Lebensgefährliches Disneyland

Mehr Bergsteiger als je zuvor erreichen den Gipfel des Mount Everest, auch dank billigerer Anbieter. Doch der Ansturm hat Folgen. Und nicht alle kehren zurück

Der gefährliche Khumbu-Eissturz oberhalb des Basislagers. Dieses Jahr erreichten 715 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest. Foto: Aaron Huey (Getty)

Der gefährliche Khumbu-Eissturz oberhalb des Basislagers. Dieses Jahr erreichten 715 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest. Foto: Aaron Huey (Getty)

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Es war die Saison der Rekorde am Mount Everest. Auch Eduard Wagner hatte vor, dort einen persönlichen Rekord aufzustellen: Der erfahrene Münchner Bergsteiger wollte so hoch wie möglich kommen ohne Sauerstoff, am besten ganz nach oben, wie einst Reinhold Messner. Ein ehrgeiziger Plan, der auf 8300 Metern scheiterte: 548 Meter unter dem Gipfel musste sich Wagner geschlagen geben. «Ich war langsamer als die Fliessgeschwindigkeit eines Gletschers», sagt der 40-Jährige. Also streifte er sich doch eine Maske über. Mit dem Sauerstoff sei er dann zum Gipfel gestiegen, «als ob mich auf einmal jemand von hinten angeschoben hätte». Eduard Wagner war Teil einer «Flash-Expedition», der kürzesten kommerziellen Expedition, die jemals auf den Everest gestiegen ist.

Dafür hatte sich Wagner acht Wochen vor der Abreise jede Nacht zu Hause in ein Zelt gelegt, das ihn durch den reduzierten Sauerstoffgehalt so schlafen liess wie im hohen Himalaja. Hinzu kam Training in Höhenkammern. So hat er für die tatsächliche Expedition am Berg nur vier Wochen gebraucht, sonst dauert sie zwei Monate. Und während andere üblicherweise zur Gewöhnung an die Höhe mehrmals vom Basiscamp zu den Hochlagern auf- und absteigen müssen, war Wagner nur einmal auf 7000 Metern Höhe. Akklimatisierung daheim und schneller rauf – dieses neue Konzept könnte das Höhenbergsteigen verändern. Und mehr Menschen auf den Everest bringen. Noch mehr.

Zum 22. Mal auf dem Gipfel

Die «Flash-Expedition» reiht sich ein in die diesjährige Erfolgssaison am Mount Everest, dem mit 8848 Metern höchsten Berg und Sehnsuchtsort der Welt. Bei ungewöhnlich milden Temperaturen erreichten an elf Gipfeltagen im Mai 715 Bergsteiger ihr Ziel, mehr als jemals zuvor: 476 von der Südseite und 239 von der Nordseite, darunter der Nepalese Kami Rita Sherpa. Er stand zum 22. Mal auf dem Gipfel und stellte damit einen neuen Rekord auf. Und Ani Lhakpa Sherpa brach mit ihrer neunten erfolgreichen Besteigung des Everest ihre eigene Bestmarke, keine andere Frau stand häufiger dort oben.

Doch egal wie kompakt die Vorbereitungen inzwischen sein können, die Expedition ist lebensgefährlich: Auch diese Saison starben fünf Menschen. Unter ihnen der Japaner Nobukazu Kuriki, der zum achten Mal versuchte, den Gipfel zu erreichen. 2012 verlor er dabei neun seiner Finger. Trotz allem sagt Alan Arnette, einer der wichtigsten Everest-Chronisten und erfolgreicher Höhenbergsteiger: Die Sicherheitssituation am Berg hat sich verbessert, wegen genauerer Wettervorhersagen, einer höheren Betreuungsquote der Ausländer durch Lastenträger und Begleiter vom Volk der Sherpa sowie durch die Verwendung von mehr zusätzlichem Sauerstoff.

