Zum Hauptinhalt springen

Macao ist Chinas wohlerzogene Tochter

Seit Peking Macao erlaubt hat, alles auf Kasinos zu setzen, gedeiht die Region. Rebellion gibt es nicht, besorgt ist die Volksrepublik dennoch.

Das Business mit den Kasinos blüht: Macau. (Archivbild)
Das Business mit den Kasinos blüht: Macau. (Archivbild)

Wer verstehen will, was Macao für ein Ort ist, dieser seltsame Zipfel Erde an der südchinesischen Küste, der muss eine Nacht im Kasino von Yves Chao verbringen. An einem Roulettetisch verspielt ein Mann aus Fujian gerade ein Vermögen. An der Bank stehen junge Chinesinnen und tauschen bündelweise rote Mao-Geldscheinchen. Die Halle mit dem runtergetretenen Teppich, das ist Yves Chaos Reich.

Die Mittfünfzigerin ist nicht die Chefin des Kasinos, aber nur noch ein, zwei Schritte davon entfernt. Ihr richtiger Name spielt keine Rolle, und so spricht sie etwas freier über das Geschäft in der chinesischen Sonderverwaltungszone, in der das Glücksspiel mit einem Jahresumsatz von umgerechnet rund 38 Milliarden Franken zur mit Abstand wichtigsten Branche gehört. Jeder sechste Einwohner arbeitet in der Industrie. Seit die zahlungskräftigen Gäste aus Festlandchina kommen, verspielen sie an Chaos Tischen häufig mehr als 20-mal so viel wie früher.

Chao selbst sass nur wenige Male an einem Tisch – und verspielt nie mehr als 200 Macao-Pataca, 24 Franken. Glücksspiel, das ist in Macao verpönt. «Wir sind nicht stolz, ein Paradies für Spieler zu sein», sagt Chao. Aber Macao sei zu klein für eine andere wettbewerbsfähige Industrie. «Die Zentralregierung in Peking hat uns mit der Lizenz fürs Glücksspiel enorm unterstützt.»

Plastikchips und Palmen

Nur eine Stunde mit der Fähre entfernt vom beschaulichen Macao liegt die Finanzmetropole Hongkong. Seit dort die Menschen in den Häuserschluchten für ihre Freiheit kämpfen, steht plötzlich auch das benachbarte Spielerparadies im Fokus. Zwei Jahre nach Hongkong feierte die Region kürzlich den 20. Jahrestag der Übergabe der ehemaligen portugiesischen Kolonie, mit der damals die Zeit europäischer Kolonien in Asien endete.

Macao zählt weniger als eine Million Einwohner. Trotzdem scheint die Sorge in Peking gross zu sein, dass der Protest auch in die Glitzerwelt von Plastikchips und Palmen schwappen könnte. Dass das nächste Pulverfass zu entstehen droht, das im Geheimen das Komplott plant gegen Chinas Mächtige.

Peking will mit einem neuen Aktionsplan die Sonderverwaltungszone weniger abhängig machen vom süssen Gift des Glücksspiels. In Macao, an Yves Chaos Tischen, spürt man wie fast an keinem anderen Ort den Puls der Weltkonjunktur. Jede Krise, jeder Crash schlägt sich sofort in den Kasinokassen nieder.

Schlag ins Gesicht für Hongkong

In den nächsten Jahren könnte Macaos Wirtschaft durch das sich abschwächende Wachstum Festlandchinas sogar schrumpfen. Deshalb will die Zentralregierung nun beispielsweise einen neuen Börsenplatz eröffnen. Das ist nicht nur ein Geschenk für die wohlerzogenere Tochter unter den zwei Ex-Kolonien. Es ist vor allem ein Schlag ins Gesicht der rebellischen Finanzmetropole Hongkong.

Die Strassenschilder in Macao sind bis heute auch auf Portugiesisch beschriftet. Aber während die Briten bis zum letzten Tag in Hongkong regierten, hatten die Portugiesen bereits Jahrzehnte vor der Übergabe Schwierigkeiten, überhaupt die Kontrolle über ihre Kolonie zu behalten. Lange vor 1999 regierte Peking de facto in Macao mit. Als Hongkong 1997 die Übergabe an Festlandchina feierte, galt die Stadt als der Ort mit der höchsten Rolls-Royce-Dichte. Am Wochenende traf man sich zum Pferderennen. Viele fühlten sich den verarmten Festlandchinesen überlegen.

Las Vegas Asiens

In Macao sei das anders gewesen, erzählt die Abgeordnete Lam Iok Fong, die im zahnlosen, nur teildemokratischen Parlament der Sonderverwaltungszone sitzt. Als sie klein war, arbeitete Lam mit ihrer Schwester in einer Fabrik, die Cocktailschirmchen und Plastikblumen produzierte. Nicht einmal drei Prozent der Macaoer hatten einen Schulabschluss. Die portugiesischen Kolonialherren hätten nie wirklich in die wirtschaftliche Entwicklung der Region investiert.

Glücksspiel hat zwar eine lange Tradition in Macao, aber erst durch die lockereren Regeln für Kasinobetreiber, die China nach der Übergabe anordnete, ging es wirtschaftlich aufwärts. 1999 lag das Pro-Kopf-Einkommen bei rund 15'000 Franken. Inzwischen ist es auf mehr als 112'000 Franken gestiegen. Macao wurde mithilfe Pekings zum Las Vegas Asiens. Die Kommunisten haben Macao den Wohlstand gebracht.

Digitale Überwachung

Die chinesische Sonderverwaltungszone wird ähnlich regiert wie Hongkong. Es gilt das Prinzip «Ein Land, zwei Systeme». Das Internet ist frei, die Justiz weitestgehend unabhängig. Die Regierung wird zwar von prochinesischen Wahlmännern bestimmt, die nicht unabhängig sind, ansonsten gelten aber viele freiheitliche Grundrechte.

Peking ist offiziell nur für Landesverteidigung und Aussenpolitik zuständig. Im Hintergrund drängt es aber auf mehr patriotische Erziehung, schärfere Sicherheitsgesetze und digitale Überwachung. Seit der prodemokratischen Regenschirm-Bewegung in Hongkong 2014 hat die Zentralregierung den Druck auch in Macao deutlich erhöht. Widerstand gibt es im satten Macao kaum.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch