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Und plötzlich stand ganz Mumbai still

Nach dem Terroranschlag in Mumbai rätselt Indien über den plötzlichen Guerillakrieg junger, unmaskierter Terroristen, die von der See kamen und die Megalopolis erstarren liessen.

Eines der wenigen Bilder eines Attentäters von Mumbai. Es häufen sich die Hinweise, dass mindestens ein Teil der Terroristen aus Pakistan stammt.
Eines der wenigen Bilder eines Attentäters von Mumbai. Es häufen sich die Hinweise, dass mindestens ein Teil der Terroristen aus Pakistan stammt.
Keystone
Im jüdischen Chabad House kämpfen die Truppen derzeit gegen die letzten verbliebenen Terroristen.
Im jüdischen Chabad House kämpfen die Truppen derzeit gegen die letzten verbliebenen Terroristen.
Keystone
Getroffen hat es nicht nur Ausländer, sondern auch Angestellte, Polizisten und wohlhabende inländische Touristen.
Getroffen hat es nicht nur Ausländer, sondern auch Angestellte, Polizisten und wohlhabende inländische Touristen.
Keystone
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Wer schon in Mumbai war, wer diese überwältigend grosse und wirre Stadt mit ihren 18 Millionen Einwohnern schon erlebt und gelebt hat, geliebt und gehasst, beides leidenschaftlich und manchmal gleichzeitig, wer sich in ihrem Chaos und in ihrem Lärm schon verloren hat, der kann sich nur eines nicht vorstellen: dass sie einmal still stehen würde, und sei es nur einen Morgen lang.

Sie hat schon so viel gesehen über die Jahrzehnte hinweg. So viel Dramatisches, so viel Gewalt, Attentate, Rassenunruhen. Nichts hat Mumbai gestoppt. Die Stadt spielt den sozialen Katalysator, den wirtschaftlichen Motor Indiens. Am Donnerstag stand die Stadt plötzlich still. Die Strassen waren leer, die Börse blieb geschlossen, die Schulen auch. Die englische Cricket-Mannschaft sagte ihren Besuch ab, die meisten Fluggesellschaften annullierten ihre Flüge nach Mumbai, den Hotels wurde geraten, keine neuen Gäste aufzunehmen. Mumbai war wie gelähmt.

Der Terror kam vom Arabischen Meer her, kurz nach neun Uhr abends, als es schon dunkel war in der Stadt. Als sie in den Ballsälen in den noblen Hotels im Zentrum Hochzeiten feierten, in den Restaurants dinierten, in den Pubs von Colaba Bier tranken. Und der Terror kam auf eine Art, wie es niemand vorausgesagt hatte. Er kam nicht mit ferngezündeten Bomben, wie es sie in den letzten Monaten überall in Indien gegeben hatte – in Bangalore, Jaipur, Ahmedabad und in Delhi. Nicht mit Selbstmordattentaten, wie man sie in der Region aus Pakistan oder Sri Lanka kennt. Sondern mit kleinen, schwarzen Gummibooten mit Aussenbordmotoren.

Tatorte über die Stadt verteilt

Die meisten Terroristen legten im Süden Mumbais an, neben dem Gateway of India, dem Triumphbogen, einem der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt. Sie trugen keine Masken, ihre Gesichter waren gut sichtbar, im Fokus der vielen Sicherheitskameras der Stadt. Junge Männer in Jeans und T-Shirt und mit Rucksäcken voller Munition. Und sie waren bewaffnet mit Handgranaten, mit AK-47, mit Schnellfeuerpistolen, mit kleinen Bomben. Entschlossen, als wären sie auf einer genau orchestrierten, von langer Hand geplanten Mission. Ohne Furcht, erkannt zu werden. Bereit, zu sterben. In Bekennermails, die sie noch während der Operation versandten, nannten sie sich Deccan Mujahedin. Auch der Name ist neu. Deccan – so heisst ein Gebirgsplateau in Südindien.

An elf Orten in der Stadt eröffneten sie das Feuer, fast gleichzeitig. Sie warfen Granaten in Hotelhallen. Schossen willkürlich in die Massen auf der Strasse. Zielten auf Cafés und Restaurants. Eines der Ziele war der alte, barocke, schöne Hauptbahnhof von Mumbai, der einmal als Queen Victoria Station bekannt war und nun Chhatrapati Shivaji Terminus heisst, wie der Krieger aus dem 17. Jahrhundert. Sie schossen auch auf das Leopold Café am Colaba Causeway, ein beliebtes Restaurant unter ausländischen Touristen und der säkularen indischen Jugend und Mittelklasse. Ein Krankenhaus griffen sie an, ein Kino und ein Geschäftsgebäude.

Die Erinnerung an alte Konflikte

Am dramatischsten aber waren die Angriffe auf die Luxushotels Oberoi Trident und Taj Mahal Palace. Sie gehören zu den besten Hotels des Landes. Das «Taj» zählt zum Kulturerbe der Stadt. Die Terroristen drangen nach Mitternacht in das Hotel ein. Der Sicherheitskordon, der nach dem Attentat auf das Marriott Hotel im pakistanischen Islamabad im Oktober 2007 vor dem Taj Mahal verstärkt worden war, stellte kein Hindernis mehr dar. Die Bewaffneten stürmten die Lobby, dann die Bars und Restaurants des Hotels. Sie suchten nach Ausländern, nach Gästen mit britischem oder amerikanischem Pass. Sie trieben sie zusammen und brachten sie auf das Dach. Andere Staatsangehörige liessen die Terroristen ziehen. Die Amerikaner und Briten hielten sie als Geiseln fest.

