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Kein Demonstrant wagt sich hierher

Der Taksim, der Platz vor dem Gezi-Park in Istanbul, ist ein Symbol des gebrochenen Widerstands gegen Präsident Erdogan. Nun lässt dieser dort ein spektakuläres Atatürk-Kulturzentrum bauen.

Christiane Schlötzer, Istanbul
Rote Halbkugel hinter einer Glasfassade: Das geplante Atatürk-Kulturzentrum am Taksim-Platz in Istanbul. Visualisierung: Tabanlioglu Architects
Rote Halbkugel hinter einer Glasfassade: Das geplante Atatürk-Kulturzentrum am Taksim-Platz in Istanbul. Visualisierung: Tabanlioglu Architects

Wasserwerfer sind am Eingang des Istanbuler Gezi-Parks parkiert, der vor sechs Jahren Zentrum des Aufruhrs war. Wo Bürgerkinder in Zelten schliefen und dazwischen die Philharmoniker gastierten, bilden Polizeiwagen einen Kordon, Tag und Nacht. Die Gezi-Revolution ist lange vorbei, der Platz vor dem Park, der Taksim, der berühmtesteder Republik, aber ist seitdem kein Ort mehr zum Verweilen. Demonstranten wagen sich nicht mehr aus der Deckung, aber auch Passanten eilen so schnell vorüber, als sei der Platz in Istanbuls Mitte kontaminiert. Der Taksim ist eine urbane Brache, möbliert mit Fahnenmast und Liften zu U-Bahn und Busbahnhof im Untergrund. Öder geht es kaum. Doch jetzt gibt es Hoffnung.

Auf der Westseite des Taksim wachsen schon seit einer Weile zwei Minarette in den Himmel. Der Bau einer Moschee an diesem zentralen Ort, an dem seit 1928 auch das Republikdenkmal steht, war lange umstritten. Doch vor zwei Jahren begannen die Arbeiten, die grosse Kuppel ist schon fast fertig. Morgen Sonntag wird nun auf der Gegenseite des Platzes der Grundstein für einen zweiten Kuppelbau gelegt. Eigentlich wird es eine Halbkugel sein, in leuchtendem Rot, hinter einer spektakulären, transparenten Fassade. Unter dieser Kuppel wird die Istanbuler Oper Platz finden, mit 2500 Plätzen. Das Gebäude soll auch ein Konzerthaus, eine Galerie, ein Kino und Theatersäle beherbergen sowie ein Dachrestaurant mit Bosporus-Blick.

Moschee und Opernhaus symbolisieren die zwei Gesichter der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogans konservativ muslimische AKP bekam bei Wahlen zuletzt jeweils etwa die Hälfte der Stimmen, die anderen 50 Prozent teilten sich die verschiedenen Parteien der Opposition, inklusive der säkularen. Diese türkische Dichotomie wird sich künftig auf dem Taksim spiegeln. Murat Tabanlioglu, der Architekt des Opernhauses, hofft, dass man dann «endlich Frieden» auf diesem Platz findet.

«Schweig, Tayyip»

Wo die neue Oper stehen wird, klafft jetzt noch eine Riesenlücke. Dort stand das Atatürk-Kulturzentrum, abgekürzt AKM (von Atatürk Kültür Merkezi). Das galt als türkischer «Palast der Republik», als Ikone des Laizismus, mit einer Alu-Fassade aus den progressiven Sechzigerjahren. Während der Gezi-Wochen stand das Kulturhaus schon leer, unter anderem, weil eine Asbestsanierung dringend geboten war. Als Werbefläche für den politischen Widerstand aber erlebte das AKM eine kurze Renaissance. «Wir beugen uns nicht», stand damals in Riesenlettern auf der Fassade, und «Schweig, Tayyip». Vom hohen Flachdach winkten jeden Abend die Demonstranten.

Moschee und Opernhaus symbolisieren die zwei Gesichter der Türkei.

