Sieben Dinge, die unser China-Korrespondent noch tun wollte

Unser Autor war vierzehn Jahre Journalist in China. Beim Abschied bleibt vor allem eine Erkenntnis: Das Land hat sich radikal verändert.

Ist es überhaupt möglich, dass das hier menschengemacht ist? Die Chinesische Mauer in der Nähe von Peking. Foto: Getty Images

Ist es überhaupt möglich, dass das hier menschengemacht ist? Die Chinesische Mauer in der Nähe von Peking. Foto: Getty Images

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Sag mal, glaubst du, dass sie mich noch liebt?» Wang Lian blickte mich an. «Nein», sagte ich zum wiederholten Male. Er starrte an mir vorbei ins Leere, wie so oft in den vergangenen Monaten. Dann richtete er sich auf. «Und wann interviewst du endlich mich? Ich habe etwas zu erzählen!», rief er, das Paar am Nebentisch drehte sich um. «Von der Liebe und von diesem Land.» Wang Lian litt an beidem, und ich litt mit ihm: Wang Lian war mein ältester Freund in dieser Stadt. Wir haben zusammen gewohnt, zusammen die Chinesische Mauer erklommen, zusammen auf dem Eis des Hinteren Sees deutschen Glühwein gekocht. Nun verbrachten wir meine letzten Tage in diesem Land zusammen. Es könnte ihn in Gefahr bringen, würde ich seine Klagen über China mit seinem echten Namen zitieren, Wang Lian ist ein Pseudonym.

Kai Strittmatter war insgesamt 14 Jahre lang in China als Korrespondent tätig. Foto: Archiv

Die Liste mit all den Dingen, die ich noch einmal tun wollte in den Tagen vor meiner Abreise, war Wang Lians Idee gewesen. Ich hatte die Liste im Taxi auf einen Zettel geschmiert und ihm zu lesen gegeben. «Gut», sagte er. «Aber wieso nur sechs? Du solltest dir sieben Dinge vornehmen. Sieben macht die Sache rund. Hat die Woche sechs Tage oder sieben? Die Weisen vom Bambushain, waren es sechs oder sieben?» – «Klar«, erwiderte ich mit gespielter Begeisterung: «Im Politbüro der Kommunistischen Partei sitzen die Weisen schliesslich auch zu siebt.» Wang Lian schaute mich strafend an. Er hielt es lieber mit den sieben Freigeistern vom Bambushain, einer Gruppe von Gelehrten und Poeten, die sich der Legende zufolge im dritten Jahrhundert vor der Korruption der Welt in ihren Bambushain zurückzogen und mit Poesie, vor allem aber mit viel Wein dem Leben, der Schönheit und dem Mond huldigten. «Na gut», sagte ich. «Sieben.» Und schrieb eine Zeile dazu:

1. Noch einmal die in Öl geschwenkten Nudeln essen

Und deshalb sassen wir jetzt hier, vor Schüsseln so gross wie Babybadewannen. You po gungun mian, «in Öl geschwenkte Stocknudeln»: handgeschlagene, fingerdicke, knatschige Nudelwunder, angemacht mit etwas Sojasauce und Essig, gekrönt von einem Häuflein feuerroter Chiliflocken, die kurz vor dem Servieren mit einem Löffel heissen Öls in die Nudeln gebrannt werden. Kennen gelernt hatte ich die Nudeln einst als Student, in der alten Kaiserstadt Xi’an, serviert mit dem damals allgegenwärtigen Weisskohl und dem über der Stadt liegenden Duft schwefliger Braunkohle.

Mehr als dreissig Jahre ist das her, China hatte sich eben erst erhoben aus den Ruinen, in die Mao Zedong, der Messias, der Tyrann, es gestossen hatte, ein lange eingesperrtes Volk, das die Verheerungen der Kulturrevolution abschüttelte und sich nun der Welt zuwandte, voller Neugier und Tatendrang. Und die Welt, also ich, schaute zurück, mit mindestens so viel Entdeckerlust und grossem Appetit dazu: Die Nudeln machten mich schnell süchtig. Sie erleuchteten meine Jahre als Student in Xi’an 1986/87, sie begrüssten mich als alte Bekannte, als die SZ mich 1997 für acht Jahre als Korrespondent nach Peking entsandte, und sie tunkten so manchen tiefgrauen Tag in funkensprühendes Rot in den vergangenen sechs Jahren, denn 2012 kehrte ich als Berichterstatter nach China zurück. Meine Familie und ich machten damals dieses Haus in der Altstadtgasse, unweit der Verbotenen Stadt, zu unserem neuen Heim, und ich glaube, das hatte nicht wenig damit zu tun, dass sich ein paar Schritte davon ein Xi’an-Nudelladen befand, der schnell zu meiner Kantine wurde.

