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Stille Grossmacht

Die Vereinigten Arabischen Emirate werden als durchgestyltes Land wahrgenommen. Doch sie entsenden Soldaten in fast alle Krisengebiete der Region.

Dubai hell: Die Skyline der Metropole am Persischen Golf ragt aus dem Nebel; rechts der Burj Khalifa. Foto: Tom Dulat (Getty Images)
Dubai hell: Die Skyline der Metropole am Persischen Golf ragt aus dem Nebel; rechts der Burj Khalifa. Foto: Tom Dulat (Getty Images)

Die Vereinigten Arabischen Emirate warten mit Superlativen auf: In Dubai steht der Burj Khalifa, mit 829,8 Metern das höchste Gebäude der Welt. Man kann für umgerechnet 60 Franken einen Burger aus japanischem Wagyu-Beef verspeisen, der mit 24 Karat Blattgold garniert ist. Während sich Dubai ein Ministerium für Glück leistet, ist das grössere Abu Dhabi weniger exaltiert, nennt dafür aber mit 875 Milliarden Dollar Einlagen einen der reichsten Staatsfonds sein Eigen und hat sich eine Dépendance des Guggenheim-Museums in New York gekauft und eine des Louvre in Paris. Dessen Ausstellungshalle mit einer 7000 Tonnen schweren Kuppel wird an diesem Wochenende eröffnet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate bestehen aus Abu Dhabi, Ajman, Dubai, Fujairah, Ras al-Khaimah, Sharjah und Umm al-Qaiwain. An den Gestaden des Golfs locken glitzernde Skylines die Touristen; Wolkenkratzer von Stararchitekten, palmenförmige Inseln, Sandstrände. Die Föderation aus den sieben Emiraten hat es geschafft, sich international das Image eines obszön reichen, aber stabilen Staates zuzulegen, was schon viel ist in dieser Region.

Weniger wahrgenommen wird, dass die Emirate zur heimlichen Grossmacht am Golf und im Nahen Osten aufgestiegen sind. Ausgestattet mit der wohl schlagkräftigsten Armee der Region und einer Söldnertruppe, ist das Land in fast allen Krisenherden involviert: im Bürgerkrieg im Jemen, in Libyen, bei den Luftangriffen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien. Es ist Wortführer in der Katarkrise, mischt bei den Palästinensern mit. Und es hat erheblichen Einfluss in Ägypten, mehr womöglich als das grössere Saudi­arabien, das als die sunnitische Führungsmacht gilt.

Religiösem und politischem Extremismus entgegentreten

Unter den sieben Emiraten gibt Abu Dhabi aussenpolitisch den Ton an. Anwar Gargash, Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten, sagte: «Für unsere Region sind die Prioritäten, das Leiden der Menschen in Syrien und vielen anderen Ländern zu beenden und die arabische Welt vor der Einmischung des Iran, der Türkei und anderer Länder zu bewahren.» Es gelte, religiösem und politischem Extremismus entgegenzutreten – was Abu Dhabi gleichermassen auf den schiitischen Islamismus der Iraner bezieht wie auf den sunnitischen der Muslimbruderschaft und ihrer Unterstützer in der Türkei und in Katar. Und natürlich auf die Jihadisten des IS und das Terrornetzwerk al-Qaida.

Die Emirate haben 2016 nach US-Angaben 23,5 Milliarden Dollar für die Verteidigung ausgegeben, 2025 sollen es 40 Milliarden sein – in einem Land mit 9,5 Millionen Einwohnern, aber nur 1,5 Millionen eigenen Bürgern. Die Emirate gehören seit Jahren zu den weltgrössten Waffenimporteuren. Sie wenden 6,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung fürs Militär auf, die USA 3,2 Prozent.

Söldner aus Kolumbien

Doch die Strategie setzt nicht allein auf Militärmacht: Kein Land gibt mehr Geld aus, um sich mit Lobbyfirmen Regierung und Kongress in den USA gewogen zu zeigen oder die Mächtigen in Europa für sich einzunehmen. Der Botschafter der Emirate in Washington, Yousef al-Otaiba, verfügt über beste Kontakte. Das war schon unter Präsident Barack Obama so, unter Donald Trump noch mehr: Dessen Schwiegersohn Jared Kushner zählt zu den Vertrauten des Botschafters. James Mattis beriet das ­Militär der Emirate, bevor er US-Verteidigungsminister wurde.

