Malaysia jagt den Superdieb

Für den abgewählten Premier Najib wird es eng: Nach stundenlangen Razzien hat die Polizei Hunderte Kisten und Luxustaschen vollgestopft mit Schmuck, Geld und Uhren beschlagnahmt.

Nach der Razzia: Beschlagnahmtes Material aus einem Wohngebäude von Ex-Regierungschef Najib in Kuala Lumpur. Foto: Reuters

Nach der Razzia: Beschlagnahmtes Material aus einem Wohngebäude von Ex-Regierungschef Najib in Kuala Lumpur. Foto: Reuters

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Malaysias Ex-Premier und seine Frau sollen eine fabelhafte Schmucksammlung besitzen. Eines der prunkvollsten Stücke: ein 22-Karat-Diamant-Collier, dessen Steine rosa leuchten. 27,3 Millionen Dollar hat es gekostet, wie amerikanische Ermittler herausgefunden haben.

Das US-Justizministerium jagt den malaysischen Milliarden schon seit 2016 hinterher; zwei Zivilklagen hat der Staat erhoben, um Schmuck, Immobilien und andere Luxusgüter im Wert von 1,7 Milliarden Dollar zu beschlagnahmen. Sie alle wurden angeblich illegal aus gestohlenen Mitteln eines malaysischen Staatsfonds finanziert. Auffällig oft fällt in den Papieren der Name «Malaysia Official 1». Er taucht nicht als Angeklagter auf, dieser Staatsbeamte Nummer 1, die Klage zielt auf kleinere Fische. Aber «MO1» ist äusserst präsent in der Akte um gestohlene Milliarden, um sündteure Gemälde, funkelnde Steine, Jets und Luxusjachten.

Bei «Malaysia Official 1» handelt es sich um keinen anderen als Najib Razak, jenen Mann, der bis vorige Woche noch Regierungschef in Kuala Lumpur war. Als Premier hatte er Betrugsvorwürfe stets von sich gewiesen. Er liess den Generalstaatsanwalt feuern und sorgte immer und überall dafür, dass kein Staatsdiener grösseren Ehrgeiz entwickelte, den Schleier um die dubiosen Finanzen zu lüften. Ermittlungen im Ausland waren lästig, konnten ihn aber nicht gefährden. Das hat sich nun über Nacht geändert, Najib ist durch den überraschenden Wahlsieg der Opposition entmachtet worden. Sein Versuch, im Privatjet abzudüsen, scheiterte. Und nun geht alles sehr schnell.

Staatliche Panzerknacker

Bei mehreren Razzien im Büro Najibs, in seiner Residenz und einigen Apartments sammelten Fahnder ein, was verdächtig erschien. Vor allem sicherten sie 284 Boxen, in denen sich Handtaschen befanden, Marken wie Luis Vuitton und Hermès Birkin, vollgestopft mit Schmuck, Geld, Uhren. Ein Anfang, aber vermutlich noch lange nicht das Ende. Schliesslich geht es um den Verdacht umfangreicher Staatsplünderung.

Wie viel das nun wert ist, vermochte Amar Singh, Chef der Abteilung für Wirtschaftskriminalität, zunächst nicht zu sagen, sie müssten die Boxen erst sichten. «Es ist ja sehr viel Schmuck», sagte er. In einer Wohnung rückten staatliche Panzerknacker an, um einen Safe aufzubohren; sie dröhnten stundenlang, sodass sich Nachbarn über den Lärm beschwerten. Der neue Premier Mahathir Mohamad legt mit seinen 92 Jahren ein rasantes Tempo vor, zumindest in der Causa Najib. Dieser muss damit rechnen, dass nun sehr viele Finanzströme durchleuchtet werden, auch der Weg jener 681 Millionen US-Dollar, die schliesslich auf einem seiner Privatkonten gelandet waren. Angeblich hat er sie von den Saudis als Schenkung erhalten und wieder zurückgezahlt. Fahnder vermuten eher, dass der Transfer mit den Plünderungen des Staatsfonds zusammenhängt, der Skandal zählt inzwischen zu den grössten bekannt gewordenen Korruptionsaffären Südostasiens. 4,5 Milliarden Dollar gelten als versickert.