Es machte etwas mit uns, als sie den Nudelladen im Sommer vor einem Jahr zumauerten, die von der Stadtregierung geschickten Arbeiter, einfach zumauerten, zusammen mit all den anderen Garküchen, Lokalen, Kiosken und Friseursalons in unserer Gasse und all den anderen Gassen. Als die Arbeiter Ziegelstein um Ziegelstein aufeinanderschichteten, während viele der Ladenbesitzer, die lediglich sieben Tage Vorwarnung bekommen hatten, stumm und verzweifelt in ihren Ladenräumen stehen blieben, vor den Maurern und den sie begleitenden Uniformierten, und so Stück für Stück hinter den wachsenden Mauern verschwanden. Als wollten sie sich lieber lebendig einmauern lassen denn aus Peking abzuhauen, wie man es sie geheissen hatte.

Peking soll nämlich «schön» und «sauber» und «ordentlich» werden, und das kann es offenbar nur, indem man die Auswärtigen vertreibt, die aus der Provinz nach Peking Zugezogenen, die in den vergangenen Jahrzehnten ein Auskommen fanden, indem sie den Pekingern die Hochhäuser bauten, die Haare schnitten und das Gemüse verkauften. «Es geht um Respekt», sagte mein Friseur, der am Morgen gerade rechtzeitig gekommen war, um mit seinem Handy zu filmen, wie die Arbeiter mit Vorschlaghämmern die Front seines Salons zertrümmerten, schräg gegenüber von unserem Haus. «Kannst du dir den Schmerz vorstellen?», sagte er. «Ich habe in dieser Stadt ein Geschäft aufgebaut, ein Leben, ich habe hier zwei Kinder bekommen, habe eine Tochter auf die Universität geschickt. Bin ich nicht auch ein Mitglied dieser Gesellschaft? Verdienen wir nicht auch Menschenwürde?» Ein Jahr lang hat er einen neuen Salon gesucht, währenddessen fuhr er Taxi. Nun gibt er auf, wie so viele andere, die das moderne Peking aufgebaut haben, nun aber nicht mehr erwünscht sind. Die Familie zieht nach Hause, in die Provinz Henan. Ein weiterer dunkler Fleck im Flickenteppich unserer Gefühle war das, die sich allmählich in unserer Brust verdichteten zu einem: Es reicht. Zeit auch für uns zu gehen.

Die Städte werden wieder rot. China macht wieder dicht.

Erstaunliche sechs Jahre waren das seit unserer Wiederkehr im Sommer 2012. Die Freiräume, die die Chinesen über die vorangegangenen Jahrzehnte hinweg erobert hatten, verschwanden einer nach dem anderen. Xi Jinping arbeitete seit seinem Amtsantritt Ende 2012 daran, die Partei noch ein Stück gottgleicher zu machen, als sie ohnehin schon immer gewesen war. Noch allwissender, noch allgegenwärtiger. Auch erbarmungsloser. In den ersten drei Jahren landeten sechs meiner Freunde, Bekannten und Interviewpartner im Gefängnis: Musiker, Journalisten, Rechtsanwälte. Eines Tages hing ein Plakat im Schaukasten des Nachbarschaftskomitees, das die Bürger in Comicform vor ausländischen Spionen warnte, am Beispiel einer hübschen Chinesin, die sich in einen blonden Gastwissenschaftler verliebt. «Gefährliche Liebe» stand als Titel darüber. Überall in der Stadt verschwanden auf Geheiss der Partei im vorigen Jahr Firmenschilder und kommerzielle Werbung von den Häusern und Wolkenkratzern, dafür tauchten neue rote Banner auf und Neonschriftzeichen: «Dem Kommando der Partei folgend/Erringen wir den Sieg.» Die Städte werden wieder rot. China macht wieder dicht.