Jahrzehntelang hatte sich das einstige britische Protektorat, das erst 1971 die Unabhängigkeit erlangte, auf US-Sicherheitsgarantien verlassen und eine risikoscheue Aussenpolitik betrieben. Das bevorzugte Mittel, um Einfluss zu nehmen, waren Petrodollars. Allerdings nutzten die Emirate früh Gelegenheiten, Spezialeinheiten des Militärs an der Seite westlicher Armeen einzusetzen. Sie beteiligten sich an der Befreiung Kuwaits von den irakischen Invasoren 1990, entsandten Ende der 90er an die 1500 Soldaten und Helikopter zur Unterstützung der Nato auf den Balkan. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 schickte man eine Elitetruppe nach Afghanistan in den Kampf gegen die Taliban.

Die Abkehr von der passiven Aussen- und Sicherheitspolitik kam, als der Arabische Frühling 2011 die Architektur der Region ins Wanken brachte. Kronprinz Scheich Muhammad bin Zayed, Ober­befehlshaber der Streitkräfte, gilt als treibende Kraft hinter der offensiveren Politik. An der britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet, stieg er nach dem Tod seines Vaters 2004 zum mächtigsten Mann auf, obwohl sein kränkelnder Halbbruder, Scheich Khalifa bin Zayed, nominell Emir von Abu Dhabi ist und damit Präsident der Föderation.

Spezialeinheiten der Emirate kämpften an der Seite westlicher Truppen im Irak, auf dem Balkan oder in Afghanistan.

Die Emirate beteiligten sich am Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Ghadhafi. Aber sie sahen es als Fehler an, dass die USA in Ägypten ihren Verbündeten Hosni Mubarak fallen liessen. In Bahrain halfen sie, den Aufstand der schiitischen Bevölkerungsmehrheit niederzuschlagen. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch die Annäherung der USA an den Iran unter Barack Obama, die im Nuklearabkommen vom Sommer 2015 gipfelte.

Eine halbe Million Iraner leben in den Emiraten und machten während der Sanktionen trotzdem glänzende Geschäfte. Dazu kam der Thronwechsel in Saudiarabien im Januar desselben Jahres. Muhammad bin Zayed nahm schnell den neuen Verteidigungsminister, Königssohn Muhammad bin Salman, für sich ein – sein Einfluss ist auch beim Umbau der Wirtschaft unverkennbar. Zusammen planten sie die Intervention im Jemen, nachdem vom Iran unterstützte Huthi-Milizionäre Präsident Abd Rabbuh Mansur al-Hadi vertrieben hatten.

Während Saudiarabien seinen verheerenden Luftkrieg im Norden des Jemen startete, schickten die Emirate Truppen in den Süden. Es war der erste Einsatz einer Einheit, die von 2010 an aufgebaut worden war, anfangs mithilfe von Erik Prince, Gründer der berüchtigten US-Militärfirma Blackwater. Er rekrutierte Soldaten aus Lateinamerika – die Emirate wollten Kolumbianer, die Erfahrung mitbrachten aus dem Guerillakrieg.

53 Soldaten starben bei Raketenangriff

Muhammad bin Zayed führte 2014 eine zweijährige Wehrpflicht ein, für Akademiker verkürzt auf neun Monate. 53 Soldaten der Emirate starben im September 2015, als eine Rakete der Huthis ein Feldlager traf, der schwerste Verlust seit der Unabhängigkeit 1971. Zunächst wurden die Soldaten abgezogen. Doch richtet sich Abu Dhabi auf eine dauerhafte Präsenz ein. Es pachtete zwei Stützpunkte in Eritrea und Somaliland, die über den Jemenkrieg hinaus dazu dienen sollen, Piraten und Terroristen am Horn von Afrika zu bekämpfen und die Seewege zu sichern.

Für sie ist im Jemen der Kampf gegen die Huthi in den Hintergrund getreten. Die al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ist das zentrale Ziel. In Libyen unterstützen die Emirate zusammen mit Ägypten Khalifa Haftar, den starken Mann im Osten, Kommandant der libyschen Nationalarmee, die nicht mehr ist als ein Sammelsurium von Milizen und Söldnern. Beide Staaten unterlaufen laut UNO-­Berichten das Waffenembargo und flogen wiederholt Luftangriffe auf Ziele in Libyen. Offiziell richten auch sie sich gegen jihadistische Milizen, allerdings führen Abu Dhabi und Kairo in Libyen einen Stellvertreterkrieg gegen islamistische Gruppen, die von Katar und der Türkei unterstützt werden.

Ähnlich ist es in den Palästinensergebieten: Ägypten und die Emirate wollen dort Katar und den Iran, die wichtigsten Unterstützer der Hamas, aus dem Gazastreifen verdrängen. Nun bringen sie ihren Wunschkandidaten für die Nachfolge von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in Stellung: Muhammad Dahlan, den einstigen Sicherheitschef der Fatah für Gaza, der seit Jahren im Exil in Abu Dhabi lebt.

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