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«Meine Enkel haben mit den Kindern im Haus gespielt»

Die Einwohner von Abbottabad wundern sich darüber, wie lange Osama Bin Laden unbemerkt in ihrer Stadt wohnen konnte. Einzelne Nachbarn berichten über Kontakte mit der Entourage des Terrorfürsten.

Als sie die Wachen auf die luxuriösen Geländewagen im Hof ansprach, nahmen sie zwar noch den von ihr verteilten Impfstoff für die 23 Kinder im Haus entgegen, schickten sie aber sofort weg, berichtet eine Frau, die wegen einer Impfkampagne an der Pforte zu Osama Bin Ladens Anwesen stand. Der Al-Qaida-Chef lebte jahrelang mit seiner Familie gut versteckt hinter den hohen Mauern auf einem Anwesen in der nordwestpakistanischen Stadt Abbottabad. Nach seinem Tod werden nun erste Einblicke in sein Leben sichtbar.

Obwohl das Haus, das als Versteck diente, gross ist, ist kaum vorstellbar, dass drei Dutzend Menschen darin komfortabel zusammenleben konnten. Die Nachbarn wussten offenbar nur wenig über die Bewohner des mit Stacheldraht bewehrten und mit Mauern umgebenen Areals. Offenbar gab es zwei Menschen, die sich für die Bewohner um die alltäglichen Dinge des Lebens kümmerten, Botengänge absolvierten und das Haus bei gesellschaftlichen Anlässen wie etwa Beerdigungen vertraten.

Beide sprachen mehrere Sprachen

Über die Identität der beiden machen die Einwohner der Stadt unterschiedliche Angaben. Einige kannten sie unter den Namen Tarik und Arshad Khan, zwei Cousins aus dem Nordwesten des Landes. Andere Nachbarn kannten sie unter anderen Namen und hielten sie für Brüder. Arshad war der ältere.

Beide sprachen mehrere Sprachen, darunter die in dem Teil Pakistans gebräuchlichen Sprachen Paschtu und Urdu. Einige der Bewohner Abbottabads können nicht glauben, dass der Al-Qaida-Führer jahrelang in ihrer Stadt gewohnt haben soll: «Wenn sie ihn getötet haben, hätten sie seine Leiche zeigen sollen», sagt ein Anwohner. Der Mann glaubt, dass die US-Truppen einfach einen Mann getötet hätten und danach behaupteten, es sei Bin Laden.

Baubeginn vor sieben Jahren

Vor etwa sieben Jahren hätten die Bauarbeiten für das Haus begonnen, berichten Nachbarn. Das mit bis zu sechs Meter hohen Mauern schwer befestigte Gebäude erregte ursprünglich die Neugier der Anwohner. Mit der Zeit habe sich aber der Glauben durchgesetzt, dort wohne einfach eine sehr religiöse und konservative Familie.

Die pakistanische Regierung wies Vorwürfe, sie habe verdächtige Anzeichen ignoriert, zurück. «Häuser mit solchen Grundrissen und Aufbauten sind (im Nordwesten) keine Seltenheit», teilte sie mit. Viele Häuser hätten entsprechend der Kultur der Privatheit und Verschwiegenheit der Anwohner hohe Mauern.

Das Versteck Bin Ladens wurde als Villa und als luxuriös beschrieben. Von aussen wirkte es, als sei es nichts Besonderes. Die hohen Mauern verhinderten den Einblick von aussen und die Fenster lagen versteckt. Trotzdem könnte Bin Laden wohl von einigen Orten im Garten aus den Blick auf die Berge genossen haben.

Weder Telefon- noch Internetverbindung

Nach US-Angaben verfügte das Haus weder über einen Telefon- noch über einen Internetanschluss, um das Risiko, belauscht zu werden, zu minimieren. Ausserdem verbrannten die Bewohner ihren Müll im Garten, damit er nicht abgeholt werden muss.

Die Nachbarn wussten nach eigenem Bekunden nicht, dass in dem Haus Ausländer lebten. Bin Laden und seine Familie sind Araber. Die Bewohner hätten das Gelände nur sehr selten verlassen, berichteten die Nachbarn.

Einmal habe ein Mann aus dem Haus sie bei Regen mit dem Auto zum Markt mitgenommen, erzählt die über 70-jährige Khurshid Bibi. «Meine Enkel haben mit den Kindern aus dem Haus gespielt und die Erwachsenen haben uns einmal Hasen geschenkt», sagt sie.

«Luden keine Armen ein»

Es gab allerdings auch Kritik an den Bewohnern des Hauses. «Die Leute in der Nachbarschaft waren dem Haus und seinen Bewohnern gegenüber misstrauisch», sagt der 45-jährige Bauer Mashood Khan. Es habe Gerüchte gegeben, es seien Schmuggler oder Drogendealer. «Die Menschen beschwerten sich, dass sie trotz des grossen Hauses nie die Armen einluden oder Almosen verteilten», sagte er.

Warum Bin Laden sich Abbottabad als Unterschlupf aussuchte, ist unklar. Er war jedoch nicht der einzige Al-Qaida-Funktionär, der dort Unterschlupf fand. Die damalige Nummer drei der Terrororganisation, Abu Faradsch al-Libi, lebte dort, bevor er 2005 in einer anderen Gegend festgenommen wurde. Auch der indonesische mutmassliche Terrorist Umar Patek wurde in einem Haus in Abbottabad aufgespürt.

In den pakistanischen Medien und auch auf den Strassen herrschte am Dienstag Misstrauen. «Das Haus war offensichtlich verdächtig», sagte Jahangir Khan, während er sich in Abbottabad eine Zeitung kauft. «Entweder haben unsere Geheimdienste vollständig versagt oder sie waren darin verwickelt», urteilt er.

dapd/mrs

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