Chili, rotes Gegengift. Man kann sich gut betäuben mit diesen Nudeln. You po gungun mian zu essen ist eine Erfahrung, die weit über das gewöhnliche Nudelessen hinausreicht. Pasta auf Speed, schwäbische Spätzle, die einer auf Feuerwerksraketen gebunden hat, so ungefähr. Sobald die Schüssel vor dir steht, tauchst du ab ins Fegefeuer, jauchzend, tauchst mit kitzelnden Lippen wieder auf, springst Trampolin auf dem Nudelbett. Schon die ersten Bissen heben einen hoch über Smog und Politik in eine Welt aus blauglitzernden Wolken und Engelsstaub. «Kellner!», rief Wang Lian. «Noch mal zwei Schüsseln!» Und zu mir: «Keine Widerrede! Das Schüsselchen hier reicht doch nicht, um dich über drei, vier Jahre Dänemark zu bringen.» Ein Posten in Kopenhagen wartete auf mich.

Essen ist Dreh- und Angelpunkt der Chinesen: Verschiedene Nudelgerichte in Schüsseln. Foto: Getty

«Die Europäer holen sich ihre Krankheiten beim Sex, wir Chinesen holen sie uns beim Essen.» Schon ein paar Jahre her, dass mir ein Pekinger Soziologe diesen Satz in den Block diktiert hat. Es gibt so Sätze, die ein Reporter bei seiner Arbeit sammelt, die graben sich ein. Klar, denke ich seither, was uns der Sex, ist den Chinesen ihr Essen: Dreh- und Angelpunkt ihres Verlangens. Über die Jahre bin ich in einigem sehr chinesisch geworden. Ich verlange oft ein Glas warmes Wasser, wenn mich einer fragt, was ich trinken möchte. Ich finde nichts bei Zahnpasta, die nach grünem Tee schmeckt. Ich fahre wie selbstverständlich mit dem Velo gegen die Fahrtrichtung, gern auch auf dem Trottoir.

2. Noch einmal auf einer fliegenden Taube sitzen

Mein erstes Rad einst in Xi’an war eine fei ge, eine fliegende Taube. Ein schwarzes, schweres Rad, auf dem man majestätisch durch die Strassen glitt, so lange wenigstens, bis klirrend ein Teil der Bremse oder der Pedale auf den Asphalt schepperte oder man wieder einen Platten hatte, alle zweihundert Meter also. Eine Pekinger Freundin hatte jetzt noch so eine eiserne Taube im Keller stehen, klapprig und verrostet. «Auf eigene Gefahr», sagte sie. Achtzig Yuan, rund zwölf Franken Reparaturgebühr später sass ich drauf und schwebte, na ja: rumpelte durch die Dongzhimenwai-Strasse, die bonbonbunten Leihveloherden ebenso ignorierend wie die aberwitzigen Knäuel an den grossen Kreuzungen. Ob ich das auch vermissen werde? Das Talent der in ihrem Herzen anarchischen Chinesen, aus dem Nichts Chaos zu schaffen, das sich auf den Strassen offenbart, wo zwei aufeinander zufahrende Autos auf einer zuvor leeren Kreuzung genügen als Keimzelle für den herrlichsten Stau. Wer in der Schule nicht aufgepasst hat beim Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, findet sie hier demonstriert, die wundersame Kraft, die Chaos schafft: wie die Welt sich scheinbar ohne äussere Einwirkung in sich selbst verwickelt und ihrer Auflösung entgegentaumelt.

Peking ist eine Velo-Metropole: Alleine Miet-Bikes gibt es mehrere Millionen in der chinesischen Hauptstadt. Foto: Reuters

Moment, vor dem Ende der Welt wollte ich auch noch einmal öffentlich pinkeln. Ich radelte auf der Taube zum Himmelstempel. Dort steht Pekings berühmteste Toilette. Bekannt wurde sie für die Klopapierausgabe, die nur noch per Gesichtserkennung funktioniert. Klopapier erhält, wer sein Gesicht vom Automaten scannen lässt. Pro Nase gibt es sechzig Zentimeter. Wer mehr braucht, muss neun Minuten lang warten. Gesichtserkennung ist ein grosses Ding in China. Das Parteiblatt «Renmin Ribao», die «Volkszeitung», schrieb vor einem Jahr stolz auf Twitter, die mittlerweile landesweit angebrachten Überwachungskameras des staatlichen «Himmelsnetzes» seien in der Lage, «jeden der 1,4 Milliarden Chinesen innerhalb von einer Sekunde zu identifizieren». Der Parteichef geht nicht nur mit einem Bein zurück zur leninistischen Diktatur der Fünfzigerjahre – das andere Bein streckt er weit in die Zukunft, er verpasst dem autoritären Staat ein digitales Update. Das Ding am Himmelstempel ist allerdings mehr Gadget als Überwachungsstaat. Ein verwirrendes dazu: Zwei, drei Minuten lang versuchte ich vergeblich, den Apparat dazu zu bringen, mir Papier auszuspucken. Da eilte ein freundlicher Wächter herbei: «Hier musst du drücken.»

