Dieser Gipfel ist nur der Anfang

Bei ihrem Treffen an der Grenze wollen Kim Jong-un und Moon Jae-in demonstrieren: Nun wird alles anders. Es gibt aber einige Stolpersteine.

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Wenn der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un heute Nacht im Waffenstillstandsdorf Panmunjom die militärische Grenzlinie übertritt, zelebrieren die beiden Koreas dies als Neuanfang. Ihrem dritten innerkoreanischen Gipfel nach 2000 und 2007 haben sie das Motto «Friede, ein neuer Start» gegeben.

Das Treffen des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in mit Kim soll die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel einleiten, den Abschluss eines Friedensvertrags mit einer Friedenserklärung vorbereiten und die Basis für engere innerkoreanische Beziehungen legen. Die Choreografie des Gipfels, dessen zeremonielle Phasen in beiden Koreas vom Fernsehen live übertragen wird, soll den Koreanern in beiden Ländern auch demonstrieren: Von nun wird alles anders.

Nach der Begrüssung auf der Grenze werden Moon und Kim von einer traditionellen koreanischen Ehrenwache auf den Platz vor dem «Friedenshaus» geführt, dem Tagungsort. Dort werden sie eine südkoreanische Ehrengarde abschreiten. Dass Nordkoreas junger Diktator eine südkoreanischen Ehrenwache inspiziert, war vor einem halben Jahr noch undenkbar. Und auch, dass südkoreanische Journalisten vor Kims Grenzübertritt auf die Nordseite gelassen werden, um ihn zu begleiten.

Auch der gemeinsam gepflanzte Baum fehlt nicht

Nach der Gesprächsrunde am Vormittag werden die beiden Seiten getrennt essen, anschliessend pflanzen Moon und Kim eine Kiefer zur Erinnerung an den Gipfel. Nach einem kurzen gemeinsamen Spaziergang führen Kim und Moon eine zweite Gesprächsrunde, danach werden sie eine Erklärung unterzeichnen. Danach feiern die beiden Delegationen ihren Neuanfang mit einem Bankett.

Moon will Kim für die Zukunft regelmässige Gipfel vorschlagen, eine direkte Telefonlinie zwischen den beiden Staatschefs wurde bereits in Betrieb genommen. Ob sich die Ehefrauen von Moon und Kim und womöglich auch Kims Schwester Yo-jong dazugesellen, war auch am Donnerstag nicht zu erfahren.

Video – Nordkorea verkündet Stopp von Atomtests

Vor den geplanten Gipfeltreffen mit Südkorea und den USA hat Nordkorea angekündigt, ab sofort seine Atomwaffen- und Raketentests auszusetzen. (Video: Reuters)

In Korea ist Symbolik immer wichtig, bei diesem Gipfel aber besonders. Einerseits hat Nordkorea bisher nicht auf Atomwaffen gesetzt, weil es sich nicht vom Süden bedroht fühlt, sondern von den USA. Die von Washington geforderte «komplette, verifizierbare irreversible Denuklearisierung» muss Nordkorea deshalb mit Trump aushandeln. Kim will dafür von den USA eine «komplette, verifizierbare irreversible Sicherheitsgarantie». Das würde eine Regimegarantie einschliessen. Diese dürfte ohne Friedensvertrag nicht möglich sein – doch dafür wird Trump die Zustimmung des US-Kongresses benötigen. Stolpersteine gibt es also genug.

Kim braucht eine neue Legitimation

Südkorea blickt optimistisch auf den innerkoreanischen Gipfel; und mit vielleicht etwas weniger Überzeugung auch auf das Treffen Kims mit Trump. Nordkorea sei nicht das Nordkorea von vor einigen Jahren, heisst es in diplomatischen Kreisen in Seoul. Während Kims Vater Kim Jong-il sich auf seine «Songun» (das Militär zuerst) genannte Politik stützte, propagierte Kim Jong-un bald nach seinem Amtsantritt «Byungjin», das Wort steht für eine parallele Entwicklung von Atomwaffen und Wirtschaft. In November hat er «Byungjin» für vollzogen erklärt, die Abschreckung sei garantiert. Er könne sich nun auf die Entwicklung der Wirtschaft konzentrieren.


In der Grabkammer der selbst ernannten Sonnen
In Nordkorea herrscht seit 70 Jahren eine absurde Familiendiktatur – eine Reportage aus dem heiligsten Ort des säkularen Gottesstaates. (Abo+)


Kim Jong-uns oberstes Ziel, wichtiger als die Erhaltung seines Landes, ist der garantierte Fortbestand seines Regimes. Seinem Vater gelang das noch mit blosser Repression. Aber zur Legitimation seiner Herrschaft genügen Kim selbst die Atomwaffen nicht mehr, mit denen er seine Macht besonders nach innen markiert.

Nordkoreas Wirtschaft verwandelt sich langsam in eine Marktwirtschaft; und zwar von unten nach oben. Damit ihm die Herrschaft nicht entgleitet, braucht Kim eine neue Legitimation: Er muss sich an die Spitze einer Wirtschaftsentwicklung stellen, die eigentlich ohne ihn angefangen hat. Im Idealfall gelingt es ihm, die Wirtschaft zu öffnen und zu liberalisieren, ohne seine Herrschaft einzubüssen. Deshalb möchte er atomar abrüsten, wie Experten in Seoul vermuten.

UNO-Sanktionen noch wenig wirksam

In Seoul wird auch der Zeitpunkt diskutiert. Warum jetzt? Die Raketentests vom Vorjahr, die keine Tests, sondern Drohgebärden waren, hatten ihren Zweck erreicht. Im Herbst habe Pyongyang erkannt, dass es mit seinen Provokationen zu weit gegangen sei und Washington tatsächlich einen Militärschlag erwäge, sagt Andrei Lankow von der Kookmin-Universität in Seoul.

Die UNO-Sanktionen hätten noch nicht so viel Wirkung gezeigt, dass sie Kim zu Verhandlungen zwingen würden. In Pyongyang verstehe man jedoch, dass sie sich in Zukunft auswirken würden.

Ausserdem sind die Testtunnels auf dem Atomgelände Nordkoreas eingestürzt, sie sind nicht mehr zu gebrauchen. Dann kamen die Olympischen Winterspiele, die Kim den Anlass zur Avance gaben. Zudem hatte man in Pyongyang verstanden, dass die vorige südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye kein Interesse an einem innerkoreanischen Ausgleich hatte. Für Präsident Moon dagegen ist er eine Priorität.

Keine Provokationen vor dem Jahrestag

Moon, Kim und Trump suchen den Erfolg. Südkorea wählt am 13. Juni seine Lokalparlamente. Moons Demokraten bietet sich die Chance, die Konservativen der geschassten Präsidentin Park Geun-hye in vielen Regionen zu besiegen.

Nordkorea begeht am 9. September den 70. Jahrestag seiner Gründung, bis dahin, davon sind die meisten Experten überzeugt, werde Pyongyang sicher nicht provozieren. Und bis dann sei hoffentlich ein Friedensprozess aufgegleist, der sich nicht leicht rückgängig machen lasse. Ausserdem dürften alle drei Staatschefs noch länger im Amt bleiben. Denn dieser Gipfel ist nur ein Anfang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 21:42 Uhr

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