Mumbais tödliche Lebensader

In den Pendlerzügen und auf den Gleisen sterben täglich Menschen, weil sie aus dem Zug fallen oder überfahren werden.

Irgendwie mitkommen – das ist das Wichtigste. Es ist ein tägliches Spiel mit dem Leben. Foto: Kevin Frayer (AP, Keystone)

Irgendwie mitkommen – das ist das Wichtigste. Es ist ein tägliches Spiel mit dem Leben. Foto: Kevin Frayer (AP, Keystone)

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Ganesh Bhor hat alles im Griff. Das ist wörtlich zu nehmen. «Du musst wissen, wie du dich festhältst», sagt der indische Pendler. «Dann ist alles gut.»

Mumbai, Byculla Station, 17.58 Uhr: Der Zug fährt an, die Waggons quietschen und knirschen, sie rattern über die Gleise und schaukeln hin und her. Bhor steht in der offenen Zugtür, den Stahlrahmen im Rücken. Der Fahrtwind bläst ihm ins Gesicht und zerzaust sein schwarzes Haar, er kneift die Augen zusammen und geniesst die frische Luft, die nur jene einsaugen können, die an den Eingängen stehen. Die Türen bleiben immer offen.

Seit 25 Jahren nimmt der Techniker morgens den Zug der Central Line zur Arbeit. Und abends zurück. «Ich hab schon einige fallen sehen», sagt er. «Wenn das Drängeln losgeht, sind sie wusch . . .» Er macht eine fliegende Handbewegung. «Das wars dann.»

Die Kralle üben

Man möchte jetzt doch lieber etwas wegrücken von der offenen Tür. Hat er niemals Angst? «Denk an den Griff», sagt Ganesh. Und bloss keinen auf lässig machen. Oder auf dem Smartphone rumwischen. «So macht man das», sagt er und zeigt, wie er seine Finger um einen der Metallgriffe legt, die wie Triangeln von der Decke baumeln. Ganz oben in der Spitze des Dreiecks packt er zu. «Mach eine Kralle», sagt Ganesh. «So hast du den besten Halt.»

Während er weiterredet, übt man schon mal die Kralle, was manche Pendler recht lustig finden. Die Leute im Abteil stehen dicht gedrängt, an den Türen ballen sie sich zum Knäuel. In Zürich würde man sagen: Der Zug ist rappelvoll. Ganesh Bhor in Mumbai sagt: «Warte, bis wir nach Kurla kommen.»

Trotz des Fahrtwindes ist man nun ein wenig ins Schwitzen geraten. Aussteigen oder weiterfahren? Das Grübeln hat sich beim nächsten Halt in Dadar schnell erledigt. Der Zug rollt noch ein, da springen die ersten schon aus dem Waggon auf den Asphalt. Und draussen hat das Boxen und Schubsen begonnen. Wer kann, rennt neben dem Zug her, um aufzuspringen, bevor der Rest hineindrängt. Sie greifen nach allem, was sie erwischen: den Türrahmen, den Oberarm eines Passagiers, Taschen, Rucksäcke, ganz egal. Hauptsache festklammern, rauf und rein. So stürmt die Menge das Abteil. «Lass mich.» – «Siehst du nicht, dass keiner mehr reinpasst?»

«Hier gibt es nichts zu ordnen»

Natürlich sehen es alle. Aber alle müssen mit. Denn beim nächsten Zug wird es genauso sein. Und beim übernächsten auch. Drei Stunden am Morgen und vier Stunden am Abend herrscht Chaos in Mumbais Zügen, und die Sicherheitskräfte haben keine Chance. «Hier gibt es nichts zu ordnen», sagt ein Bahnpolizist später. «Wir können die Masse nicht daran hindern einzusteigen. Es sind viel zu viele.»

Ganesh Bhor hat seinen Platz am Türrahmen behauptet. «Alles gut?», ruft er quer durch den Waggon. Man kann jetzt nicht mehr so leicht mit ihm reden, weil die Menschen von draussen mit einer solchen Wucht den Wagen gestürmt haben, dass das Knäuel aus Passagieren schon wieder auf der anderen Seite aus der Tür quillt.

«Lifeline» nennen die Leute ihren Zug. Lebensader. Die Bahn pumpt die Massen durch den Moloch, von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. 8 Millionen Pendler benutzen den Zug, um zur Arbeit zu kommen. Doch das hat seinen Preis. Tag für Tag bleiben ein Dutzend Menschen auf der Strecke. Die einen sterben, weil sie aus dem Zug fallen, die anderen werden überfahren, weil sie die Gleise queren. Jahr für Jahr registrieren die Behörden auf den Strecken in Mumbai mehr als 3000 Tote. Und noch einmal so viele Verletzte.

