Keine Angst vor Putin

Der Kreml gilt als Mitverursacher jeder Krise. Mit diesem Verdacht macht es sich der Westen zu einfach.

Man traut ihm fast alles zu, das macht ihn stark: Wladimir Putin. Foto: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)

Man traut ihm fast alles zu, das macht ihn stark: Wladimir Putin. Foto: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)

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Wer Putins Freund ist, darf in Russland so gut wie alles, wer sein Feind ist, führt ein gefährliches Leben. Und seit Donald Trump neuer US-Präsident geworden ist, scheint Wladimir Putins Macht sogar weit über sein Land hinausgewachsen zu sein. Er habe sich in die US-Wahlen eingemischt, um die Demokratie in den USA zu diskreditieren und das Land in die Krise zu stürzen. Beim Brexit-Votum habe er Einfluss genommen, um die Europäer zu schwächen und zu spalten. Die Liste liesse sich endlos verlängern. Egal, welche Krise den Westen trifft – gerade etwa Katalonien –, Putin mischt angeblich immer mit.

Nicht jede Anschuldigung wird auch begründet, doch im Zusammenhang mit den US-Wahlen wird eine ganze Reihe von Verdachtsmomenten aufgelistet: gehackte Daten, Trolle, Bots, Fake-­News, verdächtige Treffen mit russischen Kontaktleuten. Dass der Kreml Donald Trump an die Macht gebracht hat und nicht die amerikanischen Wähler – dafür konnte der schlüssige Beweis bisher nicht erbracht werden.

«Es gibt keinen Plan, die freie Welt zu sabotieren.»

Dass sich der Verdacht hartnäckig hält und immer neue Varianten davon auftauchen, hängt wohl damit zusammen, dass eine solche Einmischung so gut zu Putin dem Allmächtigen passen würde. Er sieht Russland als Hort der Rechtgläubigkeit, als Retter des Abendlandes und als Gegenpol zum schwächlichen, dekadenten Westen, den der Kreml-Chef für seinen Liberalismus verachtet.

Dass Putin sich gerne einmischen würde und das auch versucht, ist keine Frage. Doch daraus lässt sich nicht auf einen grossen Plan schliessen, die freie Welt zu unterminieren. In Russland verdankt der Präsident seine Macht eher dem Zufall, dem Ausnützen günstiger Gelegenheiten, wie etwa die Annexion der Krim zeigt. Putin ist ein Opportunist und kein Stratege. Und die Welt ist nicht Russland, wo er über die Jahre überall seine willfährigen Handlanger installiert hat.

Erst die Beschuldigungen aus dem Westen machen Putin zu einer Art Superman, der alles kann und alles kontrolliert. Er selber hätte sich diese Rolle nicht besser auf den Leib schneidern können. Inzwischen ist fast egal, ob russische Manipulationen Wirkung zeigen, ja sogar, ob sie überhaupt stattgefunden haben. Allein der Verdacht lässt Putin über sich hinauswachsen.

Es ist, als hätte man plötzlich die Rollen getauscht. Russland fühlte sich nach dem Untergang der Sowjetunion schwach, umzingelt vom mächtigen Westen, der Nato und EU immer weiter ausdehnte. In Russland selber unterstützten Europäer und Amerikaner Bürgerrechts- und Oppositionsgruppen. Moskau beklagte, der Westen mische sich in seine inneren Angelegenheiten ein und betreibe einen Machtwechsel. Nun scheint Moskau plötzlich unschlagbar, umzingelt den Westen und zwingt ihm seinen Willen auf.

Russlands alte Schwäche

Doch Russland ist so schwach wie früher. Es hat weder die wirtschaftlichen noch die technologischen Möglichkeiten, den Westen herauszufordern. Das Land stagniert, lebt allein vom Abbau von Rohstoffen. Das politische System beruht auf dumpfer Gefolgschaft, ist zerfressen von Korruption und Vetternwirtschat.

Mischt sich der Kreml technisch versiert in fast jede Wahl dieser Welt ein? Schürt er überall Konflikte? Verfolgt er gar einen Masterplan zur Übernahme der Weltherrschaft? Nein. Dazu fehlt es Russland an Ressourcen, an Know-how und letztlich wohl auch an Interesse.

Dennoch machen manche westliche Politiker für jeden Misserfolg Russland verantwortlich und bauen es als Sündenbock für eigene Fehler auf. Das hat verheerende Folgen: Hausgemachte Probleme, gesellschaftliche Verwerfungen, ganze Gesellschaftsgruppen, die der Politik verloren gegangen sind – all das wird nicht mehr ernst genommen, weil ja nur Russland schuld ist an den Problemen. Doch es ist nicht Wladimir Putin, der die Demokratie aushöhlt, sondern der Westen selber: indem man Bürgerinnen nicht ernst nimmt, den Wählern ihre Stimme abspricht und ihr Votum nicht gelten lässt, wenn es der herrschenden politischen Elite nicht passt.

Europäer und Amerikaner müssen ihre eigenen Politiker wieder in die Pflicht nehmen, dass sie auf die offenen Gesellschaften setzen und nicht zuletzt auf ihren eigenen gesunden Menschenverstand. Denn es ist unsere Angst, die Putin stark macht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2017, 20:00 Uhr

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