Tugendhafter Hindu in Tränen

Indiens Premier Narendra Modi will ein Vorbild sein, doch seine Gegner bremsen ihn aus.

Seinen Gegnern ist es immer wieder gelungen, ihn auszubremsen: Narendra Modi.

Seinen Gegnern ist es immer wieder gelungen, ihn auszubremsen: Narendra Modi. Bild: Justin Lane/Keystone

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Vor kurzem sahen die Inder ihren Premier im Silicon Valley sitzen und weinen. Narendra Modi sprach mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Der Auftritt war eigentlich ganz nach Modis Geschmack, er ist ein fleissiger Nutzer der sozialen Medien, über die er seine Botschaften direkt unters Volk bringt. Doch weil er nicht nur über die digitale Zukunft sprach, sondern auch über die Vergangenheit und seine Kindheit, überwältigten ihn die Gefühle. Als er erzählte, welche Opfer seine Mutter bringen musste, um die Kinder durchzubringen, brach seine Stimme. Indiens starker Mann kämpfte, um sich wieder zu fassen.

So erleben die Inder ihren Regierungschef selten. Zu Hause tritt er streng und entschlossen auf. Die emotionale Szene in der Ferne erinnerte daran, dass Modi auf der sozialen Leiter Indiens von weit unten bis ganz nach oben geklettert ist. Als Kind servierte er auf der Strasse Tee, nun lenkt der 65-Jährige eine aufstrebende Nuklearmacht, die schon in wenigen Jahren China als bevölkerungsreichstes Land ablösen dürfte. An dem Koloss kommt keiner mehr vorbei, schon gar nicht, wenn es darum geht, den Klimawandel zu bekämpfen.

Der Premier hat sich dem Klimaschutz verpflichtet, pocht aber auch auf Indiens Recht, sich zu entwickeln. Wie sich das Ziel reduzierter Treibhausgase mit dem Ausbau indischer Industrien verträgt, ist noch nicht deutlich geworden. Zwar betont Modi, dass er stark auf erneuerbare Energien setze, doch wirbt er um Investitionen in vielen Sektoren.

Modi setzt nicht nur aufs Geld. Tugenden sind ihm wichtig. Oft gibt er den Lehrmeister, beschwört Frömmigkeit, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Fitness, Fleiss. Das alles hält er für wichtig, wenn Indien vorankommen soll. Und er versucht, es selbst vorzuleben: Modi steht morgens um 4.30 Uhr auf, übt sich in Yoga, hält sich an vegetarische Kost, wie es strenggläubige Hindus tun. Er hasst den Schlendrian und mischt gern die indischen Amtsstuben auf, um den Beamten Beine zu machen.

Die Inder haben Modi 2014 gewählt, weil sie in ihm den Macher sahen. Nach 16 Monaten im Amt hat er manches angeschoben, aber auch ernüchternde Erfahrungen gemacht. Seinen Gegnern ist es immer wieder gelungen, ihn auszubremsen. Der Premier, der zuvor den Bundesstaat Gujarat regierte, hat erlebt, dass er auf nationaler Bühne viele Verbündete braucht, diese aber nicht hat. Im Oberhaus fehlt Modi die Mehrheit, sodass ihn die Opposition mit Grossreformen auflaufen liess: Das Gesetz zum schnelleren Landerwerb, einheitliche Steuern, all diese Pläne stecken fest. Den Ehrgeiz hat er nicht verloren. Aber der Premier braucht Zeit, die ihm das Land mit seinen rastlosen jungen Massen erst noch zugestehen muss.

Erstellt: 02.10.2015, 08:00 Uhr

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