Leben und Sterben in Nordkorea

Als Kim Yong-sook jung war, schien Nordkorea noch ein normales Land zu sein. Aber ihre Familie fiel in Ungnade, sie wurde ins Gefängnis gesteckt. Wie durch ein Wunder gelang die Flucht.

«Die Schweiz sieht aus wie Nordkorea – einfach in Grün und mit Bäumen.» Kim Yong-sook flüchtete 1999 aus dem abgeschotteten Land nach China.  Foto: Nadine Chaignat-Hofer

«Die Schweiz sieht aus wie Nordkorea – einfach in Grün und mit Bäumen.» Kim Yong-sook flüchtete 1999 aus dem abgeschotteten Land nach China. Foto: Nadine Chaignat-Hofer

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Sie ist klein. So klein, wie man sich Nordkoreaner vorstellt, wenn man darüber liest, mit welchen Entbehrungen sie aufwachsen. Abwesend schüttelt sie zur Begrüssung die Hand und folgt der Übersetzerin in eine Kantine, wo das Interview stattfinden wird. Bereits im Lift zückt sie ihre kleine Kamera. Fotografiert im Vorbeigehen ein Blumenarrangement. Das Gewürzregal. «Die Schweiz», sagt sie, «sieht aus wie Nordkorea. Einfach in Grün und mit Bäumen.» Bäume, das gebe es in Nordkoreas Bergen kaum. Die Menschen benötigen Brennmaterial. Auch Gras gebe es nicht. «Die Menschen essen es, weil sie sonst nichts haben.»

Kim Yong-sook ist Nordkoreanerin. Sie ist 66 Jahre alt und lebt in Seoul, Südkorea. Der Besuch in der Schweiz ist ihre erste grosse Reise, seit sie aus Nordkorea geflüchtet ist. Das Hilfswerk Open Doors hat sie für ein Interview eingeladen. Nordkorea führt auch in diesem Jahr die Liste des Open-Doors-Weltverfolgungsindex an.

Jetzt sitzt Kim Yong-sook in einer Kantine mitten in Basel. Wirkt trotz ihres knallig violetten Oberteils unscheinbar. Sie will über ihr Leben in Nordkorea erzählen. Für sie sind Zeitungsmeldungen aus dem Land brutale Realität. Sie erlebte Verbannung, Hungersnot und Gefängnis. Ihre Brüder sind nach wie vor in Nordkorea, deshalb will sie nicht erkannt werden. Doch reden möchte sie. «Ich weiss, wie schlimm die Zustände in Nordkorea sind. Und ich frage mich: Wie kann es sein, dass Nordkorea überhaupt noch existiert? Dass die Menschen überhaupt so lange überleben konnten?»

Nur Literatur über die Familie Kim

Als Kim Yong-sook ein Kind war, ging es ihr und ihrer Familie gut. Kims Vater war ein angesehener Beamter, sie selbst ging zur Schule. Sie träumte davon, Schriftstellerin oder Lehrerin zu werden. Noch waren alle Bücher erlaubt und zugänglich. «Ich denke, diese Bücher, die ich als Teenager las, haben mir geholfen, zu erkennen, dass in Nordkorea etwas falsch läuft», sagt sie heute. «Der einzige Massstab, den die Leute im Jetzt haben, ist Literatur über die Familie Kim. Sie haben keine Möglichkeit mehr, sich anderweitig zu orientieren.»

Schon während Kim Yong-sooks Kindheit schottet sich Nordkorea von der Aussenwelt ab. 1972 wird Kim Il-sung, der Führer der Einheitspartei, zum Präsidenten erklärt und regiert das Land äusserst restriktiv. Konkurrenten und Andersdenkende werden in Arbeitslager abgeschoben oder direkt hingerichtet.

Sie wäre verhungert, wäre sie in ihrer Heimat  geblieben.

