Kinderehen – eine verheerende Tradition

Kinderehen sind in Indien eigentlich verboten – trotzdem sind Millionen Mädchen davon betroffen. Die Tradition war bislang stärker als das Gesetz. Ein Gerichtsurteil könnte das nun ändern.

Kind im Brautkleid: Je früher die Töchter verheiratet sind, desto weniger belasten sie die Väter finanziell. Foto: Amit Dave (Reuters)

Kind im Brautkleid: Je früher die Töchter verheiratet sind, desto weniger belasten sie die Väter finanziell. Foto: Amit Dave (Reuters)

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Der Vater ist zufrieden. Vor zwei Jahren hat Rajgopal Yadav seine Tochter Sushma verheiratet, da war sie 15 oder 16. Genau kann er das nicht sagen, er hat sich nicht gemerkt, wann sein Mädchen geboren wurde. Yadav ist froh, dass er sie jung in die Ehe geschickt hat. «Ich will, dass sie früh versorgt ist. Das ist ­sicherer.» Ansonsten hätte es passieren können, dass sie sich noch verliebt in einen der Dorfburschen und mit ihm durchbrennt. Manche Eltern fürchten auch, dass Mädchen, die noch niemandem versprochen sind, eher von älteren Männern missbraucht werden könnten.

Niemand hatte Sushma gefragt, ob sie so früh heiraten will. Und auch bei der Wahl des Bräutigams hatte sie nicht mitzureden. «Das haben die Familien vereinbart», sagt Yadav, der aus einem Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh stammt und in Delhi arbeitet. Arrangierte Ehen sind vielerorts noch die Norm in Indien, nicht nur in unteren Schichten. «Viele Mädchen heiraten früh», sagt Yadav. «So war es immer.» Dass das Gesetz keine Kinderehen zulässt, spiele in seiner ­Gegend noch kaum eine Rolle.

Ausnahmeregel im Strafgesetz

Nun hat aber das Verfassungsgericht ein Urteil gesprochen, das als bedeutsamer Schritt zum Schutz von Mädchen vor sexueller Gewalt gilt. Es hat entschieden, dass Sex mit einer Braut unter 18 Jahren als Vergewaltigung gilt. Mädchen dürften nicht als Ware behandelt werden. Richter Madan Lokur sagte: «Ein unverheiratetes Mädchen kann seinen Vergewaltiger gerichtlich verfolgen, aber ein verheiratetes Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren kann nicht einmal das tun.»

Grund dafür ist eine Ausnahmeklausel im Strafgesetz, die dem Ehemann Sex mit einer minderjährigen Braut erlaubt, solange sie älter als 15 Jahre alt ist. Die Regierung dürfe nicht blind sein gegenüber dem Trauma, das ein Mädchen erlebt, das zwischen 15 und 18 Jahren heiratet, kritisiert das Gericht. Es bemängelt die «künstliche Trennung zwischen verheirateten und unverheirateten Mädchen». So würde eine junge Braut um ihr Recht auf Unversehrtheit gebracht.

Kinderehen sind in Indien zwar rechtlich untersagt, das Mindestalter für Mädchen liegt offiziell bei 18 Jahren. Doch daran halten sich viele nicht. Und der Staat setzt das Recht nur unzureichend durch. Eine Studie hat ergeben, dass nahezu die Hälfte aller verheirateten indischen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren einst als Minderjährige in die Ehe kam. Die Regierung beziffert die Zahl der Kinderehen auf 23 Millionen. Und sie hat sich bislang gegen eine Kriminalisierung von Sex in diesen Verbindungen ausgesprochen, wo es doch zum alten Brauchtum gehöre. Das hat die Richter alles andere als überzeugt. Sie stuften die Ausnahmeregel als weder fair noch gerecht oder vernünftig ein. Sie sei verfassungswidrig und müsse weg. Allerdings machten sie auch klar, dass ihr Urteilspruch nur für künftige Fälle gelte und nicht rückwirkend.

«Dies ist ein wegweisendes Urteil», sagt Ranjana Kumari, Frauenrechtlerin beim Centre for Social Research. Das Urteil könne langfristig eine abschreckende Wirkung entfalten. Aber schnell sei ein Umdenken nicht zu erwarten. Für die Regierung ist der Richterspruch jedoch bindend, sie muss nun das Strafrecht ändern.

Hindus wie Muslime

Und wie findet Rajgopal Yadav das Urteil? «Ich weiss nicht recht, was ich ­davon halten soll.» Er kann sich nicht vorstellen, dass sich an den Bräuchen schnell etwas ändert. «Höchstens ganz langsam. Vielleicht.» Frauenrechtlerin Kumari erzählt vom alten Glauben unter Hindus, wonach die Familie besonderen göttlichen Segen erfährt, wenn die Tochter noch vor der Menstruation verheiratet wird. Und auch bei den Muslimen gebe es religiöse Überzeugungen, die frühe Heiraten beförderten. Kleriker lehren in Indien, dass die Kinder mit dem Einsetzen der Pubertät bereit seien, um Kinder zu bekommen.

Für die Mädchen sind die Traditionen verheerend. «Sie verlassen die Schule, und frühe Geburten schaden ihrer gesundheitlichen Entwicklung», sagt Kumari. Dennoch sei es schwierig, dagegen anzukämpfen. «Das liegt auch daran, dass Mädchen oft als ökonomische Last empfunden werden. Familien glauben, es lohne sich nicht, in sie zu investieren, weil es später eben die Söhne sind, die sich um die Eltern kümmern, während die Töchter in die Haushalte ihrer ­Ehemänner abwandern.»

So wie Sushma, die Tochter von Rajgopal Yadav. «Die Hochzeit hat mich viel Geld gekostet», sagt der Vater. Die Familie des Bräutigams wünschte sich einen schicken Töff als Geschenk. Yadav hat nicht gewagt, das abzulehnen, obgleich die traditionelle Zahlung einer Mitgift per Gesetz untersagt ist. Yadav hat also sein Auto verkauft, um das Geld aufzutreiben. So hat der Vater aber auch früh die Verantwortung für die Tochter abgegeben. Einmal gross zahlen – und dann ist das Mädchen fort. Yadav glaubt, dass es der richtige Weg war. Und das Trauma einer frühen Ehe, wie es die Richter ­geisseln? «Ich weiss nicht, darüber habe ich nie nachgedacht», sagt er. «Ich bin ­sicher, meiner Tochter geht es gut.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 22:26 Uhr

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