Illegale Mittel auch bei «The Wolf of Wall Street»

Die kalifornische Staatsanwältin Sandra Brown beklagte schon 2017 die «erstaunliche Gier einiger weniger Leute», die sich an Mitteln für das malaysische Volk vergriffen hätten. Erste Erfolge konnten die Ermittler bereits verbuchen, als Najib noch regierte, sie machten manche verblüffende Entdeckung. So musste Filmstar Leonardo DiCaprio einen geschenkten Picasso zurückgeben, «Nature morte au crâne de taureau», ein Werk von 1939. Angeblich hatte der Schauspieler keine Ahnung davon, dass das Gemälde mit gestohlenem Geld gekauft worden war. Ausserdem kam heraus, dass auch in den Film «The Wolf of Wall Street» erschwindelte Mittel geflossen waren; die Produktionsfirma muss 60 Millionen Dollar an den US-Staat zahlen, der die beschlagnahmten Mittel wiederum an die Geschädigten zurückleiten wird.

Premier Mahathir will möglichst grosse Summen ins Land zurückholen, er sieht das als Erfüllung seines Wahlversprechens. Für den Star DiCaprio blieb es zunächst beim Imageschaden, weil er ein Geschenk von einer zwielichtigen Gestalt angenommen hatte, für die sich die Ermittler besonders interessieren: Es geht um den Malaysier Low Taek Jho, der wiederum mit dem Filmproduzenten Riza Aziz befreundet ist. Die beiden fädelten offenbar viele zweifelhafte Transfers ein. Und über sie führt die Spur in die obersten Kreise der früheren malaysischen Regierung. Aziz, der eine Filmfirma betreibt, ist der Stiefsohn von Ex-Premier Najib, Schöpfer des besagten Staatsfonds.

Ermittlungen in der Schweiz

Millionär Jho ist nun immerhin seine 250-Millionen-Dollar-Jacht Equanimity los, sie wurde im Zuge des US-Verfahrens auf der Insel Bali beschlagnahmt. Jho allerdings behauptete noch im März steif und fest, dass er nichts zu verbergen habe und nur Opfer sei, «gefangen im Kreuzfeuer der malaysischen Politik». Auch in der Schweiz und in Singapur laufen Ermittlungen, sie dürften neuen Schub erhalten, nachdem Najib nicht mehr die Macht hat, Geldflüsse zu verschleiern.

Mahathir, der schon einmal 22 Jahre lang Malaysia regierte, bevor er am 10. Mai erneut vereidigt wurde, hat das Patronage-System der nationalistisch-malaiischen Partei Umno einst selbst mit aufgebaut. Doch es sieht so aus, als habe besonders sein Nachfolger Najib keinerlei Schranken mehr gekannt. Und seine Gattin Rosmah schien es sehr zu geniessen, wenn sie Steinchen am Ohr funkeln lassen oder eine dicke Uhr zur Schau stellen konnte.

Mahathir gibt unterdessen den Anti-Najib; zu Beginn des Fastenmonats Ramadan erschien er in einfachen Sandalen, geschätzter Preis auf dem Markt: rund drei Franken. So freuten sich denn viele über das Bild vom neuen, bescheiden auftretenden Premier. «Er braucht kein Gucci und kein Hermès», lobte ein Fan in den sozialen Medien. Mahathir ist auf seine alten Tage noch immer Profi in der Imagepflege. Hart, aber genügsam – das kommt an im neuen Malaysia, das nun seine grossen Diebe jagt.

Erstellt: 18.05.2018, 23:43 Uhr

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