Ich steckte das Papier ein und mass zu Hause nach: 62 Zentimeter. Manchmal ist der Staat über Erwarten grosszügig.

3. Einen verlorenen Freund wiederfinden

Gut, der Punkt hatte es als «schon erledigt» auf die Liste geschafft, das war nämlich in der Woche zuvor passiert. Der kleine Dong, ein gutmütiger, schlauer Bär mit traurigen Augen und einer Vorliebe für einsame Pianobars, war in meinen Anfangsjahren als Korrespondent nach 1997 mein bester Kumpan gewesen. Richtig schlau wurde ich nie aus ihm. Alle halbe Jahre schien er ein neues Auto, eine neue Freundin, eine neue Handynummer und einen neuen Job zu haben. Als wir 2012 nach Peking zurückkehrten, war er «Direktor Dong» und berichtete mir von seinem Plan, in Peking eine «Aristokratenschule» zu eröffnen: Er wollte verarmte europäische Adelige einfliegen lassen, die dann ungehobelten chinesischen Neureichen Manieren beibringen sollten. Aus der Schule wurde nichts. Einige Monate später war Dong verschwunden. Gerüchte machten die Runde, wonach er Schulden hatte bei mächtigen und vielleicht auch gefährlichen Leuten.

Der wahrhaft mutige Selbstversuch wäre heute vielmehr einen Monat lang nur mit Bargeld durch die Stadt gehen: QR-Code zum Bezahlen auf einem Markt in Weifang. Foto: Getty Images

Jahrelang blieb er wie vom Erdboden verschluckt. War er untergetaucht? Auf der Flucht? Hatten ihn seine Gläubiger erwischt? Und jetzt, nach mehr als fünf Jahren Funkstille, im Monat meiner Abreise, eine Nachricht: «Hallo, Kai, hier ist Dong. Wollen wir uns treffen?» Mir fiel ein Stein vom Herzen, tot war er also nicht. Wir trafen uns in einem Zhejiang-Lokal und grinsten uns über in Fenchel eingelegte Bohnen und gedünstete Auberginen hinweg erst einmal sprachlos an. Wo zum Teufel warst du?, dachte ich, aber ich kriegte es nicht über die Lippen. «Im Gefängnis sass ich», sagte er schliesslich. «In Guangzhou. Über vier Jahre.» Er seufzte. «Vertragsstreitereien.»

Dong, dessen echten Namen ich ebenfalls lieber nicht nenne, erzählte von überfüllten Zellen und sadistischen Wärtern, vor allem aber vom Gefangenenchor, den er dirigiert und zum Ruhme der Anstalt in diversen Sangeswettstreiten zu höchsten Ehren geführt habe. Dann sprach er von seiner neuen Freundin: einer Biologin in der Stammzellenforschung. Eine gemeinsame Firma wollten sie gründen, sagte Dong, und irgendwann auswandern. Als wir hinausgingen zu Dongs Auto, hätten wir beinahe einen Streit begonnen mit dem Parkplatzwächter, weil der kein Bargeld nehmen wollte – bezahlen nur per App. Ich dachte an den Selbstversuch, den ich vor kurzem gemacht hatte: einen Monat lang durch Peking ohne Bargeld und ohne Kreditkarte, nur mit Bezahl-App. War natürlich kein Problem gewesen, in einer Stadt, in der einem schon die Bettler Pappdeckel mit Barcodes zum Scannen entgegenstrecken. Der wahrhaft mutige Selbstversuch wäre in Peking heute vielmehr der: einen Monat lang nur mit Bargeld durch die Stadt.

