Attentäter in Jakarta hatten Paris als Vorbild

Die Islamisten in Indonesien scheinen wieder zu erstarken – dank Unterstützung durch den Islamischen Staat. Es ist der alte Terror in neuem Gewand.

«Alte Extremisten» neu formiert: Ein IS-Anhänger mit Stirnband der Terrorgruppe in Surabaya, Indonesien. (Juni 2014)

«Alte Extremisten» neu formiert: Ein IS-Anhänger mit Stirnband der Terrorgruppe in Surabaya, Indonesien. (Juni 2014) Bild: Keystone

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Der Anschlag von Jakarta weckt böse Erinnerungen: Lange hatten muslimische Extremisten auch in Indonesien Angst und Schrecken verbreitet - trauriger Höhepunkt war die Bomben-Explosion auf der Insel Bali im Jahr 2002. Damals wurden 202 Menschen getötet. Doch inzwischen galten die Terrornetzwerke des Landes als weitgehend zerschlagen.

In dieser Woche haben sie das Gegenteil bewiesen. Die Attentäter von Jakarta stammten aus dem direkten Umfeld der einst gefürchteten Jemaah Islamiyah. Zwölf Verdächtige wurden festgenommen, hiess es aus Polizeikreisen. Einer davon habe eine Überweisung aus dem Umfeld des IS erhalten, um den Anschlag zu finanzieren.

Weiter haben die Behörden mehr als ein Dutzend Internet-Seiten gesperrt, auf denen Unterstützung für die Attentäter zum Ausdruck gebracht worden sei. Zu dem Angriff hatte sich die Terrormiliz Islamischer Staat bekannt. Angestiftet wurden sie aber wohl von einem Indonesier, der für den IS in Syrien kämpft.

«Alte Extremisten» neu formiert

Nach bisherigen Erkenntnissen der indonesischen Polizei sieht es ganz danach aus, als hätten sich die «alten Extremisten» des Landes unter dem Banner der sunnitischen Terrormiliz IS neu formiert.

Einige Anzeichen dafür hatte es zuletzt schon gegeben. Die Regierung in Jakarta musste einräumen, dass mehrere hundert Indonesier nach Syrien gereist sind, um sich dort am IS-Terror zu beteiligen. Und auch im Land selbst kam es vereinzelt zu kleineren Kundgebungen von IS-Sympathisanten.

Blog: Methoden der Attentäter von Paris genau studieren

Eigentlich ist der Anti-Terrorkampf des südostasiatischen Landes eine Erfolgsgeschichte. Doch nach Ansicht einiger Experten führte die Strategie zuletzt an aktuellen Entwicklungen vorbei. Die von den USA und Australien ausgebildeten Sondereinheiten mögen zwar in entlegenen Regionen der Insel Sulawesi die letzten Verstecke der Jemaah Islamiyah aufspüren. In der unmittelbaren Umgebung der Hauptstadt bilden sich derweil aber ganz neue Netzwerke.

Besonders einflussreich ist offenbar der radikale Islamist Bahrun Naim. Von Syrien aus hatte der Indonesier seine Anhänger in einem Blog dazu aufgefordert, die Methoden der Attentäter von Paris genau zu studieren. So verheerend wie der Terror in der französischen Hauptstadt im November war der Anschlag an diesem Donnerstag in Jakarta zwar bei weitem nicht. Aber in der Art lassen sich durchaus einige Parallelen erkennen.

Finanzielle Hilfe von Indonesier in Syrien

Am helllichten Tag stürmten die indonesischen Angreifer im Herzen der Stadt ein beliebtes Café und eine Polizeiwache. Neben den Attentätern selbst kamen dabei zwei unbeteiligte Personen ums Leben, etwa 20 weitere wurden verletzt. IS-Anhänger bekannten sich über das Internet zu dem Anschlag. Nach Angaben der Behörden wurden die Attentäter von dem nach Syrien gereisten Naim nicht nur inspiriert, sondern auch finanziell unterstützt. In der Wohnung eines Attentäters soll später auch eine IS-Fahne gefunden worden sein.

Ob es dem IS tatsächlich gelungen ist, nun auch in Indonesien Fuss zu fassen, ist zwar unklar. Doch zwei Dinge sind am Donnerstag deutlich geworden: zum einen, dass örtliche Extremisten trotz des weitreichenden Anti-Terrorkampfes der indonesischen Regierung noch immer handlungsfähig sind; zum anderen, dass der IS zumindest den Eindruck erwecken kann, auch in Südostasien zuschlagen zu können.

«Taktik der Einschüchterung»

Selbst wenn die Verbindungen in Wahrheit nur sehr lose sind, ist dieser Eindruck womöglich entscheidend - für den IS ebenso wie für jegliche Sympathisanten der Terrormiliz. Sie «haben ein Interesse daran, als Teil eines grösseren Netzwerks betrachtet zu werden, denn das passt zu ihrer Taktik der Einschüchterung», sagt der Islam-Experte Carool Kersten vom King's College in London.

Im direkten Vergleich mit dem Anschlag von Paris, bei dem 130 Menschen getötet wurden, machten die Attentäter von Jakarta allerdings einen weit weniger professionellen Eindruck. «Es war ein recht einfach gehaltener Angriff. Sie waren nicht besonders gut bewaffnet», sagt der Sicherheitsexperte Scott Stewart von Beratungsfirma Stratfor. Die wesentliche Wirkung der Operation sei das grosse Aufsehen und die damit neu erweckte Angst.

In der Betonung einer Verbindung zum IS sieht Stewart auch einen Versuch der indonesischen Extremisten, sich in der öffentlichen Wahrnehmung neu zu positionieren. Nach dem Anschlag auf der Urlaubsinsel Bali hatte sich die Gruppe Jemaah Islamiyah noch als Verbündeten der damals international gefürchteten al-Qaida präsentiert. Der Anschlag in Jakarta wäre demnach nicht als Zeichen für ein Erstarken der örtlichen Terrorgruppen zu verstehen, sondern lediglich als Zeichen für deren Umorientierung. «Es sind im Wesentlichen die selben Leute», sagt Stewart.

Weiterbestehende Terrorgefahr – aber nicht sehr hochgradig

Nach Angaben der indonesischen Polizei war einer der getöteten Attentäter ein unter dem Namen Sunakim bekannter Terrorist. Dieser wurde einst mit militärischen Ausbildungscamps der Jemaah Islamiyah in der Provinz Aceh in Verbindung gebracht. Sunakim wurde deswegen zu sieben Jahren Haft verurteilt - kam dann aber vorzeitig wieder frei. Da es sich offenbar also nicht um eine komplett neue Bewegung handelt, sieht der Sicherheitsexperte Stewart für Indonesien eine zwar weiterbestehende, aber nicht sehr hochgradige Terrorgefahr.

Trotzdem dürfte der Kontakt indonesischer Extremisten zum IS in der gesamten Region für Unruhe sorgen, vor allem in Malaysia und Singapur, wo bereits Anschlagspläne aufgedeckt worden sind. Gemeinsam mit Indonesien hatten die beiden Länder daher kürzlich bereits beschlossen, in der Terrorabwehr enger zusammenzuarbeiten. Auch aus Malaysia, das wie Indonesien eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung hat, sollen Extremisten nach Syrien gereist sein, um sich dort dem IS anzuschliessen.

Erstellt: 16.01.2016, 18:13 Uhr

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