Kochen fürs Karma

Bis zu 100'000 Menschen essen täglich gratis in der grössten Gemeinschaftsküche der Welt im Goldenen Tempel von Amritsar. Davon profitieren nicht nur die Beschenkten.

In der Karma-Küche darf jeder gratis essen, so oft er will, so viel er will. Freiwillige Helfer verteilen im Goldenen Tempel von Amritsar das Brot. Foto: Helena Schätzle (Laif)

In der Karma-Küche darf jeder gratis essen, so oft er will, so viel er will. Freiwillige Helfer verteilen im Goldenen Tempel von Amritsar das Brot. Foto: Helena Schätzle (Laif)

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Im Goldenen Tempel von Amritsar schläft niemand hungrig ein, findet ­jeder eine Bleibe, denn anderen zu ­helfen, gehört zum Glaubensgrundsatz von weltweit rund 27 Millionen Sikhs. «Für gewöhnlich spenden wir zehn Prozent unseres Einkommens für gemeinnützige Zwecke oder engagieren uns ehrenamtlich», sagt Gunbir Singh. Der Sikh-Gelehrte kennt den Goldenen Tempel im Norden Indiens, nur wenige Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt, schon seit Kindertagen und nimmt Besucher gerne mit hinein.

Aus allen vier Himmelsrichtungen ist der Tempel zugänglich, das soll Offenheit symbolisieren. «Ob arm oder reich. Ob Sikh, Hindu, Muslim oder Christ. Hier ist jeder willkommen», sagt Singh. Doch vor dem Besuch dieses wichtigen Sikh-Heiligtums muss man erst einmal den Kopf mit Tuch oder Turban be­decken und seine Hände und Füsse ­waschen. Im Inneren befindet man sich dann in einem goldglänzenden Tempel, der wie eine kleine Schmuckschatulle inmitten des Nektarsees liegt, umgeben von schneeweissen Palastbauten. Arjun Dev, der fünfte Guru der Sikhs, liess die Gebäude im 16. Jahrhundert erbauen.

«Egal ob Banker oder Bettler, bei uns sind alle gleich.»Gunbir Singh, Sikh-Gelehrter

Tagsüber werden im Goldenen Tempel Verse aus dem heiligen Buch rezitiert und die begleitenden Gesänge über Lautsprecher in der ganzen Anlage übertragen. So entsteht eine andächtige ­Atmosphäre, und viele Pilger nehmen im Nektarsee ein rituelles Bad. Weil der Besuch des Tempelinneren selten unter zwei Stunden Wartezeit zu machen ist, umrundet man lieber den heiligen See, der von schneeweissem Marmor umgeben ist. Das ist für manche durchaus eine kleine Herausforderung. Bei 40 Grad Celsius ist nicht nur das Sonnenlicht in der weissen Umgebung gleissend, sondern auch der Marmorboden so glühend heiss, dass man sich barfuss schnell Blasen an den Füssen holt, wenn man nicht auf den Läufern bleibt.

Dann führt Gunbir Singh zum Essen in die grösste Gemeinschaftsküche der Welt. Täglich kommen bis zu 100'000 Pilger, Einheimische und Touristen zum Gratisessen. Gekocht wird vegetarisch, auch wenn manche Sikhs es ausserhalb des Tempels mit dem Fleischverzicht nicht mehr ganz so streng nehmen.

Essen verbindet

Trotz des einfachen Essens handelt es sich aber keineswegs um eine Armenspeisung. Mit Gründung des Sikhismus galt das Gemeinschaftsessen schon im 15. Jahrhundert als sichtbares Zeichen gegen alles Trennende des Kastensystems der Hindus. «Egal ob Banker oder Bettler, bei uns sind alle gleich», sagt Singh. Ausdruck dieser Gleichheit sind bei den Sikhs auch die gleichlautenden Familiennamen: Singh (Löwe) bei Männern und Kaur (Prinzessin) bei Frauen. Das gemeinsame Mahl, das sogenannte Langar, wird zum grössten Teil durch Geldspenden von Organisationen und Privatpersonen finanziert. Gespendete Naturalien werden meist gleich direkt im Tempel angeliefert. Dann müssen die Köche schon mal geschwind den Menüplan ändern.

Gesunde Ökoprodukte sind dabei für Gunbir Singh besonders wichtig. Als Chef der Dilbir Foundation veranstaltet der 59-Jährige nicht nur jeden Sonntag einen Biomarkt in Amritsar, um Kleinbauern zu unterstützen und Städter mit guten Nahrungsmitteln zu versorgen. Er setzt sich auch für mehr Bioprodukte in der Grossküche des Tempels ein. «Inzwischen wird bereits auf etwa fünf Hektaren Biogemüse für die Tempelküche angebaut», sagt Singh. Ein guter Anfang, schliesslich sind Ökoprodukte in Indien noch selten. Man fragt sich ohnehin, wie man in der Grossküche täglich bis zu 100'000 Esser satt bekommt.

Unter den Arkaden des Küchengebäudes sitzt bereits eine grosse Schar Freiwilliger und versucht, Bergen von Karotten, Blumenkohl und Knoblauch Herr zu werden. Es wird geschält und geschnippelt, was das Zeug hält, denn die Küche braucht ständig Nachschub. Im Getümmel kann man schnell den Überblick verlieren. Doch Amritpal Singh, Informationsbeauftragter des Shiromani-Gurdwara-Parbandhak-­Komitees (SGPC), das die Gemeinschaftsküche leitet, muss eigentlich wissen, wie der Laden funktioniert.

