Marxisten gegen Marxisten

Vor 40 Jahren begann der Chinesisch-Vietnamesische Krieg, der für die Angreifer ziemlich desaströs endete. Er war ein Zeichen für Chinas Weltmachtstreben.

Die kampferprobten Vietnamesen, die erst Frankreich und direkt danach der Supermacht USA widerstanden hatten, schickten überwiegend Milizen in den Kampf. Bild: Getty Images

Die kampferprobten Vietnamesen, die erst Frankreich und direkt danach der Supermacht USA widerstanden hatten, schickten überwiegend Milizen in den Kampf. Bild: Getty Images

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Man müsse ihnen «eine Lektion erteilen», die sie nicht vergessen, schimpfte Deng Xiaoping erbost. Er war 1979 gerade für einige Tage auf einer Reise in den USA. Erst wenige Wochen zuvor hatten Washington und Peking die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen verkündet. Nun hatte Deng die Wut erfasst. Peking werde Hanois «imperialistische Träume» nicht akzeptieren, tobte Chinas neuer starker Mann. Anstatt nach Jahrzehnten der Isolation alles daranzusetzen, die Weltgemeinschaft von den friedlichen Absichten Pekings zu überzeugen, Vertrauen in den neuen Partner zu stärken und damit die dringend benötigten Investitionen ins Land zu holen, liess die Volksrepublik China nur wenige Tage nach Dengs Wutanfall ihre Soldaten in Vietnam einrücken. Es war der 17. Februar 1979.

Die Amerikaner traf die Nachricht völlig unvorbereitet. Die beiden kommunistischen Staaten galten als enge Verbündete. «China und Vietnam sind durch Berge und Flüsse so eng wie ­Lippen und Zähne», hatte Peking erklärt. Man sei «Bruder und Kamerad». Nach Stalins Tod 1953 arbeitete China an der Stärkung des sozialistischen ­Lagers in Asien, versprach Nordkorea Hilfe beim Wiederaufbau, unterzeichnete ein Wirtschaftsabkommen mit der Mongolischen Volksrepublik und hatte schon in den frühen Fünfzigerjahren Verbindungen zu den nationalkommunistischen Rebellen in Vietnam geknüpft, die im Kampf gegen die Besetzermacht der Franzosen Hilfsgüter gut gebrauchen konnten.

Der Krieg war kurz, aber verlustreich: Vietnamesische Flugabwehrtruppen im Februar 1979. Foto: Gamma-Rapho (Getty Images)

Um die Einheiten des legendären ­vietnamesischen Revolutionsführers Ho Chi Minh versorgen zu können, baute China im Süden entlang der Grenze zu Vietnam Strassen und Eisenbahnschienen aus. Während die Franzosen Unterstützung aus Washington erhielten, half China dem Nachbarland, den Konflikt finanziell zu überstehen. Die Teilnahme des Premierministers Zhou Enlai 1954 an der Genfer Indochina-Konferenz war Chinas erster Auftritt als Vermittler auf internationaler Bühne. Der mithilfe Zhous verhandelte Kompromiss sprach der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh) einen unabhängigen Staat im Norden des Landes zu. Anschliessend trotzten Nordvietnam und die kommunistischen Vietcong, auch von China unterstützt, viele Jahre lang der geballten Macht der USA und triumphierten schliesslich 1975.

Masslose Enttäuschung

Doch dann begann die Sowjetunion, das wiedervereinte Vietnam zu stärken und seine Flottenpräsenz auszubauen, um den eigenen Einfluss in Südostasien auszuweiten. Im November 1978 schlossen Hanoi und Moskau einen Freundschaftsvertrag. Vietnam marschierte in Kambodscha ein und stürzte das Regime der Roten Khmer. Damit weitete das Land seine Macht in Indochina aus. Die Wut Chinas über die Neuorientierung Vietnams hin zur Sowjetunion, mit der die Volksrepublik lange schon gebrochen hatte, war masslos.

Bis heute sei es trotzdem schwer zu verstehen, was Pekings Führung im Frühjahr 1979 zu dem aggressiven Überfall getrieben habe, schreibt Xiaoming Zhang vom Air War College in Alabama. Sicher scheint zu sein, dass Pekings Führung das Regime in Hanoi mit der «begrenzten Strafaktion» in die Schranken weisen wollte. Monatelang hatten sich die beiden Länder Scharmützel an der gemeinsamen Grenze geliefert. In Vietnam litten viele Chinesen nach Berichten der chinesischen Staatsmedien unter Übergriffen durch das Ho-Chi-Minh-Regime, das die chinesische Minderheit im Land mit rüden Attacken piesackte und Tausende zur Flucht zwang.

Die Soldaten waren so schlecht ausgerüstet, dass sie teilweise in Sandalen kämpften.

