Selfies mit Taliban – Freude über Waffenruhe in Afghanistan

Seit zwei Tagen ruhen im Bürgerkriegsland die Waffen. Die Regierung bot den Taliban Verhandlungen an – offenbar mit einem grossen Zugeständnis.

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Am zweiten Tag eines Waffenstillstands in Afghanistan haben zahlreiche Kämpfer der radikalislamischen Taliban ohne Waffen die Hauptstadt Kabul besucht und wurden von Anwohnern begeistert begrüsst.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur DPA sah am Samstag mehrere Gruppen von Kämpfern im Stadtteil Kot-e Sangi. «Wir sind hier für den Frieden», sagte einer. «Wir sind heute gegen niemanden.» Anwohner sangen «Gott ist gross», unterhielten sich strahlend mit den Besuchern oder posierten für Selfies mit ihnen.

Regierung verlängert Waffenstillstand

Offenbar ermutigt vom Erfolg der Initiative verlängerte der afghanische Präsident Aschraf Ghani am Abend Ortszeit einseitig den Waffenstillstand, der vonseiten der Regierung ursprünglich nur bis zum 20. Juni gelten sollte.

In einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede sagte Präsident Ghani, er weise die Streitkräfte an, die Feuerpause auch nach den hohen Eid-Feiertage weiterzuführen. Details würden bald bekanntgegeben. Ghani bat auch die Taliban, ihre Kampfpause zu verlängern. «Ihre Verwundeten werden versorgt und Familienbesuche werden organisiert.»

Ghani bot den Taliban auch «umfassende Verhandlungen» an – unter anderem zur «Präsenz und Rolle der internationalen Truppen im Land». Das wäre ein grosses Zugeständnis. Die Präsenz ausländischer Truppen, ohne die die afghanische Regierung wohl nicht mehr an der Macht wäre, ist ein besonders sensibler Punkt im Verhältnis zu den Taliban, die erst über Frieden sprechen wollen, wenn die «Besatzer» das Land verlassen haben.

US-Aussenminister Mike Pompeo meldete sich noch am Abend in einer schriftlichen Stellungnahme mit der Zusicherung, dass die USA bereit seien, diese Diskussionen zu unterstützen. Die USA schicken angesichts des Wiedererstarkens der Taliban nach Jahren der Truppenabzüge seit 2017 wieder Tausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan und haben auch andere Nato-Staaten davon überzeugt, Truppen wieder aufzustocken.

Selbstmordanschlag von IS-Miliz

Am frühen Abend (Ortszeit) wurde der Frieden allerdings von einem Selbstmordanschlag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf ein Treffen von Taliban, Sicherheitskräften und Zivilisten in der ostafghanischen Provinz Nangarhar gestört. 25 Menschen seien getötet, weitere 54 verletzt worden, sagte der Sprecher der Provinz, Attaullah Chogiani. Zuvor war von 20 Toten und 16 Verletzten die Rede gewesen. Der IS ist mit den Taliban verfeindet.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Mohammed Radmanisch, bestätigte, dass man Taliban während der Feuerpause in sonst abgeschottete Städte eingeladen habe und dass Kämpfer auch in der Hauptstadt seien. Polizeichef Haschmat Staniksai schrieb auf Facebook, dass eine Gruppe von Kämpfern ihre Waffen abgegeben hätten. Nach Ende des Besuchs würden sie sie zurückbekommen.

Der friedliche Besuchstag war besonders bemerkenswert, weil Kabul seit Monaten zunehmend Ziel blutiger Überfälle der Taliban und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist. Die Regierung ist dabei, Sicherheitsmassnahmen drastisch zu verschärfen. Allein in diesem Jahr gab es 13 schwere Anschläge. Mehr als 300 Zivilisten wurden getötet.

Minister trifft Taliban

Selbst Innenminister Wais Barmak traf offenbar mit Taliban zusammen. Tolo TV und Ariana News zeigten Fotos des Ministers in einer Gruppe von Kämpfern in Kabuls Stadtteil Kompani. Einige Männer machten Selfies. Der BBC sagte der Minister, er sei auf Patrouille in der Stadt gewesen, als die Kämpfer ihn sahen und grüssten. Er habe sie daraufhin in Kabul willkommen geheissen.

Auch im Rest des Landes freuten sich Millionen Afghanen nach Monaten blutiger Auseinandersetzungen weiter überschäumend über den Mini-Frieden. Tolo TV twitterte ein Video aus der schwer umkämpften Provinz Kundus, wo sich Taliban und Sicherheitskräfte umarmten, überschüttet mit Reis von Zivilisten. In sozialen Medien kursierten Bilder von Soldaten und Taliban, die einander Rosen schenkten.

Die Taliban hatten ihre Feuerpause über die drei Eid-Feiertage (Freitag bis Sonntag) vergangene Woche verkündet. Es ist nach kürzeren, lokal begrenzten Waffenruhen der erste landesweite Waffenstillstand der Taliban, die 2002 von einer internationalen Allianz vertrieben worden waren, aber schon seit 2006 wiederkehren. Heute sollen sie wieder mindestens 14,5 Prozent des Landes kontrollieren. Mindestens 30 Prozent sollen umkämpft sein.

Ein umfassendes Friedensangebot von Präsident Ghani hatten die Taliban im Februar ignoriert. In den vergangenen Monaten hatte die Bevölkerung aber auch in Taliban-Hochburgen zunehmend nach Frieden verlangt. In vielen Städten gab es Proteste und Friedensmärsche.

(mch/sda)

Erstellt: 16.06.2018, 22:44 Uhr

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