Nach seiner Schätzung gibt es 300 Festangestellte und mindestens genauso viele Freiwillige, wenn nicht sogar mehr. An ehrenamtlichen Helfern herrscht nie Mangel, denn gutes Karma ist ihnen für die ganze Schufterei Lohn genug. Bei den Köchen kommt allerdings kein Freiwilliger zum Einsatz. «Ohne Profis würden Gerichte in solchen Mengen wohl kaum gelingen», sagt Amritpal Singh. Bei genauen Angaben zum Tagesverbrauch von Lebensmitteln kommt auch Singh ins Schlingern. Er schätzt, dass da schon mal um die zwölf Tonnen Mehl, vier Tonnen Gemüse, vier Tonnen Reis und eine Tonne Butter pro Tag zusammenkommen.

In der Bäckerei hat jedenfalls keiner Zeit, sich auch noch mit statistischen Fragen zu beschäftigen. Bei dem Rauch und dem Mehlstaub, der hier durch die Luft wirbelt, verschwindet die Szenerie trotz der surrenden Ventilatoren fast wie in einem Sandsturm. Schemenhaft sind Frauen in bunten Saris zu erkennen, die von Hand Chapati-Fladenbrote fertigen. Dafür gibt es zwar auch Maschinen, aber jedes der Geräte schafft pro Stunde nur 8000 Fladen – das reicht nicht. «Maschinen sind teuer, wir nicht», sagt ­Kirandeep Kaur und rollt mit dem Nudelholz den nächsten Teigballen platt.

Kaum ist man raus aus dem Rauch der Bäckerei, steht man auch schon mittendrin in der Höllenhitze der Küche. Zwar haben längst Gasflaschen das Brennholz ersetzt, doch ist es deshalb nicht minder heiss und hektisch am Herd. Die badewannengrossen Kessel wirken wie aus einem Asterix-und-­Obelix-Comic, in dem gerade der nächste Zaubertrank gebraut wird.

Essen und Trinken hält ­nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern vermittelt in der Gemeinschaft auch das Gefühl von Verbundenheit.

Draussen sind die Türen zu den ­beiden spartanisch ausgestatteten Speisehallen noch geschlossen. Nach jeder Essenssitzung werden die Böden frisch gewischt und die Teppichläufer wieder Reihe für Reihe ausgerollt. Während die neuen Esser vor den Sälen warten, ­haben sie sich schon mal mit Tellersets aus Edelstahl versorgt. Bereits kurz nach Einlass füllt sich der Raum schnell mit Menschen, die im Schneidersitz auf den Läufern am Boden Platz nehmen. Zwischen den Reihen bleibt stets ein Laufgang für die Austeiler frei, schliesslich muss es schnell gehen. Schon nach 30 Minuten warten die nächsten hungrigen Esser, und so bleibt bei der Blockabfertigung wenig Zeit, mit seinem Nachbarn ins Gespräch zu kommen.

Die Brotausträger sind die Ersten, die durch die Gänge eilen und aus ihren Weidenkörben die Fladen verteilen. Von der anderen Seite sind schon die Männer mit dem Reis gestartet, gefolgt von den Dhal-Trägern mit den Linsengerichten. Mit Eimern und Schöpfkellen ausgestattet, füllen sie zügig einen Teller nach dem anderen. Das geschieht mit erstaunlicher Präzision, denn die Teller haben feste Portionsabteile für die ­verschiedenen Speisen. Einfach, aber gut sind die Gerichte, die man auch als Europäer bedenkenlos essen kann, ­alles ist gekocht oder gebacken.

In der Karma-Küche darf jeder gratis essen, so oft er will, so viel er will und wann er will. Essen und Trinken hält ­bekanntlich nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern vermittelt in der Gemeinschaft auch das Gefühl von Verbundenheit.

Krieg im Tempel

Der Goldene Tempel war 1984 weltweit in die Schlagzeilen geraten, als Ministerpräsidentin Indira Gandhi das ­Heiligtum vom Militär stürmen liess. Radikale Sikhs hatten sich im Tempel verschanzt, um ein von Indien unabhängiges Khalistan zu erzwingen. Durch den Militäreinsatz starben nach An­gaben der Sikh-Gemeinschaft auch ­Tausende Zivilisten, die sich im Tempel aufgehalten hatten – ein traumatisches Erlebnis für die Gemeinschaft der Sikhs. Die indische Regierung sprach von mehreren Hundert Opfern. Nur wenige Monate später wurde Indira Gandhi von ihren Sikh-Leibwächtern aus Rache für Amritsar getötet. Daraufhin gingen ­landesweit aufgebrachte Hindus auf die Sikhs los.

Draussen auf dem Tempelgelände ist es inzwischen bereits dunkel geworden. Tausende Teller, Schüsseln und Töpfe aus Edelstahl müssen gewaschen werden – von Hand. Eine Spülmaschine gibt es nicht. Dafür viele fleissige Freiwillige, die in rasender Geschwindigkeit schmutziges Geschirr lautstark in Spülbecken tauchen. Noch aus der Ferne wirkt das Geräusch wie ein Mantra, von dem sich mancher Gast, der hier zur ­späten Stunde kostenfrei unter den ­Arkadengängen übernachtet, nun in den Schlaf wiegen lässt.

Erstellt: 02.02.2020, 20:51 Uhr

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