Zu dieser Entwicklung passt, dass sich auch der Sauerstoffverbrauch erhöht hat. Der aktuelle Standard sind vier Liter pro Minute, doppelt so viel wie noch vor 16 Jahren. Dürfen also alle auf den Gipfel, die das Geld dazu haben? Gleiches Recht und gute Sicherheitsvorkehrungen für alle gelten offenbar nicht: Auf der tibetisch-chinesischen Nordseite werden strengere Massstäbe angelegt als auf der nepalesischen Südseite. Zumindest sollen im Norden möglichst nur erfahrene, selbstständige Bergsteiger in die Todeszone des Everest. So müssen chinesische Staatsbürger, bevor sie eine Zulassung für den Everest erhalten, die erfolgreiche Begehung eines anderen Achttausenders nachweisen. Die chinesischen Behörden wollen Unfälle aus Unerfahrenheit verhindern. Für andere Nationalitäten gilt diese Regel aber nicht. Hier tragen Veranstalter die Verantwortung für die Auswahl geeigneter Teilnehmer. Ab nächster Saison werden nur noch acht bis zehn etablierte Anbieter von den Behörden auf der chinesischen Nordseite zugelassen, die technisch anspruchsvoller ist.

Wichtige Industrie für Nepal

Eine strenge Regulierung wie in China ist in Nepal jedoch nicht umsetzbar. Zu sehr ist das bitterarme Land vom Tourismus in seinen Bergen abhängig. Reinhold Messner etwa hatte 2002 dem nepalesischen König vorgeschlagen, nur eine Expedition im Jahr zu erlauben – ohne Erfolg. Jedes Jahr reisen etwa 300'000 Menschen nach Nepal. Der Trekking- und Höhenbergsteig-Tourismus macht etwa 30 Prozent der Gesamtdevisen des Landes aus und ist somit der wichtigste Industriezweig.

«Ich bin überhaupt nicht gegen kommerzielle Expeditionen am Mount Everest», sagt hingegen Peter Hillary. Das gelte aber auch für die Alpen: «Wie würde die Bergsteigerwelt reagieren, wenn man nur noch zehn Leute pro Saison auf den Mont Blanc lassen würde?» Der 63-jährige Neuseeländer ist der Sohn des 2008 verstorbenen Sir Edmund Hillary, der gemeinsam mit Tenzing Norgay 1953 den Everest erstbestiegen hatte. Peter Hillary hat den Everest 1990 und 2002 selbst erklommen, diese Saison war er als Anbieter mit seinen Gästen lediglich am Basecamp auf der Südseite unterwegs. «Das Bergsteigen – egal wo – sollte so frei bleiben wie möglich», meint Hillary. Doch der Tourismus am Berg ist eben nicht frei von Problemen.

«Der Expeditionstourismus hat eine Form angenommen, die nicht mehr sozial verträglich ist», sagt Katharina Conradin, Präsidentin der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra. Zuvor war sie Geschäftsführerin von Mountain Wilderness Schweiz, die Organisation setzt sich für umweltverträglichen Bergsport ein. Die Expeditionen seien wie eine Invasion, die oft wenig mit der lokalen Kultur zu tun haben will, sagt Conradin. Die Hierarchie sei klar: zahlende Kunden auf der einen Seite und auf der anderen Sherpas als Träger, die quasi alles leisten müssen. Ausserdem bleibe ein Grossteil der Einnahmen nicht im Land, sondern flösse in die Länder der Anbieter ab. Hinzu komme die ökologische Dimension, die sich nicht nur auf die Abfallproblematik beschränke, sagt Conradin: «Der Bergtourist ist eigentlich sehr naturinteressiert, verursacht aber gleichzeitig durch die weite Anreise Emissionen.»

«Der Bergtourist ist eigentlich sehr naturinteressiert, verursacht aber gleichzeitig Emissionen.»

Und am Ziel wird es nicht besser: Höchste Müllhalde der Welt wurde der Mount Everest schon genannt. Seit dem verheerenden Erdbeben in Nepal 2015 hat sich die Situation am Berg wieder verschlechtert, vor allem ab Camp zwei auf der Südseite berichten viele von unhaltbaren Zuständen. Dort stapelten sich kaputte Zelte, leere Sauerstoffflaschen, zurückgelassene Ausrüstung und Verpackungen – manches davon liegt schon lange dort. Das mildere Klima in der diesjährigen Saison hat Überreste vergangener Jahrzehnte freigeschmolzen. Das grösste Problem sei aber aktuell nicht der Müll, der nach und nach vom Berg entfernt werde, sondern die menschlichen Exkremente, sagt Peter Hillary: «Es ist eine Schande.»