4. Noch einmal mit Freunden den Mond besingen

Eigentlich war der Plan gewesen: «Noch einmal mit den Dichterkumpels Baijiu trinken», den berüchtigten chinesischen Hirse- oder Reisschnaps. Chinas Dichter sind seit Jahrtausenden stolze Trinker und selbst erklärte liumang, Tunichtgute. Dann allerdings teilte mir mein Fre- und Mang Ke mit, er betrinke sich gern mit mir, aber nur noch mit japanischem Whisky. «Baijiu haben wir gesoffen, als wir noch arm waren.» Seit Mang Ke vor ein paar Jahren in höchster wirtschaftlicher Not – schon wieder eine Scheidung, schon wieder ein Kind – umsattelte vom Dichten aufs Malen, ist er nicht mehr arm.

Wir einigten uns auf ein Abschiedsessen zum anstehenden Mondfest. Wenn der Mond so rund und so hell ist wie sonst nie. Wenn Freunde und Familie sich wiedersehen. Wenn sich der Kreis schliesst. Noch drei Tage bis zu meiner Abreise. Bing Bing lud mich und meine besten Freunde in ihren Klub auf dem Gelände des «798» ein, einst aufregende Künstlerfabrik, heute mehr Vergnügungspark. Als wir uns 1997 kennen lernten, hatte Bing Bing blonde Haare und eine Kneipe, in der Pekings Musiker-Untergrund zu Hause war. Heute ist sie Unternehmerin, trägt öfter mal Kostüm, aber ihr Lachen und ihre scheinbar unschuldigen Fragen, die auf den Kern des Ungesagten zielen und die Menschen um sie herum aus der Fassung bringen, sind die gleichen. Wir sassen um den Tisch und redeten über China.

Die Polizei habe gerade ihre Schule geschlossen, erzählte eine alte Pekinger Freundin, schon seit vielen Jahren buddhistische Nonne: die Schule für tibetische Waisenkinder, die sie mehr als ein Jahrzehnt lang in der Provinz Yunnan mit Erfolg betrieben hatte. Mit zu grossem Erfolg wohl. Man habe ihr gesagt, die Schule sei «illegal» und «ungesund» für die Gesellschaft. «Aus ihrer Sicht», sagte die Freundin, «entzogen wir die Kinder der staatlichen Gehirnwäsche. Sie dulden das nicht mehr.»

Der Fotograf neben ihr war gerade von einer Schulung zurückgekommen: vier Tage in den Jinggang-Bergen, im Bürgerkrieg ein berühmter Rückzugsort der Roten Armee. Die ganze Redaktion seines Hochglanzmagazins war dorthin befohlen worden. Kurstitel: «Lass den Glauben dein Leben erleuchten!» Den Glauben an die heilige Mission der Kommunistischen Partei. Vier Tage lang gab es von morgens neun bis nachmittags um vier Uhr politische Schulung: die alten Heldentaten der Soldaten und Parteikader hier in den Bergen und die welterschütternde Vision des Steuermannes Xi Jinping in Peking. Sie mussten fleissig büffeln, am Ende wurden sie geprüft. Über die stets «grosse, glorreiche und korrekte» Partei. Über den Marxismus, der der Welt heute noch Leitstern sei. Über den Chinesischen Traum des Xi Jinping, der endlich die Wiedergeburt der grossen alten Nation Wirklichkeit werden lasse.

Vor der Abreise, erzählte der Fotograf, seien sie vom Seminarleiter mit diesen Worten zurück nach Peking verabschiedet worden: «Ihr werdet die Wirkung dieses gesegneten roten Ortes erleben wie andere vor euch: Wer von hier heimkehrt und sich Reichtum wünscht, der wird reich werden. Wer gesund werden möchte, dem wird Gesundheit geschenkt.»

«Himmel», sagte die Universitätsdozentin: «Jetzt ist das schon eine Religion.» Sie berichtete von ihrer Uni. «Die ideologische Arbeit bestimmt nun alles», sagte sie. Die Studenten würden von der Partei wieder zur Denunziation angestiftet. Vor ein paar Monaten habe die Parteizelle an ihrer Universität überraschend zum ersten Mal einen weiwenfei unter den Lehrern verteilt, einen «Stabilitätsbonus». Sie selbst habe 40'000 Yuan erhalten, gut 6000 Franken: weil sie im vergangenen Jahr nicht ein kritisches Wort über die Partei verloren hatte. «Es ist ganz einfach: Sie wollen dich kontrollieren», sagte die Dozentin. «Und? Kontrollieren sie euch?» – «Klar doch», antwortete jetzt der Ehemann: «Sonst sässen wir heute Abend nicht hier.»

Das China von Reform und Öffnung war nicht mehr.

