Kim Jong-un hat sein Gesicht gewahrt

Denn Nordkoreas Diktator will nicht gelobt, sondern gefürchtet werden.

Erneute Provokation: Nordkoreanische Rakete fliegt über Japan. (Video: Tamedia/AFP)

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Alles ruhig, alles wie immer, melden die Waffenstillstandsbeobachter von der innerkoreanischen Grenze, an der sich in den letzten sechs Jahrzehnten eine Routine eingespielt hat. Diese ist in den letzten Monaten nie unterbrochen worden, obwohl Nordkoreas Diktator Kim Jong-un Raketen gestartet hat und er und US-Präsident Donald Trump sich gegenseitig mit bombastischen Drohungen überboten haben. Auch am frühen Dienstagmorgen blieb es ruhig, als Nordkorea eine Hwasong-12 über die japanische Nordinsel Hokkaido hinweg in den Pazifik abfeuerte.

Bilder: Nordkoreanische Rakete fliegt über Japan

Japan dagegen löste einen nationalen Alarm aus und stoppte die Shinkansen-Züge. Kurz danach telefonierte Premier Shinzo Abe mit US-Präsident Donald Trump: Die beiden waren sich einig, jetzt sei nicht die Zeit, mit Nordkorea zu verhandeln. Vor wenigen Tagen noch hatte Trump onkelhaft bemerkt, Diktator Kim Jong-un beginne, Respekt zu zeigen. US-Aussenminister Rex Tillerson hatte den Norden für seine Zurückhaltung während der US-südkoreanischen Manöver sogar etwas gelobt. Kim will jedoch nicht gelobt, sondern gefürchtet werden. Aus Sicht Pyongyangs wäre Letzteres eher eine Vorbedingung für Verhandlungen.

Gefährliche Provokationen

Kim hat mit diesem Raketentest sein Gesicht gewahrt. Wie zu erwarten war, hat er von seiner Drohung Mitte Monat abgesehen, Raketen in Richtung der US-Insel Guam ins Meer zu schiessen. Aber er hat gleichwohl in den Pazifik geschossen, bloss 3500 Kilometer weiter nördlich. Er wollte Guam ohnehin nicht treffen, sondern – wie jedes Jahr – die gemeinsamen Manöver mit den USA stören.

Gewiss, Raketen und Atomwaffen entziehen die potenzielle Kampfzone dem Blick der Militärbeobachter an der innerkoreanischen Grenze, und Pyongyangs Provokationen sind nicht nur gefährlich, weil sie einen gewaltsamen Konflikt auslösen könnten, den niemand will. Raketenteile könnten auch ungewollt ein Flugzeug, ein Schiff oder sogar eine Siedlung treffen. Ausserdem verbieten mehrere UNO-Resolutionen Pyongyang jegliche ballistischen Versuche.

Doch selbst diese Risiken vermögen die Truppen und ihre Kommandos beider Seiten an der Grenze nicht zu beunruhigen. Der Tourismus entlang der Demilitarisierten Zone (DMZ) geht unverändert weiter, nicht nur im Süden, auch im Norden.

Ein Bluff mit Folgen

Die Lage an der Grenze bildet, selbst wenn Raketen die potenzielle Kampfzone weit weg verschieben, weiterhin den Schlüssel zur Beurteilung des Konflikts. Nordkorea blufft, das versteht man auch in Washington. Sollten die USA einen Präventivschlag erwägen oder nur entfernt mit einem effektiven Raketenangriff Pyongyangs rechnen, den sie ohne Zweifel vergelten würden, dann müssten beide Seiten mit der konventionellen Fortsetzung der so begonnenen Auseinandersetzung rechnen.

Und diese würde an der innerkoreanischen Grenze ausbrechen. 40 Kilometer von Seoul, wo fast 200'000 Amerikaner leben. Die könnte Trump nicht im Stich lassen. Ein konventioneller Krieg erfordert Monate der gut sichtbaren Vorbereitungen; darauf gibt es keinerlei Hinweise. Daraus folgt: Bisher ist das alles nur Säbelrasseln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 11:17 Uhr

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