Im Basislager gibt es Toilettenzelte, in denen die Exkremente in grossen Tonnen aufgefangen und am Ende der Saison abtransportiert werden – in den vier (Südseite) respektive drei (Nordseite) Hochlagern nicht. Vorgesehen ist, dass Fäkalien in Säcken gesammelt und ins Tal getragen werden. Die Realität sieht anders aus: «Fäkalien liegen einfach überall verstreut», sagt Hillary.

Müllkaution in China

Sowohl in Nepal als auch China gelten eigentlich Regeln, die die Mitnahme jeglicher Hinterlassenschaften am Everest regeln. Diverse Aufräumaktionen haben schon mehrere Tonnen Abfall vom Berg gebracht – allein zwischen 2008 und 2011 mehr als 13 Tonnen Müll sowie 400 Kilo Exkremente. In diesem Jahr sollen auf der Nordseite seit April mehr als achteinhalb Tonnen vom Berg abtransportiert worden sein – bis 2020 folgen weitere Aufräumaktionen. Auch in diesem Punkt unterscheidet sich die Südseite stark von der Nordseite.

Zwar besteht die Pflicht, dass jeder Teilnehmer mehr Müll wieder mit hinabbringen muss, als er produziert. Aber in Nepal wird das kaum kontrolliert. Auf der tibetischen Seite ist das anders: Man zahlt eine Müllkaution von 5000 Dollar, die nur zurückerhält, wer acht Kilo Abfall mit herunterschleppt – das sind zwei bis drei Kilo mehr, als ein durchschnittlicher Bergsteiger selbst verursacht. Unten wird nachgewogen. Ist die Vorgabe nicht erfüllt, sind Geldstrafen fällig, pro Kilo 20 Dollar, und der Veranstalter riskiert den Entzug der Lizenz für Everest-Expeditionen. Da zahlen Anbieter lieber Sherpas dafür, den Müll nach unten zu tragen.

Dass erschöpfte Bergsteiger Material zurücklassen, kann man vielleicht noch nachvollziehen – doch Menschen in Not? Es gibt immer wieder Fälle, in denen Menschen einfach sich selbst überlassen werden. «Zu Zeiten meines Vaters wäre das undenkbar gewesen», sagt Peter Hillary. Menschen in Not zu helfen, gehörte zur Bergsteigerehre. Heute sei es anders.

Trotz der Lebensgefahr und der hohen Kosten bleibt der höchste Berg ein Touristenmagnet.

Als der Brite David Sharp 2006 am Mount Everest starb, zogen viele Everest-Besteiger an ihm vorbei, ohne ihm zu helfen. Darunter auch der zweifach beinamputierte Neuseeländer Mark Inglis, der mit seiner Besteigung einen Rekord brach. Unmenschliches Verhalten passiere aber überall, sagt Peter Hillary, auch in der Stadt. Wie oft seien schon am Boden liegende Menschen gestorben, weil niemand zu Hilfe kam. Weil niemand von seinem Weg abweichen, sein Ziel aufgeben wollte. «Genau diese Verhaltensweisen treten auch am Mount Everest auf», sagt Hillary. Aber es sei nur ein kleiner Teil der Bergsteiger, der so handele. Die meisten stellten ihren Gipfelerfolg nicht über das Leben anderer Menschen, meint Hillary.

Trotz der Lebensgefahr und der hohen Kosten bleibt der höchste Berg ein Touristenmagnet. Auf der Nordseite errichten die Chinesen aktuell ein Bergsteigerzentrum, das zwölf Fussballfelder gross werden soll. Es liegt in Gankar, etwa 30 Kilometer vor dem Basecamp. «Die Chinesen machen aus dem Everest eine Art Disneyland», beklagt Alan Arnette. Aber diese Kommerzialisierung finde nicht nur im Himalaja statt, sondern auch in den Alpen, den Anden und am Denali – nur würden Regulierungen hier stärker umgesetzt.

Fest steht: Am Mount Everest muss sich etwas ändern, damit aus der höchsten Müllkippe der Welt wieder ein Berg wird.

Erstellt: 14.07.2018, 21:28 Uhr

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