Er erzählte von einem befreundeten Ehepaar, Akademiker auch sie, das seinem Sohn ein paar Tage zuvor aufgeregt mitgeteilt hatte, die Familie werde sich in diesem Jahr eine Auslandsreise leisten, und er dürfe seinen zwölften Geburtstag in Europa feiern. «Nein!», habe das Kind gerufen. «Ich gehe nicht ins Ausland. Meinen Geburtstag feiere ich nur im Vaterland!» Die Dozentin schüttelte den Kopf, fassungslos. «Was machen sie mit unseren Kindern?»

«Habt ihrs schon gehört?», fragte ich irgendwann in die Runde: «Der kleine Dong ist wieder da!» Ich berichtete von unserem Wiedersehen und vom Gefangenenchor. «Ich habe ihn vor ein paar Wochen im Fernsehen gesehen!», rief da der Glatzkopf Qi vom Ende der Tafel. Die Augen aller wurden jetzt noch grösser. Der kleine Dong – im Fernsehen? «Ja, in einer dieser Verbrechen- und-Recht-Sendungen im Staatsfernsehen», sagte Qi. «Sie haben Dong vorgeführt und interviewt, als Fallbeispiel für einen verurteilten Hochstapler. Er soll eine ganze Reihe von Frauen um ihr Geld betrogen haben. Er war so etwas wie ein Heiratsschwindler.» Ich starrte Qi an. «An einer Stelle hat der kleine Dong dem Interviewer gesagt: ‹Aber ich mochte sie doch alle, und sie mochten mich.›»

«Hey», sagte Bing Bing, «lasst uns auf die Dachterrasse gehen, den Mond anschauen.»

Der Mond hing fahl am Nachthimmel, der wie so oft in Peking mehr grau war als schwarz. Wir schwiegen, nicht allein des Abschieds wegen: Das China, das uns unser Leben lang begleitet hatte, das China von Reform und Öffnung, war nicht mehr. Wir tranken, bis uns nicht mehr bange war. Rotwein, aus Sichuan.

5. Noch einmal über die Liebe sprechen

«Es gibt in diesem Land kein Sicherheitsgefühl.»

«Es gibt hier keine Moral.»

«Es gibt hier kein Vertrauen.»

Keine Sätze hörte ich in den vergangenen sechs Jahren in China öfter als diese drei. «Da fehlt ein Satz», sagte Wang Lian: «Es gibt hier keine Liebe.» Wang Lian, mein seit Monaten vom Liebeskummer geschüttelter Freund. Ob mich das etwa wundere, fragte er, «dass in einem Land, in dem Glauben und Gewissen verkauft werden, auch die Liebe zum Verkauf steht»?

Wang Lian hatte die Schauspielerin mit achtzehn kennen gelernt. Sie war so alt wie er und so schön, dass sie in den Achtzigerjahren zum Star einiger Kinofilme wurde. Später heiratete sie einen reichen Bauunternehmer, noch später einen Professor am Konservatorium in Singapur, der früh starb. Drei Jahrzehnte vergingen, ehe Wang Lian sie wiedertraf, vor zwei Jahren war das, vor der Tür eines Restaurants. Sie zogen bald zusammen. Auf mich wirkten sie wie ein ungleiches Paar: sie, die elegant und teuer gekleidete und dabei recht konventionelle Schöne, und er, der langhaarige Künstler in kurzen Hosen und Schlabbershirt, der seiner Gitarre schräge Töne und seinem Pinsel dunkle Striche entlockte. «Aber sie malt!», rief er begeistert. Ja, sie malte: brave Stillleben in Öl. «Und sie ist so schön!», rief er. In der Tat, das war sie.

«Wenn du kein Loser sein willst, dann fährst du am besten einen BMW.»Wang Lian

Es traf ihn tief, als die Schauspielerin ihm eines Tages eröffnete, es sei an der Zeit, dass er ihr als Zeichen seiner Liebe ein Haus kaufe. Als er sie ungläubig ansah, fügte sie hinzu, zudem solle er ihr bitte von jetzt an eine Apanage überweisen, 200 000 Yuan im Jahr – etwa 30'000 Franken. Wofür sie das Geld brauche, fragte er, sie habe doch zwei Wohnungen in Peking und eine in Singapur? Das gehe ihn nichts an, sagte sie. Es sei seine Aufgabe als Mann, für sie zu sorgen.