Zwischen den Beinen hindurch?

Ankunft im Bahnhof Kurla, 18.19 Uhr: Hier müssen viele zwischen den Linien umsteigen. Doch erst mal rauskommen. Zwei Methoden bieten sich an: Tarzan oder Rambo. Ohne Übung ist es allerdings zwecklos. Als der Zug bremst, geht das Schubsen schon los – mit Händen, Ellenbogen, Schultern, Knien. Man wird im Strudel mitgerissen, hat das Gefühl unterzutauchen, versucht, die Arme wie ein Boxer vors Gesicht zu nehmen und sich gebückt nach vorne zu schieben.

Aber dann trifft einen schon die Gegenwelle, sie wirft viele zurück ins Innere des Abteils. Noch steht der Zug. Zweiter Versuch, Anlauf kann man es nicht nennen. Methode Maulwurf? Unten durchkrabbeln könnte gehen, zwischen den Beinen ist noch etwas Platz. Aber zu riskant. Nach ein paar Sekunden rollt der Zug wieder an. Umstieg missglückt. Aber immerhin: Es ist noch alles dran. Einer, der mitbekommen hat, dass man rauswollte, aber nicht konnte, findet tröstende Worte: «Sehen Sie, das ist Indien. Wir können Sonden zum Mars schicken, aber unsere Züge. Was soll ich sagen?»

Der Nahverkehr ist Dauerthema. Weltbank und Indiens Eisenbahn planen schon lange, die Lage zu entschärfen. Mehr als 1 Milliarde Dollar sind in 15 Jahren in die Modernisierung in Mumbai geflossen. Dennoch ist Zugfahren noch immer ein Spiel mit dem Leben.

Beide Beine verloren und doch Glück gehabt

Frauen haben in den Zügen eigene Waggons. Eine junge Pendlerin sagt, sie würde niemals irgendwo anders einsteigen, sie habe Angst, belästigt zu werden. Ausserdem ist ein Abteil für Behinderte reserviert. Diesen Wagen wird am nächsten Tag der Aktienhändler Samir Zaveri nehmen. Vorher lädt er zum Tee in seine Wohnung. Berge von Papier ­dokumentieren, was den Mann umtreibt: Zaveri kämpft dafür, dass die Züge sicherer werden. «Natürlich hat das auch mit meinem Unfall zu tun.»

Ein verregneter Abend, Bahnhof Borivali, 1989: Zaveri ist damals 17, er will einen Freund auf der anderen Seite der Bahn treffen, eine Brücke gibt es nicht, alle Leute laufen über die Gleise. Zaveri hat einen Schirm in der Hand, der Boden ist glitschig. Seine Gedanken sind ganz woanders, er hastet durch den Regen, plötzlich stolpert er und fällt. Er will sich aufrappeln, aber dafür ist es zu spät. Ein Schnellzug rast vorüber, trennt beide Beine unterhalb der Knie ab. Zaveri hat Glück, dass Leute ihn rasch in die Klinik bringen.

Nun bombardiert Zaveri die Behörden mit Eingaben, Beschwerden, Nachfragen. Er prangert Nachlässigkeiten und Missmanagement an. Manchmal deckt er Betrügereien mit auf. Vor Gericht ­stehen zwölf Beamte der Bahnpolizei, die illegale Bussgelder für sich kassiert haben sollen. Zaveri half, den Skandal ans Licht zu bringen. Seither ­bekommt er Morddrohungen. 8 Milliarden Menschen transportiert die indische Eisenbahn im Jahr. Die britische Kolonialmacht hatte mit dem Bau des Netzes begonnen, das sich heute auf 65 808 Kilometern über den Subkontinent zieht.

16 Pendler pro Quadratmeter

Indian Railways ist ein riesiger Staatsapparat, der 1,3 Millionen Mitarbeiter beschäftigt. Immer wieder kommt es zu Unfällen mit Toten, die oft auf den maroden Zustand der Eisenbahn zurückgeführt werden. In den kommenden fünf Jahren sollen 142 Milliarden Dollar investiert werden. Zaveri zeigt jetzt Pläne der Waggons. 1174 Sitzplätze sind pro Zug verzeichnet. Aber mehr als 5000 Menschen quetschen sich hinein. Und wehe, die Lüftung fällt aus. Dann schnappen bis zu 16 Pendler pro Quadratmeter nach Sauerstoff, jemand hat das mal ausgerechnet.

