«Sie können ja mit Stäbchen essen!»

Japaner sehen sich als auserwähltes Volk an und halten Ausländer für unfähig, ihre Kultur zu verstehen. Über das Verhältnis von Stereotypen und Machtpolitik.

Gemeinschaftlicher Kampf gegen die Natur:  Anwohner säubern in Fukuoka die Strassen und Gehwege vom Schnee. Foto: Getty Images

Gemeinschaftlicher Kampf gegen die Natur: Anwohner säubern in Fukuoka die Strassen und Gehwege vom Schnee. Foto: Getty Images

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Die Japaner sagen nicht «Nein», das ist unhöflich. Ablehnung umschreiben sie oder deuten sie mit Gesten an. Wer solche Zeichen nicht erkennt, über den ­sagen sie: «Kuuki yomenai», das bedeutet «Kann die Luft nicht lesen». Aus­länder können das nicht, glauben die ­Japaner, die sich als auserwähltes V­olk verstehen oder, was man auf Deutsch nicht mehr sagen kann: als überlegene Rasse. Nihonjinron ist eine eigene Literaturgattung, die sich ganz der Andersartigkeit widmet. Selbstbespiegelung, die bloss die Vorurteile der Japaner bestätigt: über sich selbst und die Welt. In Premier Shinzo Abes Regierung sitzen Anhänger von Nihonjinron, ihre Vor­urteile, die in Japan freimütig geäussert werden und die man für Fakten hält, prägen ihre Politik. Hier eine Auswahl:

Japan ist ein so kleines Land

Die Japaner vergleichen ihr Land nur mit zwei Staaten, den USA und China. Und fühlen sich von beiden erdrückt. Obwohl Japan und China wirtschaftlich sehr eng verflochten sind, stilisiert ­Tokio die Volksrepublik immer mehr zur militärischen Bedrohung. Von der Schutzmacht Amerika dagegen fühlen sich die Japaner bevormundet, auch kulturell, als erstickten sie in einer ungeliebten Umarmung. Nippon ist die drittgrösste Wirtschaftsmacht und weltweit das Land mit der zehntgrössten Bevöl­kerung, 127 Millionen Menschen leben hier. Dennoch halten die Japaner ihr Land für machtlos und klein.

Der Mythos vom kleinen Land hält sich auch deshalb, weil in den Schulen kaum Geografie unterrichtet wird. Die Fantasien vom ostasiatischen Grossreich endeten 1945 im Desaster. Seither haben nur noch wenige Japaner Appetit auf Grös- se – einige von ihnen sitzen in der ­Re­gierung. Ausserdem sieht Japan sich in seinen Inselstreitereien als Opfer, wie in andern Konflikten auch, etwa im ­Gezerre um den Walfang oder um die ­Geschichte. Die Japaner finden, ihr Land werde herumgeschubst und missverstanden, sie sehen sich als trotzigen David, der sich einer Internationale der Goliaths entgegenstellt.

Japan ist eine homogene Nation

Kaum ein Japaner zweifelt an der Existenz einer nationalen Mentalität, die dem ganzen Volk eigen sei und sich im Kern über die Jahrtausende wenig ­veränderte: freundlich, pünktlich, lieb, hart arbeitend, respektvoll, scheu, intelligent, förmlich, gruppenorientiert und sauber; das sind gemäss einer Internet-umfrage die zehn häufigsten Eigen­schaften, mit denen Japaner sich selbst ­beschreiben und von denen sie glauben, sie würden sie von andern Völkern unterscheiden. Alle positiv.

Der typische Japaner ist in der Eigenwahrnehmung demnach ein fleissiger, ehrlicher Handwerker, der mit grosser Sorgfalt etwas herstellt – kein Händler wie die Chinesen, denen es nur ums Geld gehe. Historisch lebte der Japaner als Reisbauer in Harmonie mit der Natur, nicht wie die Europäer, die Jäger waren (in Wirklichkeit ist die Land­wirtschaft in Europa älter). Dazu hat der Japaner das Ehrgefühl und den Bildungshunger der Samurai im Blut, des Waffen tragenden Kleinadels, der einst als Ordnungsmacht diente. Im romantischen Blick zurück werden die Samurai zur geistigen und moralischen Elite verklärt. Dass das Archipel von verschiedenen Seiten besiedelt wurde, dass auf den Inseln bis ins 17.Jahrhundert ständig Kriege tobten und der Ehrenkodex der Samurai ihrer Disziplinierung diente, haben die Konstrukteure des japanischen Nationalbewusstseins im 19.Jahrhundert gezielt aus dem kollektiven ­Gedächtnis getilgt.