Einer der Geiselnehmer rief einen Fernsehsender an und sagte, die Geiseln würden erst freigelassen, wenn alle islamischen Extremisten, die in Indien inhaftiert seien, aus dem Gefängnis entlassen würden. «Wir sind Inder, sie sind Inder, wir alle lieben dieses Land», sagte er, «warum habt ihr geschwiegen, als sie unsere Brüder und Väter umgebracht haben?» Er spielte auf religiöse Konflikte an zwischen Indiens Muslimen, mit 130 Millionen eine grosse und mancherorts benachteiligte Minderheit, und den Hindu-Nationalisten, den radikalen Vertretern der Mehrheit. Es gab sie immer wieder in der Geschichte, diese blutigen Zusammenstösse. Und meistens wurde der Streit politisch instrumentalisiert.

Bald brannten einige Zimmer im obersten Stockwerk des Hotels. Rauch und Flammen hüllten die alte Kuppel des «Taj» ein. Ein Bild mit ausserordentlich starker symbolischer Kraft für die Menschen in Mumbai. Das Hotelpersonal rief die Gäste auf, in ihren Zimmern zu bleiben, die Türen zu verriegeln, das Licht auszuschalten, die Mobiltelefone leise zu stellen, die Vorhänge zu ziehen. Damit sie sie nicht finden. Truppen einer Spezialeinheit, der National Security Guard, fuhren vor, in schwarzen Uniformen. Dazu Lastwagen voll mit Soldaten. Immer wieder fielen Schüsse, die ganze Nacht durch und noch am Donnerstag.

Im Oberoi spielten sich ähnliche Szenen ab. Und niemand, gar niemand schien zu wissen, wie viele Terroristen sich in den beiden Hotels aufhielten, und wie viele Geiseln sie gefangen hielten. Nicht einmal die Polizei, die versuchte, mit den Geiselnehmern zu verhandeln und gleichzeitig die Bevölkerung zu beruhigen. Beides war schwierig. Drei hochrangige Polizeibeamte, so viel war zu jenem Zeitpunkt schon bekannt, waren erschossen worden.

Gibt es einen grossen Masterplan?

Im Oberoi Hotel, so wurde dann bekannt, stammten etliche der Geiseln aus Israel. Das schien der Aktion eine noch grössere internationale Dimension zu geben. In einem Wohnhaus im Geschäftsviertel Nariman hielten Terroristen überdies einen Rabbiner mit seiner Familie fest. Das Paar betreibt ein Café und verwaltet eine Synagoge. War die Geiselnahme der Israeli gezielt geplant? Kannten die Terroristen die Gästeliste des Oberoi? War der Rabbiner ein ausgewähltes Opfer der Terroristen? Kann es also sein, dass es hinter dieser Operation einen grossen Masterplan gibt? Vielleicht einen, der unter der Regie von al-Qaida ausgearbeitet worden war? Doch auch das war nur eine von vielen Thesen.

Der «Schatten der Unterwelt»

Es könnte auch ein «Schatten der Unterwelt» über den Anschlägen liegen, meinte die Regierung. Mumbai hat eine berüchtigte Unterwelt, sie betreibt so etwas wie einen Parallelstaat. Der einst mächtigste Clan heisst D-Company. «D» steht für Dawood. Dawood Ibrahim, 52 Jahre alt, ist der Boss. Er ist ein Boss auf der Flucht. Wahrscheinlich hält er sich in Pakistan auf, am ehesten in Karachi, vielleicht aber auch in einem der Golfstaaten. Für die Amerikaner gehört er zur Riege der «global terrorists». Und für die Inder ist er der «most wanted» schlechthin unter den nationalen Terroristen. Dawood war ein Gauner, ein Geldwäscher und Drogenhändler, der sich in den 80er-Jahren ein grosses Imperium erschuf.

Er beherrschte die Parallelwelt, sie überlappte zuweilen die reale Welt in bedenklicher Weise. Bis zum Winter 1992/93 war das so. Es war ein verhängnisvoller Winter für die Stadt Mumbai, einer, an den man sich nun unweigerlich wieder erinnert. Am 6. Dezember 1992 hatte ein Mob von mehr als 100 000 radikalen Hindus im nordindischen Ayodhya, etliche Hundert Kilometer entfernt von Mumbai, die alte Babri-Moschee zerstört, ein Heiligtum der Muslime. Die Hindus sind der Meinung, auf dem Land, auf dem die Moschee stand, habe davor ein Hindu-Tempel gestanden. Die Zerstörung der Moschee zog eine Reihe von Unruhen nach sich in Indien. Zu den blutigsten gehörten jene in Mumbai. Alte Ressentiments zwischen Religionsgruppen brachen offen auf. Es gab Verfolgungen, Razzien, Massaker. Viele starben.

Am 12. März 2003 folgte dann die Vergeltung. Zwölf Bomben explodierten in mehreren Vierteln der Stadt, eine davon an Mumbais Börse und eine am Sitz der nationalen Fluggesellschaft Air India. 257 Menschen starben. Finanziert und organisiert hatten die Anschläge die D-Company und ihr Boss, Dawood Ibrahim. Seit jenem Winter ist in Mumbai nichts mehr, wie es einmal war.

Am Donnerstagabend, 24 Stunden nach den Anschlägen, kreisten noch immer Hubschrauber über den Hotels. Noch immer waren Schüsse zu hören und kleine Explosionen. Noch immer machte es den Anschein, als hielten die Terroristen Geiseln fest im Oberoi Trident. In einem Blog schrieb «Rama» aus Delhi: «Bisher hatten die Terroranschläge nur arme Bürger getroffen. Vielleicht handelt die Regierung jetzt, da auch reiche Inder und Ausländer unter den Opfern sind.»

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