Auch Kim Yong-sooks Familie fällt in Ungnade. Ihre Eltern werden verdächtigt, Christen zu sein. Der Vater kommt ins Gefängnis. Sechs Monate später wird die Familie in den hohen Norden des Landes verbannt, wo sie zur Zwangsarbeit eingeteilt werden. «Es gibt keine Arbeitslosen in Nordkorea, Kinder, alle müssen arbeiten», sagt Kim, «selbst wenn das Ackerstück noch so klein ist» – sie formt ihre Hände zu einem Rechteck –, «werden die Leute zum Ackerbau eingeteilt. Ernte spielt gar keine Rolle. Einfach tun, was gesagt wird.»

Die Kontrolle des Systems ist umfassend. Die Lebensmittel sind rationiert. «Alle haben gleich viel, alle tragen dieselben Kleider, dieselbe Farbe», sagt sie, «Sogar das Geschirr ist in jedem Haushalt dasselbe. Gleiche Löffel, gleiche Stäbchen.» Dies wirkt sich auf die Gedankenwelt der Menschen aus: «Man darf sich nie auch nur einen einzigen, eigenen Gedanken machen. Niemand sagt dir zwar, es ist verboten. Aber man kommt gar nicht dazu.»

Und so ist es keine rebellische Überlegung, die Kim Yong-sook zur Flucht treibt. «Ich hatte schlicht Hunger!», sagt sie, «wäre ich dort geblieben, wäre ich verhungert. Ich dachte, wenn ich so oder so sterbe, kann ich auch gut fliehen. Beides ist lebensgefährlich.» Auf die Frage, ob sie denn Menschen gesehen habe, die verhungert sind, antwortet sie entrüstet. «Was für eine Frage! Wenn ich die Leute nicht gesehen hätte, hätte mir das keine Angst gemacht. Aber ich sah sie tagtäglich. Das gab mir den Mut, zu fliehen.»

In dieser Zeit – Ende der Neunzigerjahre – war die Ernährungslage in Nordkorea katastrophal, bis zu einer Million Menschen starben an Unterernährung. Kim Yong-sook, mittlerweile verheiratet und Mutter von drei Kindern, will gemeinsam mit einer Nachbarsfamilie über den Grenzfluss Tumen nach China flüchten. Doch die Flucht misslingt. Der bestochene Grenzbeamte taucht nicht auf. Auf dem Rückweg werden sie entdeckt und verhaftet.

Die Fingernägel wachsen nicht mehr

Sechs Monate lang ist Kim Yong-sook inhaftiert. Eine Zeit, die man in nordkoreanischen Gefängnissen fast nicht überlebt. Zu Essen gibt es kaum etwas. Kim Yong-sook wird immer schwächer. «Ich beobachtete, wie meine Haut dünn und durchsichtig wurde, bis sie war wie Libellenflügel. Jede Rippe konnte ich zählen. An meinen Brüsten war es am deutlichsten sichtbar. Sie hingen nur noch wie ein Sack. Die Fingernägel haben aufgehört zu wachsen. Sie waren nur noch zur Hälfte vorhanden. Es tat fürchterlich weh.» Sie zeigt ihre Hände. Sieben Jahre dauerte es nach ihrer Entlassung, bis die Nägel wieder normal gewachsen waren.

Der Tod ist ein täglicher Gast. Erst stirbt Kims Nachbarin vor ihren Augen. Dann ihr Mann. «Einmal in der Woche durften wir nach draussen gehen. Da habe ich ihn jeweils gesehen. Und plötzlich war er nicht mehr da.» Niemand teilt ihr mit, ob, wann und woran ihr Mann gestorben ist. «Als politischer Verbrecher hast du kein Recht. Auch kein Recht, danach zu fragen.» Kurz bevor sie stirbt, wird Kim Yong-sook freigelassen. Am selben Tag wie ihr Sohn. «Wir gingen Hand in Hand aus dem Gefängnis heraus», sagt sie, «diesen Moment kann man gar nicht als Gefühl beschreiben. Man denkt nur: Ich lebe, und ich bin frei!»