Ausländer können das nicht

«Sie können ja mit Stäbchen essen!» Das hört jeder Westler in Japan ab und zu – selbst von Leuten, die ihn als in Japan lebenden Kollegen kennen. «Und sogar rohen Fisch?» Das sind Komplimente, denn eigentlich sollte ein Westler nicht mit Stäbchen essen können. Die Antwort, die sich aufdrängt – «Ach, Sie können ja mit Messer und Gabel essen» – verkneift man sich besser. Sie würde nicht verstanden. Der japanische Imperativ zur Bescheidenheit zwänge das ­Gegenüber zu einem «Aber nicht gut».

Ausländer können in den Augen der Japaner auch kein Japanisch sprechen. Einst durften sie das gar nicht: Während der 250 Jahre dauernden Selbstisolation Nippons war Japanischlernen den ­Kaufleuten der holländischen Handelsstation, den einzigen Weissen im Land, streng verboten. Ein amerikanischer Japanologe, der aussieht wie Gérard Depardieu und akzentfrei Japanisch spricht, berichtet, Japaner, die am Telefon mit ihm Japanisch sprächen, verfielen in ein miserables Englisch, wenn sie ihn treffen, weil sie überzeugt sind, dass er gar nicht Japanisch können kann. Noch mehr trifft dies auf Japans Kultur zu: Ein Ausländer kann Japan nicht ­verstehen, so die feste Haltung. Überzeugungen wie diese erschweren es der japanischen Diplomatie, mit anderen Regierungen von gleich zu gleich zu verhandeln. Zumal die japanische Sprache in jedem Dialog eine Hierarchie ­herstellt: Entweder unterwirft man sich einem Höherstehenden verbal, oder man behandelt den Gesprächspartner implizit als unterlegen.

Ausländer sind kriminell

Aufgeweckt, aber laut, gedankenschnell, aber frech und unordentlich sei das Kind, meint die Lehrerin einer japanischen Grundschule: «Aber das ist nicht schlimm, es ist ja ein Ausländerkind.» Es wird deshalb mit anderen Ellen ge­messen. Ausländer sind undiszipliniert und können den Müll nicht trennen. Und sie klauen, Fahrräder zum Beispiel. Shintaro Ishihara, der ehemalige Bürgermeister von Tokio, ging so weit, zu behaupten, die Chinesen hätten Kriminalität in ihrer DNA. Von den Franzosen meinte er, sie könnten nicht rechnen.

Mit solchen Sprüchen gewann er Wahlen. In Wirklichkeit sind etwa die Hälfte aller von Ausländern begangenen Verbrechen Visa-Vergehen, die Rate schwerer Verbrechen der hier lebenden Koreaner und Chinesen, der zwei grössten Ausländergruppen, ist geringer als jene der Japaner. Aber das Vorurteil hält sich. Über die Heimat ihrer grössten Minderheit, Südkorea, reden viele Japaner abfällig, obwohl die südkoreanische ­Popkultur Japan erobert. Nordkorea ist des Teufels. Das Verhältnis zu China schwankt historisch zwischen Verachtung und Bewunderung, Geschürt von den regierenden Nationalisten, kommt derzeit zusehends Angst zur Verachtung. Das ist keine Voraussetzung für einen Dialog.

Des Japaners Körper ist anders

In Europa zugelassene Medikamente müssen für Japan neu getestet werden. Der Körper der Japaner sei genetisch anders, erklärt der Vertreter eines renommierten Forschungsinstituts. Die Japaner hätten Reismägen, die Europäer ­essen Brot. Und viel Fleisch. Mit dem Fleischkonsum des Westens erklären die Japaner auch eine angebliche physische Überlegenheit der Europäer und Amerikaner im Sport.

Als Nippons Fussballfrauen 2011 Weltmeisterinnen wurden (und 2015 bei der WM den zweiten Platz belegten), feierten die Medien sie mit trotzigem Stolz als zierliche Mädchen, die den Mannweibern aus Amerika die Stirn geboten hätten. Dabei waren die ­Japanerinnen 2011 im Schnitt bloss drei Zentimeter kleiner als die US-Spielerinnen. So dramatisch sind die physischen Unterschiede selbst in den Augen des Forschungsexperten dann doch nicht. Klinische Studien in Japan seien teuer, erzählt er, Japans Pharmaindustrie teste Neuentwicklungen deshalb im Ausland. Ja, auch in Europa.

Japaner können kein Englisch

Kein Volk gibt mehr Geld für Sprach­unterricht aus als die Japaner, vor allem für Englisch. Alle wissen, diese Sprache ist wichtig, zumal viele Japaner englisch mit «ausländisch» gleichsetzen. Jeder Schüler paukt sechs Jahre Englisch, es gibt zahlreiche englische Lehnwörter im Japanischen. Dennoch kann kaum ein anderes Volk schlechter Englisch als die Japaner. Erklärungen haben die Japaner dafür viele. In der Schule lernen sie nicht reden, sondern nur Grammatik für Prüfungen; die Aussprache wird mit dem japanischen Lautalphabet eingeübt, das dazu ungeeignet ist. Überdies haben viele Japaner Angst, Fehler zu machen, weshalb sie den Mund gar nicht öffnen. Ausserdem seien die Japaner scheu und Insulaner, also isoliert: auch im 21.Jahrhundert noch. Und hätten halt kein Talent für Fremdsprachen.