Danach war das Ende des Baus zwar noch nicht beschlossene Sache, aber im Juni 2017 kündigte Erdogan den Abriss an. Die Istanbuler Architektenkammer protestierte, sie nannte das AKM einen unverzichtbaren Teil der urbanen Erinnerungskultur – alles vergebens. Man befürchtet, anstelle des AKM könnte eine Shoppingmall entstehen. Aber da versprach Erdogan überraschend die Wiederauferstehung des Kulturzentrums, in einer Rekonstruktion, die allerdings mehr futuristisch anmutender Neubau als Nachbau sein wird. Für Kontinuität steht vor allem der Name des Architekten, Murat Tabanlioglu, er ist der Sohn von Hayati Tabanlioglu, dem Erbauer des alten AKM. Seinen Entwurf durfte Tabanlioglu junior dem Präsidenten persönlich präsentieren.

Der Architekt, dessen Istanbuler Büro an vielen Orten der Welt baut, hatte nicht mit einem solchen Auftrag gerechnet, sagt er. Erdogan zeigte er dann Bilder der Mailänder Scala, der Opernhäuser von Sydney und Oslo und der Hamburger Elbphilharmonie. In der berechtigten Annahme, Erdogan habe sich bislang noch nicht mit Opernhäusern beschäftigt. Als der Präsident jüngst erstmals ein Konzert des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say besuchte, löste diese Premiere in der Türkei fast einen Kulturkampf aus.

Atatürk verschwindet

Tabanlioglu war wichtig, dass das neue Kulturzentrum die alte Reverenz an den Republikgründer in seinem Namen behält. Schliesslich verschwindet dieser schon andernorts. Sein Vater, der 1994 starb, baute auch am Istanbuler Atatürk-Flughafen mit. Der wird bald geschlossen. Der neue Airport heisst nur noch «Istanbul», Atatürk ist gestrichen.

Der Bauzaun an der Ostseite des Taksim ist auch eine Leinwand, darauf gemalt sind Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in feiner, schulterfreier Abendkleidung. Auf der anderen Platzseite werden die Frauen ihre Köpfe hingegen bedecken, wenn sie in die Moschee gehen.

Dem Architekten aber schwebt vor, dass die ganze Stadt etwas von seinem AKM hat. «365 Tage» soll etwas los sein, Kino und Musik sollen junge Leute ins Haus holen. Für bürgerliche Istanbuler aus der Generation Tabanlioglus – er wurde 1960 geboren – sind günstige Sonntagskonzerte des Staatsorchesters im alten AKM Teil der kollektiven Erinnerung. Atatürk sah in der Förderung von westlicher Kunst und Kultur ein Mittel zum Zweck, die Türken sollten Richtung Europa schauen. Bis heute gehören klassische Musik oder moderneMalerei zu einem laizistischen Bildungskanon. Auch für die Architektur galt, was Hakan Dagistanli, Architekt und Autor, sagt: «Der Gründungsmythos der türkischen Republik fusst auf der Moderne.»

Wenig Begeisterung für Hochkultur

Erdogan hatte, als er 2003 erstmals an die Macht kam, auch Anhänger im Lager der säkularen Türken, weil er mit Tabus brach, wie zum Beispiel dem Verbot von kurdischem Liedgut oder Literatur. Seit er die Stimmen dieser Liberalen verloren hat, hofiert er die Nationalisten. Von denen war bislang wenig Begeisterung für Hochkultur zu hören. Zudem steckt die Türkei gerade in einer tiefen ökonomischen Krise. So passierte auf der AKM-Baustelle lange fast nichts, während auf der anderen Seite des Platzes die Minarette gen Himmel strebten. Dass nun der Grundstein gelegt und die Lücke geschlossen wird, wirkt deshalb fast wie ein Wunder.

Mit dazu beigetragen hat womöglich auch der Kommunalwahlkampf. Wer Istanbul verliert, der verliert die Türkei, sagt Erdogan gern. Erdogan war auch einmal Bürgermeister der grössten Metropole der Türkei, die bis heute die heimliche Hauptstadt des Landes geblieben ist, auch wenn Atatürk den Sitz der Regierung nach Ankara verlegt hat.

Der Architekt der Moschee am Taksim ist Sefik Birkiye, er hat auch Erdogans Palast in Ankara gebaut. Dieser lehnt sich an spätosmanische Bauten an, kennt in seiner Dimension aber kein Vorbild. In dem umzäunten Palastkomplex soll übrigens laut Präsident Erdogan auch ein Opernhaus entstehen.

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