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Seine letzte Nachricht war ein Messer

Was steckt genau hinter der mysteriösen Verhaftung von Interpol-Chef Meng Hongwei? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wird von der chinesischen Regierung festgehalten: Interpol-Chef Meng Hongwei. (Video: Tamedia)

Wer ist Meng Hongwei?

Der 64-jährige steht seit zwei Jahren der internationalen Polizeibehörde Interpol vor – als erster Chinese überhaupt. Seine Ernennung war für das Land und für Präsident Xi Jinping ein aussenpolitischer Erfolg. Zudem war Meng seit 2004 Vizeminister für öffentliche Sicherheit und stellvertretender Chef der bewaffneten Volkspolizei.

Allerdings hat er bereits im April seinen Sitz im Zentralkomitee verloren, dem obersten Entscheidungsgremium der chinesischen Regierung. Meng gilt als Schützling von Zhou Yongkang, der 2014 wegen Korruption und Machtmissbrauch zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Wohl auch, weil Xi ihn als Widersacher sah.

Was ist mit Meng passiert?

Am 25. September reiste Meng vom Interpol-Hauptsitz in Lyon in sein Heimatland und verschwand unter rätselhaften Umständen von der Bildfläche. Seine Frau gab an, seitdem nichts mehr von ihm gehört zu haben. Normalerweise würden sie sich täglich austauschen, wenn ihr Mann auf Reisen sei.

Die letzten Nachrichten vor dem Verschwinden: Mengs Frau zeigt den Chat-Verlauf mit ihrem Mann. (Bild: AFP)
Die letzten Nachrichten vor dem Verschwinden: Mengs Frau zeigt den Chat-Verlauf mit ihrem Mann. (Bild: AFP)

«Warte auf meinen Anruf», schrieb ihr Mann als Letztes per Whatsapp, hinterher schickte er ein Emoji-Bild eines Messers. Den verstörenden Chat-Verlauf zeigte die Frau am Sonntag Journalisten. Sie wollte dabei unerkannt bleiben, weil sie um ihr Leben fürchtet. Nach eigener Aussage hat sie über Social Media und per Telefon Drohungen bekommen.

Durfte nur von hinten fotografiert werden: Mengs Frau im Gespräch mit Journalisten. (Bild: AFP)
Durfte nur von hinten fotografiert werden: Mengs Frau im Gespräch mit Journalisten. (Bild: AFP)

Die Frau ging zur Polizei, die französische Justiz hatte am Freitag öffentlich erklärt, dass sie zum Verbleib des Behördenchefs ermittle. Interpol verlangte derweil Aufklärung von Peking. Gestern erhielt die internationale Polizeibehörde ein Rücktrittsschreiben Mengs und geht nun anscheinend davon aus, dass dieser nicht zurückkehren wird. Bei der nächsten Generalversammlung im November werde ein Nachfolger gewählt, teilte Interpol auf Twitter mit.

Laut einem Bericht der Hongkonger Zeitung «South China Morning Post» wurde Meng schon bei seiner Ankunft in Peking von Vertretern der nationalen Disziplinarkommission abgeführt und sitzt seither in Haft.

Was wird Meng vorgeworfen?

In einer ersten Erklärung am Sonntag sagte die chinesische Regierung nur, gegen Meng werde wegen des «Verdachts auf Gesetzesverstösse» ermittelt, er stehe «unter Aufsicht». Jetzt ist klar: der zurückgetretene Interpol-Chef wird der Korruption bezichtigt. Meng habe «Bestechungsgelder angenommen», erklärte das Sicherheitsministerium in Peking am Montag.

Was steckt hinter Chinas Vorgehen?

Meng ist nur ein Fall von vielen. Die chinesische Regierung befindet sich auf einem regelrechten Feldzug gegen Korruption und hat schon Tausende Personen verhaftet. Im März dieses Jahres wurde die sogenannte National Supervision Commission ins Leben gerufen, die alle Staatsbeamten überwacht. Seither sind zahlreiche hochrangige Politiker und reiche Personen verschollen.

Am meisten Aufmerksamkeit erregte bislang das Verschwinden der berühmten chinesischen Schauspielerin Fan Bingbing im Juli. Vergangene Woche wurde bekannt, dass sie wegen Steuerhinterziehung und anderer Vergehen eine Busse von 883 Millionen Yuan (127 Millionen Schweizer Franken) zahlen soll.

Ist ebenfalls verschwunden: Fan Bingbing, ein chinesischer Filmstar. (Bild: Reuters)
Ist ebenfalls verschwunden: Fan Bingbing, ein chinesischer Filmstar. (Bild: Reuters)

Mit der Verhaftung Mengs sorgt China nun erneut für Empörung. Es gibt Vermutungen, dass der bisherige Interpol-Chef wegen seiner politischen Beziehungen ins Visier von Staatspräsident Xi Jinping geraten ist. Dieser hat den Kampf gegen Korruption zu einer persönlichen Mission erklärt. Kritiker werfen Xi vor, auf diese Weise politische Widersacher aus dem Weg zu räumen.

Welche Folgen hat der Fall für Chinas Image?

Die Inhaftierung von Meng könnte sich für Xi zum Bumerang entwickeln. Beobachter glauben, dass internationale Organisationen in Zukunft abgeneigt sein werden, Chinesen in hohe Positionen zu wählen. Genau das hat Peking in den letzten Jahren forciert. In verschiedenen Institutionen wie der UNO, der Weltbank oder der Unesco wurden Landsleute platziert.

Geht laut Kritikern gegen alle seine politischen Gegner vor: Chinas Staatschef Xi Jinping. (Bild: Reuters)
Geht laut Kritikern gegen alle seine politischen Gegner vor: Chinas Staatschef Xi Jinping. (Bild: Reuters)

Ausserdem wirft Chinas Vorgehen international ein schlechtes Licht auf das Land. «Shuanggui» nennt sich das Disziplinarverfahren der Kommunistischen Partei, bei dem Verdächtige für eine unbestimmte Dauer an einem geheimen Ort verhört werden. Ohne Zugang zu einem Anwalt und Kontakt zur Familie werden die Entführten zu Geständnissen gezwungen. Amnesty International spricht von einer «systematischen Gefahr für die Menschenrechte».

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