Damit nicht so viele überfahren werden, hat die Stadt Zäune, Mauern und Brücken gebaut. Aber nicht überall. Im Viertel Indira Nagar Mulund zieht sich das Elend an der Bahnstrecke entlang. Slums aus alten Ziegeln, Holz, Pappe, Wellblech. Von einer Seite zur anderen kommt man nur, wenn man ein Dutzend Gleise überquert, ein Streifen von vielleicht 150 Metern. Wer reden will mit den Leuten, muss es wagen. Aber bloss nicht stolpern. In zwei Minuten ist man hinübergehastet, gerade noch vor dem nächsten gelben Blitz.

Vor den Hütten rinnt die Kloake, es riecht nach süsser Fäulnis. Hier leben Tagelöhner aus dem ­Süden, die vor vier Jahrzehnten zugewandert sind. Und die Eisenbahn? Ist es nicht riskant, so nah an den Gleisen? «Sehen Sie den Jungen», sagt eine Frau und ruft den neunjährigen Elirajan herbei. «Sein Vater ist erst vor ein paar Wochen da draussen gestorben. Das war morgens früh um halb fünf.»

Ein Gleisfeld als Erholungsgebiet

Das Gleisbett ist für viele Leute der einzige Ort, an dem sie sich erleichtern können. Nirgendwo gibt es hier Toiletten. Von den Kindern, die zusammenlaufen, geht keines in die Schule. Elirajan steht still und lauscht, er hat niemanden, der sich tagsüber um ihn kümmert, seine Mutter muss morgens los, um Arbeit zu finden, damit sie wenigstens essen können.Vor allem ältere Frauen kommen jetzt aus den Hütten. Sie erzählen von miesen Löhnen, dringenden Bedürfnissen, tödlichen Zügen.

Shubalaxmi sagt, sie habe schon vor zehn Jahren da draussen ihren Mann verloren, auch Sarojni und Laxmi berichten, dass ihre Männer auf den Gleisen starben. Die drei Witwen sind dennoch geblieben. «Wir wissen nicht, wo wir hinsollten.» Sie räumen den Müll vom Gleis, um ein paar Rupien zu verdienen – ein lebensgefährlicher Job. Der Maurer von nebenan sagt, dass er trotz des Risikos froh ist über die offene Fläche. «Wir leben so beengt, da braucht man auch mal einen Platz, wo der Wind weht, wo man sich frei bewegen kann.»

Am Abend ist ein weiteres Treffen mit dem Aktivisten Zaveri vereinbart. Kurz nach sechs Uhr legt er seine Prothesen an, steigt aufs Moped und fährt zur Haltestelle Byculla, um den Zug nach Norden zu nehmen. Er will einen Freund treffen, man darf ihn begleiten. Zaveri sagt, es mache ihm nichts aus, in die Bahn zu steigen, sein Unfall halte ihn nicht ab.

Im Waggon für Behinderte

19.04 Uhr, Byculla Station: Der Zug läuft ein, Zaveri weiss, wo das Behindertenabteil zum Stehen kommt. Er hangelt sich am Türrahmen hoch, das klappt ganz gut, weil Leute von drinnen helfen. Er hat Glück, dass der Waggon noch nicht so voll ist wie in Kurla. Er findet sogar einen Sitzplatz. Manchen hier fehlt ein Arm oder ein Bein, zwei Blinde fahren mit, ein Greis in weissem Tuch sitzt zusammengesunken auf dem Boden. Die wenigsten haben einen Helfer an ihrer Seite.

An jeder Haltestelle kommen weitere Leute hinzu. Ein Einarmiger fragt ein paar junge Männer, was sie hier machten, doch die drehen sich weg. Bis der Zug Thane erreicht, ist er fast so überfüllt wie die übrigen Abteile. «Hier müssen wir raus», ruft Zaveri. Nur, wie? «Ich mach das», beruhigt er seinen Begleiter. Zaveri stemmt sich aus dem Sitz, schiebt die Arme wie ein Schwimmer nach vorne und ruft: «Macht Platz für einen Behinderten, macht Platz.» Die einen schieben, die anderen ziehen. Zum Glück drängeln nicht so viele von draussen herein, Zaveri braucht noch eine Stütze an der Tür. Er springt, sucht seine Balance. Geschafft. Er lächelt. Falls er Schmerzen hat, lässt er sich das nicht anmerken.

Als der Zug wieder anrollt, springen ein paar junge Männer in letzter Sekunde auf, sie hängen an der Tür, klammern sich mit den Fingerspitzen am Rahmen fest. Einer winkt seinen Freunden, die etwas zu langsam waren. Er formt die Finger zum V.

Zaveri schaut zu, wie der Zug aus dem Bahnhof rauscht. «Irgendwann werde ich Erfolg haben», sagt er. «Ganz bestimmt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2017, 19:54 Uhr

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