«Dieses Land hat seine Werte verloren», sagte Wang Lian. «Hier zählt nur noch der Profit. Wenn du kein Loser sein willst, dann fährst du am besten einen BMW, der einen zweiten BMW im Schlepptau hat. Keine hier liebt dich dafür, dass du ein gutes Herz hast. Es zählt nicht, wenn du weisst, wo Schönheit zu finden ist, wenn du dich mit Kunst und Musik auskennst. Alles, was in China zählt, ist Profit, Profit, Profit. Und die Liebe ist Teil dieses Spiels.» Dass Partnersuchende in China oft mehr rechnen als flirten, ist eine alte Klage. Die Romantiker unter meinen Bekannten waren oft auf die Nase gefallen, aber Wang Lian schlug nun den ganz grossen Bogen: «Wo ist das China von früher, das China, das den Dichter Li Bai anbetete, die Nation, die das Genie Du Fus unsterblich machte? Der Kommunismus ist tot, religiös dürfen wir nicht sein, die Partei erlaubt uns nur eines, weil es uns ablenkt: die Gier nach Geld. Die Gier hat dieses Volk zerstört, wir leben in einer pervertierten Gesellschaft.»

Ich musste an eine Umfrage denken, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut Ipsos, das 2017 weltweit Menschen gefragt hatte, was sie in ihren Gesellschaften am meisten beunruhige. Die Antworten waren fast überall «Arbeitslosigkeit», «Korruption» oder «Ungleichheit». China war das einzige Land, in dem die Bürger als ihre grösste Sorge den «moralischen Verfall» angaben.

Ob er schon daran gedacht habe, fragte ich dennoch vorsichtig, dass seine Schauspielerin vielleicht ohnehin hatte Schluss machen wollen? Wang Lian zögerte kurz. «Ja», sagte er dann. «Sie hat sich meiner geschämt.»

6. Noch einmal ins Kino gehen, Jia Zhangke schauen

Meine Lieblingsszene im chinesischen Kino ist aus Jia Zhangkes Film «Still Life» von 2006. Er spielt in einer städtischen Ruinenlandschaft. Der Film folgt einem Mann und einer Frau, beide auf der Suche nach ihren ehemaligen Partnern. Sie rauchen, sie essen, sie reden, sie schauen, sie gehen, sie rauchen. Und Suche ist hier jede Geste, Suche ist jedes Wort und jeder Blick. Die postapokalyptisch wirkende Abbruchlandschaft, durch die die Figuren irren, wirkt wie die Szenerie einer dystopischen Graphic Novel. Ein genialer Kunstgriff des Regisseurs, dass die Ruinenlandschaft dem Zuschauer immer präsent ist und doch im Film nicht ein einziges Mal zum Thema wird.

Die Partei huldigt seit ein paar Jahren wieder Mao und hat gleichzeitig Peking zur Milliardärshauptstadt der Welt gemacht.

«Still Life» ist ein Autorenfilm, realistisch gedreht, lakonisch erzählt er von der Verlorenheit seiner Figuren. Gegen Ende dann, ganz ohne Vorwarnung, zündet im Hintergrund eines der Häuser Raketentriebwerke und hebt gen Weltraum ab. Einfach so, ohne dass einer der Protagonisten den Blick hinwenden würde und ohne dass der Zuschauer noch schockiert wäre. Da steigt halt ein Haus in den Himmel, na und?

Es wundert einen nichts mehr in diesem Land, für das die Schwerkraft ausser Kraft gesetzt scheint. Hier regiert eine Partei, die es den Drehbuchautoren des Landes verbietet, Zeitreisen in ihre Spielfilme zu schreiben, «aus Respekt vor der Geschichte». Gleichzeitig befiehlt diese Partei, atheistisch bis in die Knochen, dem Dalai Lama die Wiedergeburt – und zwar auf chinesischem Boden. Diese Partei huldigt seit ein paar Jahren wieder Marx und Mao und hat gleichzeitig Peking zur Milliardärshauptstadt der Welt gemacht. «Das hier ist China», sagt Cui Jian, Chinas berühmtester Rockmusiker: «Hier muss nichts Sinn ergeben.» Künstler wie Jia Zhangke spüren dem Sinn der Existenz an diesem Ort dennoch nach. Von der Sturheit der Liebe handelt sein neuer Film und vom Verrat, von Gangstern, von der Korruption und vom Durchstehen. Und davon, wie man sich am Ende einrichtet in erkalteter Asche. Kein Trost hier, nein; Überleben, immerhin.

