Modi feiert fulminanten Triumph

Überraschung in Indien: Der Premier wird deutlich wiedergewählt. Er beschwört die Stärke seines Landes – von ihr sollen alle profitieren. Das wäre ein Novum.

«Indien hat erneut gewonnen», twittert der Wahlsieger; BJP-Anhängerinnen mit Modi-Masken feiern in Guwahati. Foto: AFP

«Indien hat erneut gewonnen», twittert der Wahlsieger; BJP-Anhängerinnen mit Modi-Masken feiern in Guwahati. Foto: AFP

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Schon am späten Vormittag dröhnen die Trommeln am Markt von Saket, junge Männer ziehen schreiend durch die Siedlung in der indischen Hauptstadt, sie schwenken die safranfarbenen Fahnen der BJP. Im Coffeeshop an der Ecke starren die Leute auf den Bildschirm, wo seit dem Morgen die Ergebnisse der nationalen Wahl tickern. Schon früh zeichnet sich bei der Auszählung ab: Narendra Modi wird einen fulminanten Sieg einfahren, die oppositionelle Kongresspartei und ihre Verbündeten sind geschlagen, der Premierminister wird weiterregieren.

Dass Modi es noch einmal schaffen würde, glaubten viele. Aber ein so deutlicher Sieg ist doch eine Überraschung, gerade angesichts der düsteren Lage am indischen Arbeitsmarkt. Doch wer an diesem Tag die Szenen auf der Strasse beobachtet, sieht nichts von der Tristesse und dem Frust, sondern nur das Freudenfest der BJP-Anhänger: Sie glauben an ihren Premier, sie scharen sich um diesen Mann, der ­ihnen immer noch Hoffnung spendet – trotz allem.

Er hat mehr als 200 Wahlveranstaltungen absolviert, kreuz und quer durch 27 indische Bundesstaaten. Er hat dabei rhetorisch eingedroschen auf die Opposition, wie sie es vorher kaum je erlebt hatte. Selbst die Körpersprache des Premierministers wirkte manchmal bedrohlich, weniger souverän als sonst; er wirkte angespannt, was manche dahin deuteten, dass sich Modi seines Sieges womöglich selbst gar nicht so gewiss war.

Die Partei ist wie eine Armee

Nun aber ist an seinem Triumph nicht mehr zu rütteln. 282 Sitze brauchten Modis BJP und ihre Bündnispartner, nach den Daten vom Donnerstagnachmittag steuerte das Lager des Premiers auf 345 Sitze zu; ein komfortabler Vorsprung, mit dem er nun in eine zweite Amtszeit geht. Rajyavardhan Singh Rathore, ein früherer Oberst und Abgeordneter der BJP, sagte im Moment des Triumphs, Modi führe seine Partei «wie eine Armee» und sein Sieg zeige allen: «Indien ist mächtig.»

Überall im Land strömen am Donnerstag BJP-Anhänger jubelnd zu den Wahlkampfzentralen ihrer Partei. Bei einem Triumphzug am Nachmittag feiern sie auch den Parteichef Amit Shah wie einen König. Shah ist Modis engster Vertrauter und hat ihm den Wahlkampf organisiert. Der Parteichef konnte dabei sehr viel Geld einsetzen und sich auf ein weit verzweigtes Netzwerk an der Basis stützen, dominiert von der Kaderorganisation der Hindu-Nationalisten, dem RSS.

Für die Nehru-Gandhi-Dynastie dürfte es sehr schwer werden, sich als Gegengewicht zur BJP noch zu behaupten.

Diese Kräfte haben ihre Wähler häufig mit antimuslimischen Parolen mobilisiert. Kritiker klagen über die spalterische Strategie, die BJP hingegen lässt sich auf diese Diskussionen gar nicht ein. Sie betont vielmehr, dass sie Wähler aus allen Schichten, über alle Kastengrenzen hinweg hinter sich scharte. Der Populismus dieser Partei zielt auf die grosse Mehrheit der Hindus im Land. Und solange diese zu Narendra Modi steht, hat er auch die scharfe Kritik der intellektuellen Schichten Indiens nicht zu fürchten, die in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen hat.

Von Rahul Gandhi, dem geschlagenen Führer der Kongresspartei, ist an diesem Tag lange nichts zu sehen, dann tritt er kurz vor die Journalisten, um seinem Rivalen zum Sieg zu gratulieren. Wie es sich für einen ­indischen Bürger gehöre, akzeptiere er die Entscheidung, sagt Gandhi. Was schieflief für den Kongress, wollte er in diesem bitteren Moment nicht erklären. Für die Nehru-Gandhi-Dynastie, die Indiens Politik über Jahrzehnte seit der Unabhängigkeit dominierte, dürfte es sehr schwer werden, sich als Gegengewicht zur BJP noch zu behaupten.

Vijay Jolly, einer der Führer der BJP, wehrte sich im Sender NDTV gegen Erklärungen, wonach Modi vor allem die Konfrontation mit Pakistan nutzen konnte. Kritiker des Premiers argumentieren, dass die Partei in der Krise eine nationalistische Frontstellung für die Wahl aufgebaut habe, nach dem Motto: Wer jetzt gegen Modi ist, der stellt sich zugleich gegen Indien.

Andere Strategie als 2014

Der Premier konzentrierte sich in seinen Wahlkampfreden auf die Bedrohung von aussen. Diese Strategie hob sich deutlich ab vom Rennen um den Wahlsieg 2014, als Modi noch stark auf den Gedanken abzielte, Indien für alle zu entwickeln. Damals brachte er immer wieder seinen eigenen Aufstieg vom Sohn eines Tee­verkäufers an die Spitze der Politik ins Spiel. Das sollte den Leuten vermitteln, dass auch sie eine Chance bekommen werden, sich aus der Armut zu lösen und sich nach oben zu arbeiten.

Vor der BJP-Zentrale in Delhi herrscht stundenlanger Jubel, das Gedränge unter den safranfarbenen Fahnen ist gewaltig, und alle warten auf Modi, ihren Helden. Doch dann bricht ein heftiges Gewitter mit Regen über die Hauptstadt herein, und das Unwetter beendet abrupt die ausgelassene Party. Sieger Modi kommt zwar, zieht sich jedoch ohne Ansprache zu einem Treffen seiner Partei zurück.

Einige Stunden zuvor hatte der Premier einen ersten Tweet abgesetzt: «Gemeinsam wachsen wir, gemeinsam blühen wir auf», schrieb er da. Narendra Modi ­beschwört die Stärke seines Landes, und er verspricht, dass alle daran teilhaben können. Und dann endet er mit dem Satz: «Indien hat erneut gewonnen.» Im Moment des Triumphs zeigt Premier Modi keinerlei Scheu, sich mit einem Volk von 1,3 Milliarden Menschen gleichzusetzen.

Erstellt: 23.05.2019, 20:09 Uhr

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