilt als das beste Verhütungsmittel.

Hinzu kommt der Ressourcenverbrauch. Mehr Menschen bedeutet, dass mehr Ackerfläche benötigt wird, mehr Wälder gerodet, mehr klimaschädliche Gase ausgestossen werden, zumindest beim bisherigen Wachstumsmodell. Durch den technischen Fortschritt ist es immer wieder gelungen, die wachsende Zahl von Menschen doch noch zu ernähren, allen Warnungen vergangener Jahrhunderte und Jahrzehnte zum Trotz, dass die Expansion der Menschheit brutal durch Hungersnöte gestoppt würde. Neue Züchtungen, Kunstdünger oder Pestizide haben die Ernteerträge in die Höhe gehen lassen. Vielerorts zeigt sich allerdings auch, welche Schäden die intensive Landwirtschaft hinterlässt.

Übermässige Landnutzung

All dies geht mit mehr Treibhausgasemissionen einher. Der Weltklimarat machte in einem Sonderbericht im August übermässige Landnutzung, vor allem die Waldrodungen und die Landwirtschaft, für rund ein Viertel der vom Mensch verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wobei der entscheidende Faktor der Ressourcenverbrauch pro Kopf ist – und dieser ist in den Industrieländern, in denen die Bevölkerungszahl meist stagniert, um ein Vielfaches höher als in den ärmsten Ländern, die hauptsächlich für den Bevölkerungswachstums verantwortlich sind.

Erstellt: 13.11.2019, 10:20 Uhr

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