Republik der Angst

Ramsan Kadyrow will den tschetschenischen Blogger Tumsu Abdurachmanow aus Polen zurückholen. Er schreckt vor Mord nicht zurück, auch nicht vor Gewalt gegen Homosexuelle.

Überall in Russland, vor allem aber in Ramsan Kadyrows Tschetschenien sehen sich Schwule und Lesben staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Foto: Valya Egorshin (NurPhoto)

Überall in Russland, vor allem aber in Ramsan Kadyrows Tschetschenien sehen sich Schwule und Lesben staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Foto: Valya Egorshin (NurPhoto)

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In seinem alten Leben hatte Tumsu Abdurachmanow selten Zeit, um über das Schicksal von Flüchtlingen in Europa nachzudenken. In Tschetscheniens Hauptstadt Grosny gehörte der Ingenieur und Vater dreier Kinder zur Führung der Telefonfirma Elektroswias. Heute kämpft er im Internet als populärer Blogger gegen das Regime in Tschetschenien – und in Polen gegen seine drohende Abschiebung dorthin.

Das alte Leben von Tumsu Abdurachmanow endet am 4. November 2015. Da begegnet er auf dem Nachhauseweg in Grosny der Autokolonne von Islam Kadyrow, Vetter des Republikpräsidenten und damals Leiter des Sicherheitsapparats. Abdurachmanow, gläubiger sunnitischer Muslim, trägt einen längeren Bart. Das aber ist verboten in Tschetschenien, über das Ramsan Kadyrow seit über einem Jahrzehnt mit eiserner Hand und dem Segen des Kreml herrscht.

Islam Kadyrow findet auf dem Mobiltelefon von Abdurachmanow Fotos ebenfalls barttragender Freunde und satirische Posts, die sich über Ramsan Kadyrow und den Kreml lustig machen. «Islam Kadyrow sagte, das sei genug, um mich umzubringen», sagt Abdurachmanow. «Er beschuldigte mich, ein Islamist zu sein und zu einer organisierten Gruppe zu gehören.»

Islam Kadyrow fordert Abdurachmanow auf, sich drei Tage später mit allen angeblichen Gefolgsleuten zu stellen. «Dann sollte Ramsan Kadyrow entscheiden, ob wir sterben sollten, ins Gefängnis kämen oder freigelassen würden.» Wo genau in Polen der heute 33-jährige Ingenieur, ein schlanker, lebhafter Mann mit dunkelbraunen Augen, mit seiner Familie lebt, möchte er nicht gedruckt sehen.

Folter und Mord in Tschetschenien

Menschenrechtler von Memorial und Human Rights Watch haben in Tschetschenen Hunderte Fälle von Verschwindenlassen, Folter und Mord dokumentiert. In Grosny beschliesst der Ingenieur seinerzeit nach der Drohung Kadyrows, sofort mit der Familie zu fliehen. Die Flucht glückt. Doch Tschetscheniens Staatsanwaltschaft schreibt Abdurachmanow zur Fahndung aus – weil er in Syrien für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) kämpfe. Via Interpol lässt Russland ihn wegen «Teilnahme an einer illegalen bewaffneten Formation» weltweit zur Fahndung ausschreiben. Tatsächlich ist Abdu­rach­manow nicht in Syrien, sondern in Georgien. Das belegen die Stempel in seinem Reisepass und weitere Dokumente.

Abdurachmanow beantragt in Georgien Asyl. Mehrmals ersucht er Russlands Generalstaatsanwalt, die Ermittlung gegen ihn einzustellen. Ohne Erfolg. Und er richtet einen mit Spott und Kritik an Kadyrow und dem Kreml gewürzten Videoblog ein, der in Russland bald von Zehntausenden gesehen wird. Georgien lehnt den Asylantrag ab, offenbar um Ärger mit dem mächtigen Nachbarn Russland zu vermeiden.

2017 flieht Abdurachmanow mit seiner Familie weiter nach Westen. Er glaubt, dass Polen Tschetschenen nicht ans ungeliebte Russland ausliefert oder abschiebt. Aber Tschetschenen sind in Polen nicht willkommen. Tschetschenen ohne Geld für Flugtickets versuchen Polen gewöhnlich per Zug aus dem weissrussischen Brest zu erreichen. Doch in Polens Grenzstadt Terespol werden sie von Grenzern bis heute regelmässig gehindert, Asylantrag zu stellen, und mit dem nächsten Zug zurückgeschickt. Polens Menschenrechtskommissar Adam Bodnar sieht darin einen Verstoss gegen die Genfer Flüchtlingskonvention, gegen EU-Recht und polnisches Recht. Die Abdurachmanows fliegen nach Warschau und stellen einen Asylantrag. Wer Tschetschenien verlässt, muss kein Heiliger sein: Kriminelle und terrorbereite Islamisten suchen ebenso Zuflucht in Europa wie Menschen, die schlicht auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Dass allerdings Tumsu Abdurachmanow in seiner Heimat tatsächlich zur – gut bezahlten – Führung der Telefongesellschaft Elektroswias gehörte, ist von unabhängigen Quellen bestätigt.

Tumsu Abdurachmanow bangt um seinen Verbleib in Polen. Foto: SZ

Zudem hat die Menschenrechtsorganisation Memorial «den Fall Abdurachmanow seinerzeit vor Ort in Grosny detailliert geprüft – wir haben keinerlei Zweifel an seiner Darstellung», sagt Vorstandsmitglied Oleg Orlow. Interpol stellt fest, dass Abdurachmanow durch Russland unrechtmässig zur Fahndung ausgeschrieben wurde, und löscht den Fahndungsaufruf.

