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Und die in Asien sieht man nicht

Es müssen Hunderte Bauern in Bangladesh ertrinken, bevor ihnen ähnliche Aufmerksamkeit zukommt wie einem Opfer in der westlichen Welt.

Wer die Aufgabe hat, aus fernen Welten zu berichten, macht manchmal irritierende Erfahrungen. Man sieht bei der Arbeit in armen Ländern vieles, was zum Himmel schreit. Aber will das zu Hause, im fernen Europa, jemand lesen, hören, sehen? Klar, es gibt die sogenannten nachrichtenarmen Zeiten, das berüchtigte Sommerloch, in dem die Gesellschaften in den Wohlstandszonen samt ihres Politikbetriebs in den Ferien sind. Zeitungen haben dann auf einmal Platz für nahezu alles, sogar den Krieg in den Savannen des Sudan. Oder für Naturgewalten, die indische Kinder fortreissen oder Dörfer in Sri Lanka unter Schlamm begraben.

Die Lehre aus diesen schwankenden Erfahrungen lautet: Existentielles Leid per se reicht nicht, um konsequentes Interesse auszulösen. Viele Faktoren entscheiden darüber, ob es eine Katastrophe in die Abendnachrichten schafft. In der Vermittlung von Informationen ist das Ausmass der Gefährdung von Menschen kein allgemeingültiges Kriterium. Ansonsten wäre alles einfach: Dann würde die Regel gelten: Die Fluten in Asien sind derzeit besonders gross, also wird gross darüber berichtet.

Monsun: Retter evakuieren Bewohner einer Stadt auf den Philippinen. Foto: Erik de Castro/ Reuters
Monsun: Retter evakuieren Bewohner einer Stadt auf den Philippinen. Foto: Erik de Castro/ Reuters

Stattdessen wirken andere Reflexe meistens stärker: Nichts zeigt dies besser als das krasse Gefälle, das sich nun in der europäischen Wahrnehmung zweier grosser Naturkatastrophen aufgebaut hat. Im amerikanischen Texas tobt Hurrikan Harvey. Und das südliche Asien versinkt in den Fluten des Monsuns. In Indien, Nepal und Bangladesh haben die Naturgewalten weit mehr als tausend Menschen in den Tod gerissen, in den USA haben bislang drei Dutzend Bewohner ihr Leben gelassen. Harvey läuft auf allen Kanälen, die Reportagen aus Houston überschlagen sich. Und die Flutopfer in Südasien?

Wenn mediale Aufmerksamkeit auch ein Gradmesser für Werte einer Gesellschaft ist, muss sich Europa einige Sorgen machen. Vielleicht sind die Europäer noch immer nicht frei von postkolonialer Überheblichkeit, vielleicht haben sie noch rassistische Vorstellungen, ohne sich das einzugestehen. Denn zynisch gesprochen ist es doch so: Es müssen erst Hunderte von Bauern in Bangladesh ertrinken, bevor ihnen ähnliche Aufmerksamkeit zukommt wie einem einzigen Opfer in der westlichen Welt.

Nun werden manche einwenden, das sei ganz natürlich und auch in Ordnung. Denn Interesse hänge ab von den Möglichkeiten der Identifikation; und der emotionalen Nähe, die nötig sei, um Menschen für das Schicksal anderer zu interessieren. Eines dieser Argumente geht in etwa so: Houston ist eine westliche Industriestadt, sie spiegelt für Europäer eine eher vertraute Lebenswelt wider. Die Dörfer im Delta des Ganges hingegen sind ihnen fremd. Deshalb berührt das Leid in Houston Europäer stärker als die vielen Opfer in Asien.

Wenn mediale Aufmerksamkeit auch ein Gradmesser für Werte einer Gesellschaft ist, muss sich Europa einige Sorgen machen.

Wirklich? Amerikaner und Europäer mag ja vieles verbinden. Aber rechtfertigt das, andere Kulturen auszublenden? Auch die Erregungskurven in sozialen Medien mögen Hinweise geben, was Leute auf diesem oder jenem Kontinent gerade bewegt. Doch was ist mit jenen, die gerade nicht durch die Netze zwitschern? Man muss sich hüten, sie automatisch als interesselose oder gar indifferente Wesen einzustufen, obgleich man ihr Interesse vielleicht nicht im Netz sehen kann.

Oder ist es vielleicht noch ganz anders? Man könnte zum Beispiel annehmen, dass alles, was die Supermacht Amerika bewegt, automatisch wichtig ist für den Rest der Welt. In der Politik mag dies berechtigt erscheinen. Doch im Falle von Naturkatastrophen überzeugt das nicht. Sicherlich, es wird niemals gelingen, für alle Opfer dieser Welt Aufmerksamkeit aufzubringen. Aber ein wenig mehr Balance täte gut. Es wäre ein Zeichen, dass die reiche Welt des Westens die Menschenwürde für universell und unteilbar hält.

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