7. Noch einmal die Himmelsleiter erklettern

Wang Lian war nicht mitgekommen nach Jiankou. Zuletzt war er mit der Schauspielerin hier gewesen, sie hatte Spitzenhandschuhe angehabt, als wir die Mauer erklommen, der Sonne wegen, die ihre bleiche Haut nicht bräunen sollte. Wilde Mauer ist das hier, zwei Stunden Fahrt vom Stadtzentrum, halb zerfallen, tiefe Schluchten, hohe Grate. Mein liebster Ort, meine Weltenflucht. Wang Lian hatte keine Lust auf noch mehr Erinnerungen, nun kletterte ich allein über einen an die Mauer gelehnten dünnen Baumstamm auf die Einstiegszinne. Oben sass der Mauerbauer, also der Bauer auf der Mauer. Der da immer sitzt. Von dem sie unten im Dorf sagen, ihn habe einst der Blitz getroffen, seither sei er nicht mehr der Hellste im Kopf. Der sonst immer den zerschlissenen Schreibtischstuhl vor die hohe Wand gestellt hatte und darauf die selbst gezimmerte Leiter. Der uns dafür immer fünf Yuan abgeknöpft hatte, pro Kletterer. «Wo ist die Leiter?», fragte ich. Er zuckte mit den Schultern. «Die Partei hats mir verboten», sagte er. «Sie haben gesagt, ich würde hier Geld kassieren.» Deshalb nur ein Baumstamm, keine Leiter. «Hey!», rief er, als ich weiterwollte. Er deutete auf den Baumstamm und dann auf seine Kühlbox: «Kauf mir eine Cola ab!» Ich seufzte. «Macht zwanzig Yuan.»

Neben Touristen besuchen auch ausländische Politiker die Chinesische Mauer: die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf Staatsbesuch. Foto: Keystone

Ich kletterte eine halbe Stunde lang, dann erreichte ich das Plateau, auf dem wir neulich mit den Kindern eine Nacht verbracht hatten. Wenn man einen der Türme erklommen hat, vielleicht sogar über die in die Wolken stossende Wand, die die Leute Himmelsleiter nennen, und hinabblickt auf Steilwände und endlose Gebirgszüge, dann versteht man, warum die Chinesen die etwa 5000 Kilometer lange Mauer einen Drachen genannt haben. Wie sonst soll dieses elegante Ungeheuer hier gelandet sein, auf aberwitzig schroffem Fels und schmalen Kämmen? Ist es überhaupt möglich, dass das hier menschengemacht ist? Wenn ja, zeigt einem die Grosse Mauer, wozu der Mensch fähig ist: zu Übermenschlichem und zur vollendeten Majestät. Vor allem aber: zu unmenschlicher Grausamkeit und vollendet majestätischem Unsinn. Sie ist der Stein gewordene Wille eines Herrschers, der dafür Heerscharen von Untertanen opferte. Ein auf Menschenfleisch erbautes Weltwunder, das seinen Sinn nie erfüllte: Die Barbaren, die Mongolen und die Mandschuren, überrannten China trotzdem. «Ein Wunder und ein Fluch» nannte die Grosse Mauer einst Lu Xun, der grösste Schriftsteller des Landes: «Das Alte und das Neue tun sich zusammen, um uns einzusperren. Wann endlich werden wir aufhören, der Mauer neue Steine hinzuzufügen?» An manchen Tagen, wenn Wolkengebirge am Himmel stehen oder Nebelschlieren über das Grün der Hügel aufsteigen und an den Wachtürmen zerreissen wie feine Seidentücher, ist es, als steige man in ein Gemälde. Dann ist das hier nicht nur der schönste Ort Pekings, sondern der Welt. Jetzt kann ichs ja verraten: Nein, vom Mond aus kann man die Mauer nicht sehen, wohl aber von der Mauer aus den Mond. Es ist wohl der einzige Ort rund um die Hauptstadt, wo man ihn wirklich sieht.

Am nächsten Tag fuhr ich zurück in die Stadt und packte. Ich bestieg den Zug und fuhr nach Hongkong. Beim Aussteigen war das Letzte, was ich von China sah, das Plakat zwischen Zugtoilette und Waggontür. «Der Sozialismus ist gut», stand da. «Jeder Tag bringt ein neues China.»

Erstellt: 05.03.2019, 11:44 Uhr

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