Das Gefängnis hat bei Kim Yong-sook Spuren hinterlassen. «Ich war eine lebende Mumie» sagt sie. «Ich konnte kaum gehen, mich nicht aufrichten.» Ein Jahr dauerte es, bis sie wieder normal gehen und normal sprechen konnte. Ein halbes Jahr später wagt sie zum zweiten Mal die Flucht. Erneut ist es der Hunger, der sie dazu veranlasst, die riskante Flucht zu wagen. «Die Hungersnot wurde immer schlimmer», erzählt sie. Von der Regierung kriegt sie nur Maiskolben zugeteilt. Die einzige fleischhaltige Nahrung, die Kim in den eineinhalb Jahren gegessen hat, war eine Plazenta. Und auch an die kam sie nur mit viel Glück heran. Eine Frau im Dorf war schwanger und versprach ihr die Nachgeburt, damit sie etwas Fleisch essen könne. «Ich habe sie gewaschen, wie normales Fleisch zubereitet und gegessen.»

Es ist Winter, als Kim Yong-sook ein zweites Mal versucht, Nordkorea zu verlassen. Ihre Kinder sind unterdessen ebenfalls geflohen. Es gibt nichts mehr, was sie in Nordkorea hält. Unter ihren Füssen knirscht das Eis des gefrorenen Tumen-Flusses. Zwei, drei Minuten – so schätzt sie heute – dauert das Überschreiten der Grenze nach China.

«Das Verrückte war», sagt Kim Yong-sook, «ich kam lebendig rüber. Ich lebte, aber ich hatte keine gültigen Papiere, nichts. Sobald entdeckt worden wäre, dass ich ein Flüchtling bin, wäre ich Nordkorea ausgeliefert worden.» Werden die Flüchtlinge von den Behörden aufgegriffen, schafft China sie – entgegen internationalen Gesetzen – nach Nordkorea zurück. Dort erwartet sie: Gefängnis, Arbeitslager, Folter, Tod. Amnesty International beschreibt die Zustände als «drastische Form der Unterdrückung» und hält fest, dass die Menschenrechtssituation in Nordkorea zu den schlechtesten der Welt zählt. «China hat zwar die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet», sagt Amnesty, «stellt sich auf internationaler Ebene aber als Verfechter des Prinzips der Nichteinmischung dar.» Würde China den Flüchtlingen Schutz gewähren, würde dies, so Reto Rufer, «zu einem Exodus und damit der Erosion des nordkoreanischen Systems führen.»

Trotzdem fröhlich aussehen

Kim Yong-sook findet dank eines Kontakts in China Unterschlupf und entgeht so Menschenhändlern oder einer drohenden Rückschaffung. In einem chinesischen Haushalt arbeitet sie für Kost und Logis. Sie, die vor eineinhalb Jahren nicht mehr sprechen, kaum mehr gehen konnte. «Die Chinesen brauchten eine Arbeitskraft, keinen schwachen oder kranken Menschen. Egal, wie ich mich fühlte, ich musste fröhlich aussehen und die mir aufgetragenen Arbeiten erledigen. Es ging ums Überleben.»

Ein Vermittler ermöglicht Kim Yong-sook schliesslich, via Laos nach Thailand zu fliehen, wo sie Asyl in Südkorea beantragen kann. Inzwischen lebt sie mit ihren Kindern und Enkelkindern seit zehn Jahren legal in Seoul. «Äusserlich bin ich in Freiheit», sagt Kim Yong-sook, «aber alles, was ich erlebt habe, die Gefühle, die Gedanken, sie sind noch da. Tagsüber lebe ich in Südkorea, in der Freiheit. Doch in den Nächten bin ich wieder in Nordkorea. Ich frage mich, ob ich das je loswerde. Schliesslich habe ich fast 50 Jahre dort gelebt.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2016, 19:40 Uhr

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