Lebendig begraben – weil sie ein Mädchen ist

Abgründe der indischen Gesellschaft: Ein Baby wurde vor dem Tod gerettet – zufällig, in letzter Sekunde. Die Tat ist bei weitem kein Einzelfall.

Aufklärungsarbeit: Plakat einer Kampagne gegen gezielte Abtreibung von Mädchen in der indischen Hauptstadt Delhi. Foto: Reuters

Aufklärungsarbeit: Plakat einer Kampagne gegen gezielte Abtreibung von Mädchen in der indischen Hauptstadt Delhi. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hitesh Kumar Sirohi und seine Ehefrau waren gerade dabei, auf dem Friedhof ein Grab auszuheben. Da stiessen sie in einem Meter Tiefe auf: Leben. Mit der Schaufel trafen sie ein vergrabenes Gefäss aus Ton. Eilig gruben sie den Topf aus der Erde und fanden darin ein neugeborenes Mädchen. Es schrie.

Sirohi und seine Frau Vaishali suchten schnell nach einem Tuch und tränkten es mit Milch, um das geschwächte Mädchen zu füttern. Das Kind musste erst Minuten zuvor vergraben worden sein, sonst wäre es kaum noch am Leben gewesen. Inzwischen kümmern sich Ärzte in einer Klinik um das Kind. Es ist etwa fünf Tage alt. Die Schwestern nennen sie Sita. Ihr Zustand galt am Dienstagabend als kritisch. Ob das Neugeborene überlebt, ist unklar.

Fahndung nach den Eltern

Indische Medien beschreiben den Fall als wundersame Rettung in letzter Sekunde. Aber das Verbrechen erinnert auch an die tiefsten Abgründe einer patriarchalischen Gesellschaft in Erinnerung: Mädchen werden weggeworfen, weil sie Mädchen sind.

Polizist Abhinandan Singh aus Bareilly schilderte, wie die Familie Sirohi das Kind im Tontopf fand, doch wichtige Fragen blieben zunächst ungeklärt, vor allem: Wer sind die Eltern? Wer vergrub das lebende Mädchen? Und wie kam es, dass der Händler Sirohi und seine Frau ausgerechnet an jener Stelle ein Grab für ihre eigene Tochter zugewiesen bekamen? Das Paar hatte sein Kind kurz zuvor nach einer Frühgeburt verloren. Sie waren auf dem Friedhof, um ihr totes Kind in die Erde zu betten – und stiessen stattdessen auf den Tonkrug. Zu diesem ausserordentlichen Zufall machte die Polizei zunächst keine Angaben. Sie fahndet noch nach den Eltern des kleinen Mädchens.

Gerettet: Die kleine Sita. Foto: PD

Indien hat Gesetze, wonach es verboten ist, das Geschlecht eines ungeborenen Kindes zu bestimmen oder auch selektive Abtreibungen weiblicher Föten vorzunehmen. Dennoch wird in vielen Gegenden heimlich untersucht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen wird. Eine Studie des britischen Medizinjournals «The Lancet» war im Jahr 2011 zu dem Schluss gekommen: «Selektive Abtreibungen in Indien haben erheblich zugenommen.» Demnach wurden seit 1980 bis zu 12 Millionen weibliche Föten in Indien abgetrieben. Aber es kommt auch vor, dass schon geborene Mädchen einfach irgendwo ausgesetzt werden. Oder im schlimmsten Fall, wie die kleine Sita, einfach lebend vergraben werden.

Problem der Mitgift

Daten aus den Jahren 2015 bis 2017 deuten darauf hin, dass der Staat Indien Verbrechen dieser Art noch immer nicht in den Griff bekommt. Auf 1000 geborene Buben kamen jeweils nur 896 Mädchen. Im Sommer 2019 wurden Zahlen aus dem Bundesstaat Uttarakhand bekannt, die zeigten, dass in 132 Dörfern innerhalb von drei Monaten kein einziges Mädchen zur Welt gekommen war. Erst im Januar hatten Bewohner im Bundesstaat Rajasthan ein drei Wochen altes Mädchen entdeckt, das bei lebendigem Leib begraben worden war. Sie brachten die Kleine ins Spital, wo sie einige Wochen später aber starb.

Im Bundesstaat Haryana jagt die Polizei illegalen Abtreibungsambulanzen hinterher, Busse, die im Inneren mit Ultraschallgeräten ausgestattet sind und heimlich ihre Kundschaft an Bord nehmen. Danach entscheiden die Eltern, ob sie ihr Kind haben wollen oder nicht.

Experten prangern an, dass das System der Mitgift in Indien immer noch dazu beiträgt, dass Mädchen in Familien als Last und Knaben als Investition in die Zukunft betrachtet werden. Bei der Hochzeit bringt die Braut Schmuck, Gold, Geld, Möbel oder Immobilien in die Familie des Bräutigams ein. Der Staat hat den Brauch längst verboten, doch die gesellschaftlichen Erwartungen sind geblieben, und viele haben nicht die Kraft, sich ihnen zu entziehen. Die Kosten können eine Familie, die mehrere Töchter hat, ruinieren.

Erstellt: 15.10.2019, 20:59 Uhr

Artikel zum Thema

Lebendig Begrabene stirbt nach 11 Tagen im Sarg

In Brasilien ist eine 37-Jährige fälschlicherweise für tot erklärt worden. Später hörten Anwohner eines Friedhofs ungewöhnliche Geräusche. Mehr...

«Wer den Mund aufmacht, wird eingesperrt»

Reportage Seit Indien im August der Region Kashmir die Autonomie entzogen hat, berichten Zeugen von schweren Repressionen. Mehr...

Dieser reiche Inder erklärt, warum es harzt mit der Schweiz

Seit elf Jahren arbeiten Delhi und Bern an einem Freihandelsabkommen. Eine Reise durch Indien zeigt die Probleme. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...