Ihr Europäer habt gut reden

Wahlkampf in der Provinz: Kein Mensch bleibt stehen, wenn die Kandidaten vor Supermärkten und am Bahnhof in ihre Megafone reden. Am Abend jedoch stellen sich Hunderte Männer vor dem ­grossen Kultursaal für die Wahlveranstaltung der seit sechzig Jahren fast ununterbrochen regierenden Liberaldemokraten an. Sie tragen sich in Listen ein, bevor sie eingelassen werden. Während der Reden dösen fast alle, einige spielen auf dem Handy. Warum kommen sie, wenn sie gar kein Interesse haben?

Entschieden wird im Konsens, wer eine abweichende Meinungen vertritt, wird geschnitten.

Der Arbeitgeber hat sie geschickt. Japan ist eine Demokratie, es verfügt über alle demokratischen Institutionen und wählt regelmässig. Doch die Regierung bleibt in den Händen weniger Familien, die Gewaltentrennung ist löchrig. Die Gerichte entscheiden fast immer zugunsten der Macht oder der mit ihr verbandelten Industrie. Um das sicher­zustellen, sind die Richter des Obersten Gerichts zu mehr als der Hälfte ehe­malige Beamte. Die Presse ist eher ein viertes Bein, auf dem der Staat steht, als eine unabhängige vierte Gewalt.

Entschieden wird im Konsens, wer eine abweichende Meinungen vertritt, wird geschnitten. Erklärt wird das mit einem angeblichen Hang zur Harmonie. Das heisst auch: Niemand trägt persönlich Verantwortung, etwa in den vielen Skandalen. Das Management von Tepco, der Betreiberfirma des Katastrophenkraftwerks von Fukushima, wusste um die Sicherheitsmängel. Aber keiner sagte etwas. Die Loyalität gegenüber der Gruppe, meist der Firma, wiegt mehr als die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, auch mehr als die Sicherheit der Menschen. Bürgerbewegungen gelten als un- oder gar antijapanisch.

Eine ostasiatische Gemeinschaft, ähnlich der EU, wäre nie möglich, die kulturellen Unterschiede seien zu gross, sagen japanische Diplomaten. Europa sei ein Kulturraum, alle Europäer seien Christen. Und der Buddhismus, der über China und Korea nach Japan kam, Chinas klassische Kultur, die Japan übernommen hat, und der Konfuzianismus, der Reisanbau, die Nudeln, die Essstäbchen? Das zählt nicht. In der Vorkriegszeit behaupteten manche Japaner, ihr Land gehöre nicht zu Asien. Dennoch beansprucht Tokio die Führung über dieses Asien. Historiker sprechen von der «Sinosphäre», welche die Kulturen jener Gesellschaften umfasst, die Chinas Schriftzeichen benützen oder benützten: China, Korea, Japan und Vietnam. Wenn Japan doch einmal Gemeinsamkeit herstellen will (meist mit China), ­beschwört es eine Wertegemeinschaft, die nicht existiert. Premier Abe pries im kommunistischen Vietnam unlängst die «gemeinsamen demokratischen Werte».

Erstellt: 28.01.2016, 19:49 Uhr

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Eine Woche vor der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens rund um den Pazifik musste Akira Amari, Japans Chef-Unterhändler, am Donnerstag vom Posten als Handels- und Industrieminister zurücktreten. Er hätte zur feierlichen Unterzeichnung am 4. Februar nach Neuseeland reisen sollen. Angeblich hat Amari sich von Bauunternehmern bestechen lassen. Der Minister wies die Vorwürfe zurück, konnte sie aber nicht ausreichend widerlegen. Premier Shinzo Abe wehrte sich vehement für seinen Minister, der auch für Abenomics zuständig war, das ohnehin stotternde Programm zur Ankurbelung der japanischen Wirtschaft. Doch der Premier konnte den Sturz seines Vertrauten nicht mehr verhindern. Der 66-jährige Jurist war nicht nur Abes Mann für die Wirtschaft, sondern wie dieser auch Mitglied von Nippon Kaigi, einer revisionistischen Elite­vereinigung, deren erklärtes Ziel es ist, die von den USA verordnete Nachkriegsordnung Japans umzustossen, die Erziehungspolitik patriotischer zu gestalten und das Kaisertum politisch aufzuwerten. (nh)

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