Nach den Reformen in der Landwirtschaft, der Wissenschaft und der Industrie wollte Chinas Regierung nun beweisen, dass dem Land die vierte der Modernisierungen gelungen war, die das Regime nicht lange nach der Einbalsamierung Mao Zedongs verkündet hatte: die nationale Verteidigung. Als kurzen, aber harten Schlag hatte Peking den Angriff geplant. Mit schätzungsweise 160'000 Mann entlang der gesamten Grenze griffen Chinas Truppen in drei Armeegruppen an. Insgesamt 200'000 Soldaten, Hunderte Panzer und 700 Kampfflugzeuge schickte Peking in den folgenden Wochen in den Kampf. Es war der erste grosse Kriegseinsatz der chinesischen Volksbefreiungsarmee nach mehr als einem Vierteljahrhundert, seit dem Koreakrieg. Zwar war das Land bereits 1962 in Grenzkonflikten mit Indien verstrickt gewesen und sieben Jahre später mit der Sowjetunion. Doch ging bei dem Angriff im Morgengrauen die Aggression von China aus. Es widerlegte damit die Behauptung der marxistischen Ideologie, dass Krieg eine Folge von Kapitalismus und Imperialismus sei – und sich kommunistische Staaten nie bekämpfen würden. Nun schaute die erstaunte Welt auf einen «marxistisch-marxistischen Krieg».

Kotau vor dem Kaiser

Möglicherweise war der Angriff schlicht der übliche Reflex einer hegemonialen Grossmacht, ob kommunistisch oder nicht. Über Jahrtausende hatten Chinas Kaiser Vietnam immer wieder besetzen lassen. Die Feindschaft zwischen den Ländern geht tief. Noch heute sind in Vietnam die Nationalhelden solche, die im Kampf gegen den mächtigen Nachbarn starben. China war in Asien die längste Zeit – wie der Saturn von seinen Ringen – von Ländern umgeben, die «eifrig ihre Abhängigkeit vom Sohn des Himmels bezeugten und ihm wie Vasallen Tribute darbrachten», wie die Historikerin Marina Warner schreibt. Peking herrschte nicht nur mit einer schlagkräftigen Armee, sondern auch mit «Sitte und Symbolik», wie der Sinologe Jonathan Spence erklärt: Staaten wie Vietnam mussten sich einer unterwürfigen Sprache bedienen, den rituellen Kotau vor dem Kaiser vollbringen und Tribut zahlen. Im Gegenzug durften sie Handel mit China treiben. Erst mit dem Untergang der chinesischen Qing-Dynastie, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts bestand, ging das Tributsystem verloren. Vietnam war französische Kolonie. Eine Demütigung für Peking, hatte es doch die Europäer lange als kulturlose Barbaren missachtet.

China, das sich gerade erst aus den Wirren der Kulturrevolution befreit und die Öffnungs- und Reformpolitik im Dezember 1978 verkündet hatte, sollte sich nun erneut demütigen lassen? Wollte China auf einer Stufe mit den USA und der Sowjetunion stehen, durfte es sich, so die Logik seiner kommunistischen Machthaber, einen solchen Gesichtsverlust nicht leisten. So waren die ersten Schüsse am Morgen des 17. Februar auch eine Botschaft an Moskau, sich aus Chinas Hinterhof herauszuhalten. Die Zeiten, in denen das Ausland das Schicksal der Nation bestimmte, waren aus Pekings Sicht endgültig vorbei. Als die Nachricht des Krieges den Kreml erreichte, reagierte Moskau heftig: «Die herrschenden Kreise in Peking sollten einhalten, bevor es zu spät ist.» Das Staatsmedium «Prawda» veröffentlichte ein Gedicht mit dem Titel «Die Wahnsinnigen». Für das Land war der Krieg ein propagandistisches Geschenk. Immerhin hatte Moskau den verstossenen kommunistischen Bruder stets als übel und kriegslüstern diffamiert. Das schien sich nun zu bestätigen.

Auch wenn die chinesischen Truppen bis zu 40 Kilometer tief vorstiessen und in mehreren Grenzregionen wüteten: Es folgte fast ein Monat der Schmach für die einst so stolze Volksbefreiungsarmee, die 1927 als bewaffneter Arm der Kommunistischen Partei Chinas gegründet worden war. Die Soldaten waren so schlecht ausgestattet, dass sie teilweise in Sandalen kämpften. «Fett geworden» seien die Streitkräfte, klagte Deng. Die kampferprobten Vietnamesen, die erst Frankreich und direkt danach der Supermacht USA widerstanden hatten, schickten überwiegend Milizen in den Kampf. Die Hauptstreitkräfte soll Hanoi in der Reserve behalten haben.

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Am 16. März erklärte China schliesslich den Sieg und trat den Rückzug an. Einen Friedensvertrag gab es nicht. Die Bilanz auf chinesischer Seite war niederschmetternd: 26'000 Tote, 43'000 Schwerverletzte. Vietnam beklagte allein 10'000 zivile Opfer. Bis heute spricht Peking von «Selbstverteidigung» als Antwort auf die «hegemonischen Ambitionen und Provokationen an der Grenze». Insgesamt wurde der unrühmliche Krieg verdrängt.

Im Westen veränderte er nur kurzzeitig die Sicht auf das Regime. Der Überfall auf den kleinen roten Bruder habe nicht so recht in das Bild des neuen China passen wollen, schreibt Kai Vogelsang von der Universität Hamburg. So geriet der Krieg bei westlichen Politikern schnell in Vergessenheit, und er war dann kein Hindernis für Chinas Aufstieg zur Grossmacht der Gegenwart. Der Westen, so Vogelsang, war «hypnotisiert von Umsatzzahlen und Wachstumsprognosen», die der chinesische Markt versprach.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.02.2019, 18:31 Uhr

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