Doch Polens Regierung hat den bereits wenig flüchtlingsfreundlichen Kurs ihrer Vorgänger noch verschärft. Ende 2017 lehnt die Ausländerbehörde den Asylantrag erstinstanzlich ab. Nach einem halben Jahr in einem geschlossenen Flüchtlingslager leben die Abdurachmanows heute in einer Wohnung. Während im Hintergrund die Kinder spielen, tauscht sich Tumsu Abdurachmanow im Internet mit Freunden aus der Heimat aus – und veröffentlicht Nachrichten aus Tschetschenien. Seinen Youtube-Blogs folgen über 100'000 Menschen. Das macht ihn zum öffentlichen Gegner Kadyrows.

Kurz bevor Polens Flüchtlingsrat entscheidet, ob er Abdurachmanows Ablehnung bestätigt oder aufhebt, will der Chef des polnischen Inlandsgeheimdienstes ABW erkannt haben, dass Abdurachmanow eine Bedrohung für die Staatssicherheit ist.

Verbesserte Situation?

Warschau rechtfertigt seine Haltung gegenüber tschetschenischen Flüchtlingen mit einer angeblich verbesserten Menschenrechtssituation in Tschetschenien – was Erkenntnissen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) widerspricht. Der Tschetschene Asimat Baidujew, den Polens Innenminister Joachim Brudzinski im August nach Russland abschieben liess, wurde in Tschetschenien zwei Tage später von einem Geheimdienstkommando entführt. Nur wegen internationalen Drucks tauchte Baidujew in einem Gefängnis noch einmal auf.

Tumsu Abdurachmanow ist wenige Wochen nach seiner Ablehnung durch den Flüchtlingsrat noch einmal Vater geworden. Inzwischen hat er erneut einen Asylantrag gestellt. Die Anwälte haben zudem Beschwerde bei einem Warschauer Verwaltungsgericht eingelegt. Doch dies hat keine aufschiebende Wirkung.

Vier Tage vor Weihnachten teilte ihm der Grenzschutz mit, dass die Prozedur seiner Abschiebung offiziell begonnen habe. «Ich kann jederzeit abgeholt werden», sagt er. «Dann sitze ich ein paar Stunden später in einem Flugzeug nach Moskau.»

Mindestens zwei Menschen sind in einem tschetschenischen Gefängnis offenbar zu Tode gefoltert worden, weil sie homosexuell waren. Weitere 40 Männer und Frauen sässen seit Dezember wegen desselben Vorwurfs in Haft, berichtet das russische LGBT-Netzwerk. Die Behörden in Tschetschenien gehen seit Jahren äusserst brutal gegen Schwule und Lesben vor.

«Ich bitte jeden, der noch frei ist, diese Nachricht ernst zu nehmen und so schnell wie möglich aus der Republik zu verschwinden.»Anonyme Nachricht in einer Gruppe bei VKontakte

Bereits im Frühjahr 2017 waren dort mehr als hundert Männer festgenommen und ein Teil von ihnen gefoltert worden. Damals berichtete die russische Zeitung «Nowaja Gaseta» von mindestens drei Toten. Die Enthüllungen führten zwar dazu, dass die USA Staatsoberhaupt Ramsan Kadyrow mit Sanktionen belegten und Facebook sein Profil blockierte. Den Verfolgten hat das aber offenbar nicht geholfen.

Die neue Verhaftungswelle in der russischen Republik begann Ende Dezember. Die Polizei nahm den Gründer einer Internetgruppe für Homosexuelle bei VKontakte fest, dem russischen Pendant zu Facebook. Sein Adressbuch nutzte sie dann für weitere Verhaftungen. Ein russisches Nachrichtenportal geht davon aus, dass dabei sogar bis zu 20 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. «Ich bitte jeden, der noch frei ist, diese Nachricht ernst zu nehmen und so schnell wie möglich aus der Republik zu verschwinden», schrieb Ende vergangener Woche jemand in einer Gruppe bei VKontakte, in der sich Homosexuelle anonym austauschen.

Die genaue Zahl der Opfer sei unmöglich festzustellen, sagt Igor Kotschetkow. Er leitet das LGBT-Netzwerk in Sankt Petersburg, das sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen einsetzt. Die Verfolgung habe niemals aufgehört, sagt er, aber das Ausmass habe sich verändert.

2017 habe die Gruppe noch mehr als 150 Betroffenen bei der Flucht aus Tschetschenien helfen können. Jetzt nehme man den Verhafteten ihre Pässe ab, sodass sie später nicht ausreisen könnten. Die Polizei drohe ihnen mit Strafverfahren gegen ihre Familien und zwinge sie, völlig leere Formulare zu unterschreiben.

Kadyrow sagt: «Alles Quatsch»

Bevor die Verhaftungen im Dezember losgingen, hatte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einen Bericht über die Situation in Tschetschenien vorgelegt. Darin fordert sie die russischen Behörden auf, das Vorgehen der Regierung in Grosny zu untersuchen. Der Bericht spricht von «sehr ernsten Menschenrechtsverletzungen» und listet Belästigung, Verfolgung, willkürliche Verhaftungen, grausame Folter, Exekutionen ohne Gerichtsverfahren auf.

Die Vorwürfe der LGBT-Gruppe nennt die tschetschenische Regierung «komplette Lügen». Doch als ein Journalist Kadyrow 2017 im TV-Interview zu den Vorwürfen befragte, dass Schwule in seinem Land gefoltert werden, war die Antwort entlarvend. «Das ist Quatsch», sagte Kadyrow. «Wir haben keine Schwulen. Wenn doch, nehmt sie mit nach Kanada, damit wir sie hier nicht haben. Um unser Blut zu reinigen, nehmt sie weg.»

Erstellt: 16.01.2019, 19:53 Uhr

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